Palms turbulentes Leben (Teil 2)

Neue Smartphones von Palm werden erstmals mit Windows Mobile als Betriebssystem kommen. Legt die Firma damit ihre Zukunft in Microsofts Hand?

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Von
  • John Gartner

In seiner nun neunjährigen Geschichte hat kaum ein anderes Unternehmen Höhen und Tiefen der mordernen IT-Wirtschaft so hautnah er lebt, wie Palm. Dementsprechend gut eignet sich Palms kurze wie ereignisreiche Geschichte als interessantes Modell für alljene Faktoren, die den PDA- Markt geformt und verändert haben (und noch verändern werden). Technology Review schildert die Chronologie des Unternehmens Palm in zwei Teilen: Zunächst die Jahre 1996 bis 2004, im zweiten Teil jetzt das Jahr 2005 und die weitere Zukunft der Firma.

Kaum ein Unternehmen aus der Zeit kurz vor dem Dot-Com-Boom hat derart viele Inkarnationen durchlebt wie Palm. Die Firma kam 1996 groß mit dem Original-Palm Pilot heraus und erwarb sich so bis zum Jahr 2000 einen Marktanteil im Handheld-Sektor von 65 Prozent – nur um ihn in den nächsten Jahren schrittweise an Wettbewerber wie Handspring, Research in Motion (RIM) und Hewlett-Packard abzugeben.

Gleichzeitig brach Palms Stammbaum auseinander: Noch vor dem Start der Palm Pilot-Produktlinie hatte Palm-Mitbegründer Jeff Hawkins die Firma an den Modemhersteller US Robotics verkauft. Dieses Unternehmen wurde im Anschluss 1997 vom Netzwerkgiganten 3Com übernommen. Ein Jahr später verließen Hawkins und zwei weitere Palm-Mitbegründer 3Com, um Handspring zu gründen. Palm trennte sich schließlich von 3Com und ging im Jahr 2000 an die Börse. 2003 kaufte sich Palm dann Handspring zurück und gründete seine Betriebssystem-Abteilung als PalmSource aus. (Inzwischen aufgekauft vom japanischen Mobil-Software- Spezialisten Access.)

Mit dem Kauf von Handspring und seiner Treo-Linie wurde Palm erstmals zu einem kleinen Player im Smartphone-Markt. Der Treo besitzt laut IDC derzeit aber nur einen Marktanteil von 3,1 Prozent, während die Palm-Handhelds Zire und Tungsten (ohne Telefonfunktion) mehr als ein Drittel ihres Marktes beherrschen. Doch wie wir bereits im ersten Teil unserer Palm-History feststellen durften: Der Durchbruch des Smartphones zwang Palm dazu, seine Entwicklungsarbeit stark auf den Treo zu konzentrieren und sich klar zu werden, dass seine Handheld- Abteilung womöglich bald Geschichte ist.

Wettbewerb und technologische Veränderungen zwangen Palm schon öfter zu großen Veränderungen. Die letzte erstaunliche Wendung: Im Herbst kündigte Palm an, dass man viele seiner künftigen Geräte nicht mehr mit Palm OS von PalmSource ausrüsten werde, sondern stattdessen auch auf Microsofts Windows-Mobile-5.0-Betriebssystem setzen will. Dieser Schritt wirft viele Fragen zur Zukunft der Firma auf – inklusive der, ob Palm noch eine Identität außerhalb des Microsoft-Kosmos bleibt.

2005: Partnerschaften mit Microsoft und RIM

Mit dem Spin-Off der Software-Abteilung im Jahr 2003 bekam Palm erstmals die Möglichkeit, das Betriebssystem einer anderen Firma in seinen Produkten zu verwenden. Douglas Edwards, Vizepräsident und Mitbegründer der Mobilsoftwarefirma Handmark, meint, dass von diesem Moment an klar wurde, dass Palm irgendwann eine Partnerschaft mit Microsoft eingehen würde.

Es dauerte allerdings noch zwei weitere Jahre. Im September 2005 kündigten Microsoft und Palm dann an, dass Windows Mobile 5.0 auf einem zukünftigen Treo-Modell laufen werde: "Sobald sich Palm aus dem Betriebssystemgeschäft verabschiedete, stand fest, dass eine Zusammenarbeit mit Microsoft unvermeidlich ist", meint Edwards.

Insider bei Palm sagen, dass zwar die Kundschaft mit PalmOS so weit zufrieden war, doch die Firma zum Erreichen der nächsten Wachstumsstufe ein neues Betriebssystem haben wollte. So enthält Windows Mobile 5.0 Funktionen, die im Palm OS noch fehlen.

Trotz dieser guten Gründe muss sich das Unternehmen nun aber erst einmal an die Rolle als weiterer Windows-Lizenznehmer gewöhnen. Palm muss seine Produkte künftig von denen anderer Windows-Mobile-Konkurrenten absetzen – egal, ob sie nun Audiovox, Motorola, Samsung oder anders heißen. Außerdem ist Palm nun an Microsofts Entwicklungsgeschick gebunden, sein Betriebssystem zu anderen Smartphone-Oberflächen wettbewerbsfähig zu halten – Konkurrenz kommt von Symbian, Linux oder Palm OS.

Das Absetzen von der Konkurrenz wird vermutlich jedoch nicht ganz so schwer. Laut Page Murray, dem Marketingvizepräsidenten von Palm, wird sich das Software-Interface des neuen Treo von dem anderer Windows-Mobile-Geräte unterscheiden. Während diese sich genau an Microsofts Implementationsrichtlinien halten müssen, verabredete Palm mit Microsoft eine Ausnahmegenehmigung, nach der die Treo-Software so verändert werden darf, dass sie sich wie ein Palm-Gerät anfühlt.

Derweil wurde Microsoft nicht Palms einziger neuer Partner: Der neuen Strategie folgend, die beste Software für seine Treo-Produktlinie zu finden, lizenzierte das Unternehmen wenige Wochen nach dem Deal mit Redmond auch noch einzelne Technologien des langjährigen Konkurrenten RIM. Mit diesem Deal können Treo-Besitzer künftig RIMs "BlackBerry Connect"-Software einsetzen, um ihre geschäftlichen E-Mail-Accounts über eine sichere Verbindung zu erreichen.

Die Partnerschaft mit RIM wird es Palm ermöglichen, seine Produkte in neuen Märkten abzusetzen – beispielsweise bei Behörden oder im Finanzbereich. Dort war bislang der BlackBerry das Gerät der Wahl – der Grund waren seine E-Mail-Fähigkeiten. Palm profitiert von dem Doppel-Deal zusätzlich, weil die Firma ihre Smartphones nun an Unternehmen verkaufen kann, die sowohl Microsofts als auch RIMs E- Mail-Server verwenden. Edwards: "Palm verkauft keine E-Mail-Server. RIMs Konkurrent bleibt Microsoft, nicht Palm."

Die Zukunft

Das Wachstum im Smartphone-Markt half Palm dabei, 2005 seinen ersten Jahresgewinn seit fünf Jahren einzufahren – immerhin 77 Millionen Dollar. Derzeit versucht die Firma, ihr stagnierendes Handheld- Geschäft mit Geräten anzukurbeln, die Video- und Audiowiedergabe- Funktionen mit Kommunikations- und Business-Productivity-Features kombinieren.

Im Mai brachte man mit dem "LifeDrive" einen "mobilen Medienmanager" auf den Markt, der eine vier Gigabyte große Festplatte zur Ablage von Geschäftsdokumenten und Multimedia-Dateien mitbrachte. Das Gerät kommt außerdem mit E-Mail-Empfang über Bluetooth- oder WLAN- Verbindungen. Im Gegensatz zu Windows-basierten Festplatten-Medienplayern von iRiver, Samsung oder Creative kann das LifeDrive nicht nur abspielen, sondern auch zum Editieren von Word-, Excel- und PowerPoint-Dateien verwendet werden.

Das neue Palm-Gerät könnte das Kundeninteresse an mobilen Videogeräten wecken, ist mit 500 Dollar allerdings ziemlich teuer. Das LifeDrive läuft derzeit mit Palm OS 5.4, wobei sich Palm die Freiheit nehmen will, zu einem Konkurrenzbetriebssystem umzuziehen.

Laut Palm-Chef Ed Colligan könnte das LifeDrive die verschiedensten Formen annehmen. Das alte Handheld-Konzept sei im Gegensatz zu aktuellen Multimedia-Interessen im Markt veraltet. Palm will außerdem weitere Geräte zum Abspielen digitaler Medien auf dem Markt bringen, was die Firma in Konkurrenz zu Apples iPod setzt.

Der Markt wird entscheiden, ob Smartphones oder Handhelds zu Palms Topsellern werden. Eine weitere große Frage: Wie wird sich Palms neue Abhängigkeit von Microsoft konkret äußern? Durch die Umarmung des Softwaregiganten kämpft die Firma plötzlich an zwei Fronten um die Zukunft der Mobil-Betriebssysteme.

Palm nutzt Palm OS weiter in seinen Produktlinien LifeDriw, Zire und Tungsten und dĂĽrfte es zumindest in einigen seiner zukĂĽnftigen Produkte weiterverwenden. Im Mai unterzeichnete das Unternehmen einen FĂĽnfjahresvertrag mit PalmSource, laut dem man mindestenst 148,5 Millionen Dollar an Lizenzzahlungen leisten wird.

Der Wechsel der Treo-Plattform auf Windows Mobile dürfte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Microsoft zum führenden Anbieter von Mobile-Computing-Software wird, wie Softwareentwickler Edwards meint. Gleichzeitig könnten Probleme bei PalmSource dazu führen, dass Palm eine weitere Option verliert und künftig gänzlich auf Windows Mobile setzen muss, das bereits von zahlreichen Konkurrenten verwendet wird.

Die Aussichten für PalmSource sind unklar. Neben Palms teilweisem Weggang musste der OS-Spezialist auch den Niedergang des Sony-Handhelds Clié verkraften, den das Unternehmen 2004 in den USA einstellte. Im Juli 2005 machte außerdem der Multimedia-Handheld-Hersteller Tapwave dicht, der ebenfalls auf Palm OS gesetzt hatte.

PalmSource konnte allerdings auch neue Kunden gewinnen: Im Juli 2005 entschied sich der koreanische Anbieter LG dazu, künftig Smartphones mit Palm OS zu bauen. Der Aufkauf von PalmSource durch den Mobil-Software-Spezialistien Access Corporation aus Tokio, der im September abgeschlossen wurde, dürfte das Unternehmen außerdem mit einer besseren finanziellen Basis ausstatten. Palm selbst hat laut eigenen Angaben ein positives Verhältnis zu Access, immerhin lieferte die Firma früher den Internet-Browser "Blazer" zu.

Zusammengefasst hängt Palms Zukunft vor allem von den grundlegenden Fragen im PDA-Markt ab. Wird das Smartphone zum einzigen Gerät, das die Leute mit sich herumtragen? Oder werden die Kunden weitere Komponenten wollen, etwa einen Musik- oder Videoabspieler? Zweitens stellt sich die Frage, ob die Beziehung zu Microsoft stark bleibt. Und drittens muss sich entscheiden, ob Palm seine Handheld-Linie wieder nach vorne bringen kann oder der Erfolg künftig vor allem vom Smartphone-Bereich abhängt. Welche Antworten sich auf diese Fragen auch ergeben, Palm wird wohl kaum ein Problem damit haben, sein Geschäftsmodell drastisch zu verändern, wenn es nötig ist. Das hat das Unternehmen in den letzten neun Jahren deutlich gezeigt.

Von John Gartner; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)