Darwins natĂĽrliche Feinde

Doch die meisten Experten halten die Theorien dieser religiös motivierten Denkschule für blanken Unsinn.

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Von
  • Astrid Dähn
  • Thomas Vasek

An Sendungsbewusstsein fehlt es William Dembski nicht. Der amerikanische Mathematiker und Theologe vergleicht sich gern mit den Pionieren der modernen Physik und postuliert nichts weniger als ein "viertes Gesetz der Thermodynamik". Dass die meisten Wissenschaftler seine Thesen für blanken Unsinn halten, ficht ihn dabei nicht an: Seine Mission ist die Widerlegung der Darwin'schen Evolutionstheorie – und der wissenschaftliche Beweis für die Existenz Gottes.

Dembski ist eine der Galionsfiguren einer religiös motivierten Denkschule, die sich dem Kampf gegen die gottlosen Welterklärungsmodelle der modernen Naturwissenschaft verschrieben hat: "Intelligent Design" (ID) gilt als die bislang subtilste Version des Kreationismus, also des Glaubens an die Wahrheit der biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Verfechter von ID wollen die Evolutionstheorie nicht mit Theologie, sondern mit wissenschaftlichen Argumenten erschüttern. Die Kernidee ist simpel: Das Leben in all seiner Komplexität, vom Vogelflug bis zum menschlichen Auge, könne nicht durch evolutionäre Mechanismen allein entstanden sein.

Zumindest in den USA fallen die Theorien der Neokreationisten auf fruchtbaren Boden. Laut einer Umfrage glauben 54 Prozent von 1000 befragten erwachsenen Amerikanern nicht, dass sich der Mensch aus einer früheren Art entwickelt hat. 55 Prozent sprachen sich dafür aus, dass an den Schulen nicht nur Evolution gelehrt werden sollte, sondern auch Kreationismus und "Intelligent Design" – dieser Auffassung ist auch Präsident George W. Bush. Und seit sich Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus für einen kreationistischen Biologen stark gemacht haben soll, grassiert das Virus der "Intelligent Design"-Debatte auch hierzulande.

Dabei hat kaum eine andere Theorie die Wissenschaft und unsere Sicht der Natur derart umgewälzt wie die vor 150 Jahren von Charles Darwin entwickelte Evolutionslehre. Unter Evolution versteht man seither den Vorgang, durch den sich alles Lebendige nach und nach entwickelt hat und weiterhin entwickelt – gemeinsame Abstammung, genetische Variation, Eliminierung der weniger geeigneten Lebewesen durch natürliche Selektion. Die meisten Biologen sehen Darwins Theorie heute als bewiesen an: "Evolution ist keine Vermutung oder Annahme, sondern eine nüchterne Tatsache", schrieb etwa der Anfang 2005 verstorbene Harvard-Professor Ernst Mayr, einer der großen Evolutionsbiologen des vergangenen Jahrhunderts. Tatsächlich scheinen die Belege überwältigend: Anhand von Fossilfunden lässt sich die Entwicklung von Lebewesen aus ihren Vorläufern dokumentieren. Ähnlichkeiten im Körperbau zwischen verschiedenen biologischen Gruppen belegen die gemeinsame Abstammung, und für die Evolution sprechen auch rudimentäre Strukturen, die bei früheren Arten noch Funktionen zu erfüllen hatten. Mit modernen molekularbiologischen Methoden kann man heute sogar die Stammesgeschichte einzelner Gene nachvollziehen.

Im Unterschied zu physikalischen Gesetzen kann man die historische Evolution, die sich über einen Zeitraum von hundert Millionen Jahren vollzogen hat, nicht einfach im Experiment beobachten, sondern nur wie in einem gleichsam kriminalistischen Puzzlespiel aus vorgefundenem Beweismaterial erschließen. Zwangsläufig gibt es etwa bei den Fossilfunden Lücken - und "Intelligent Design"-Theorien zielen darauf ab, diese Lücken in der evolutionären Beweiskette zu Indizien für einen "intelligenten Gestalter" umzuinterpretieren. Dabei stellen sie zumeist nicht in Abrede, dass "Mikroevolution" auf der Ebene der biologischen Art stattgefunden hat - sie bestreiten jedoch energisch, dass sich die übergeordnete "Makroevolution" so abgespielt hat, wie es die Darwin'sche Theorie nahe legt. Ihr Versuch einer Beweisführung ist indirekt: Wenn eine biologische Struktur nicht aus den evolutionären Mechanismen von Zufall und Notwendigkeit erklärt werden könne, so das Kernargument, dann müsse man daraus eben auf einen "intelligenten Gestalter" schließen.

"Irreduzibel komplex" nennt der US-Biochemiker und ID-Protagonist Michael Behe Strukturen, die aus mehreren Teilen bestehen und nicht mehr funktionieren, sobald man eine Komponente entfernt. Als Analogie benutzt er den Aufbau einer Mausefalle. Solche irreduzibel komplexen Systeme in der Biologie, so lautet Behes Argument, seien durch Evolution nicht zu erklären: Schließlich könne die natürliche Selektion eine bestimmte Funktion nicht begünstigen, bevor sie überhaupt vorhanden sei.

Das Argument steht allerdings auf schwachen Beinen. Was Behe dabei übersieht, so halten die Evolutionsbiologen dagegen, ist die Tatsache, dass biologische Systeme im Verlauf der Evolution ihre Funktion verändern können. Als typisches Beispiel gilt der Vogelflug. Sehr wahrscheinlich entwickelten jene Laufreptilien, von denen die Vögel abstammen, Urformen des Flügels, weil ihnen diese einen Vorteil beim Fangen von Insekten verschafften. Gemessen an der heutigen Verwendung mögen Flügel tatsächlich irreduzibel komplex erscheinen – im Licht früherer Funktionen sind sie es keineswegs.

Subtiler als Behe argumentiert der ID-Verfechter William Dembski. Auch er erläutert seine Theorie mit einer Analogie: Wenn ein Bogenschütze auf eine Scheibe schießt und hundertmal hintereinander ins Schwarze trifft, könnte man daraus folgern, dass er tatsächlich auf die Scheibe gezielt hat. Das Treffen der Scheibe repräsentiert für Dembski ein Muster – und zwar eines, aus dem wir auf die Fähigkeiten des Schützen schließen können. Angewandt auf die Biologie soll dies bedeuten: Hochkomplexe Strukturen wie das menschliche Auge lassen sich aus zufallsabhängigen evolutionären Prozessen nicht hinreichend erklären, sondern eben nur durch intelligentes Handeln. Dembski behauptet, dass sich in biologischen Strukturen eine Art Signatur dieser Intelligenz nachweisen lässt – nämlich "spezifizierte Komplexität". Komplex nennt Dembski eine Struktur dann, wenn sie mit einer geringen Wahrscheinlichkeit auftritt. Spezifiziert ist sie, wenn sie ein erkennbares Muster aufweist. Würden Scrabble-Steine beim zufälligen Herunterfallen ein Goethe-Gedicht ergeben, so läge nach seiner Theorie spezifizierte Komplexität vor.

Dembskis zentrale These lautet: Natürliche Vorgänge können keine solchen spezifiziert komplexen Strukturen hervorbringen. Nach Ansicht der Kritiker bleibt allerdings schon der Schlüsselbegriff der spezifizierten Komplexität nebulös. Dembski lege sich nicht genau fest und versuche, vage Definitionen durch "Pseudomathematik" zu untermauern. Fragwürdig erscheint dabei schon der Ansatz, mit kruden wahrscheinlichkeitstheoretischen Argumenten könne man solche spezifiziert komplexen Muster detektieren.

Ohne zusätzliche Information, nur auf Basis des Musters selbst lässt sich die Frage schlechterdings nicht entscheiden. In Dembskis Analogie: Wenn wir eine Zielscheibe mit hundert Pfeilen mitten im Schwarzen finden, können wir daraus nicht viel schließen, sofern wir die näheren Umstände nicht kennen – etwa aus welcher Entfernung der Schütze geschossen hat. Biologischen Vorgängen lassen sich nicht ohne weiteres Wahrscheinlichkeiten zuordnen, es gibt keine wiederholten Beobachtungen wie beim mehrfachen Kopf-oder-Zahl-Wurf einer Münze – schon deshalb sehen manche Dembskis Mathematik- Spiele als pseudowissenschaftlichen Unsinn. Die Kritiker verweisen auf die sattsam bekannten Bibel-Codes: Dabei geht es um die Behauptung, die Bibel enthalte verschlüsselte Botschaften, etwa Vorhersagen von historischen Ereignissen. Auf den ersten Blick ist das Phänomen verblüffend, da solche Treffer extrem unwahrscheinlich wirken. Inzwischen gibt es für sie jedoch eine wissenschaftliche Erklärung: Aus jedem hinreichend langen Text lassen sich beliebige Muster herauslesen – es kommt nur darauf an, wie und wonach man sucht.

Schon Dembskis Terminologie mag unpräzise und inkonsistent sein – für unplausibel oder schlicht falsch halten die meisten Forscher jedoch seine zentrale These, wonach natürliche Vorgänge ohne Intelligenz keine spezifizierte Komplexität generieren können. Zum einen haben Biologen und Informatiker gezeigt, dass evolutionäre Algorithmen ohne externe Intelligenz auskommen. Zum anderen deutet auch das Verhalten selbstorganisierender Systeme in der Natur, etwa von Ameisenschwärmen, darauf hin, dass komplexe Strukturen ohne jegliches intelligentes Design entstehen können. Die Informatiker Jeffrey Shallit und Wesley Elsberry, die sich Dembskis Theorien in einem Aufsatz vorgenommen haben, fällen über das Konzept der spezifizierten Komplexität deshalb ein vernichtendes Urteil: "Es funktioniert nicht, es ist nicht wohldefiniert, und es hat nicht einmal die Eigenschaften, die Dembski selbst behauptet."

Der zentrale Irrtum, meinen ID-Gegner, liege bereits in der Bogenschützen-Analogie. Darin werde unterstellt, dass evolutionäre Vorgänge überhaupt auf ein bestimmtes Ziel zusteuern würden. Eine solche teleologische Erklärung sei jedoch schlicht überflüssig. In Wahrheit kristallisiere sich das Ziel eben erst durch den evolutionären Selektionsmechanismus heraus - die Zielscheibe lasse sich gewissermaßen erst im Nachhinein zeichnen. Noch grundlegender ist ein anderer Einwand gegen die einschlägigen "Intelligent Design"-Theorien: Sie seien schlicht unwissenschaftlich, unter anderem weil sie nicht auf falsifizierbaren Hypothesen beruhen. Unter diesem Gesichtspunkt mag auch die Evolution als wissenschaftliche Theorie Schwächen haben - ihre größte Stärke ist allerdings die Einfachheit ihrer Prinzipien, die mit allen bislang bekannten biologischen Fakten in Einklang steht: Evolution ist eben ungleich plausibler als "Intelligent Design".

Ehe ein Dialog möglich ist, müssten die ID-Verfechter zumindest die Grundregeln des wissenschaftlichen Diskurses akzeptieren: "Nach den Fußabdrücken Gottes zu suchen ist nicht notwendigerweise unwissenschaftlich", schreiben die Physiker Mark Perakh und Matt Young in "Why Intelligent Design Fails", einem Sammelband, in dem sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen mit den zentralen Argumenten der ID-Bewegung auseinander setzen: "Unwissenschaftlich ist es nur, über die Antwort vorneweg zu entscheiden und nach Gott mit der Absicht zu suchen, ein positives Ergebnis zu erhalten."

(Text entnommen aus Technology Review Nr. 1/2006; das Heft können Sie hier bestellen.) (wst)