Wiederbelebung eines Killers
Man weiĂź nicht, wann er kommt, und man weiĂź nicht, wie er heiĂźen wird.
- Hanno Charisius
Man weiß nicht, wann er kommt, und man weiß nicht, wie er heißen wird. Aber man weiß: Der Killer kommt bestimmt. Alle Welt hat Angst vor dem Ausbruch einer globalen Influenza-Epidemie. Nicht vor der jährlichen Grippewelle, die ein paar Länder heimsucht und einige zehntausend Menschen tötet, sondern vor einem Virus, das auf der ganzen Welt wütet, einem so genannten Pandemievirus mit Millionen Opfern. Experten fürchten, dass die Vogelgrippe, die seit 1997 in Südostasien umgeht und bereits Millionen Tiere getötet hat, auf den Menschen überspringen und die nächste Pandemie auslösen könnte. Noch kann das Vogelvirus aber nicht von Mensch zu Mensch springen.
Warum sich das Virus diesmal so viel Zeit lässt, ist ebenso unklar wie die Veränderung, durch die das Virus in regelmäßigen Abständen einen derartigen Aggressionsschub bekommt. Um diese Fragen zu klären, machte sich der Molekularbiologe Jeffrey Taubenberger vom Pathologie-Institut der US-Armee in Rockville auf die Suche nach Resten des Virus, das 1918 als spanische Grippe schätzungsweise 50 Millionen Menschen weltweit tötete. In alten Gewebeproben fand er Bruchstücke des Keims, rekonstruierte daraus mit molekularbiologischen Methoden in mühevoller Kleinarbeit das Viruserbgut und schleuste es mit Hilfe von Genfähren in menschliche Zellen ein. Diese Methode wird als Reverse Genetik bezeichnet. In den Zellen sorgen die Virus-Gene für die Produktion und den Zusammenbau all jener Bestandteile, die für ein Virus nötig sind.
Molekulare FrĂĽherkennung
Wurde das Genom korrekt rekonstruiert, beginnt die Zelle in der Petrischale infektiöse Viruspartikel zu produzieren, als wäre sie von echten Viren befallen worden. Anfang dieses Jahres infizierte Taubenberger Mäuse mit den erweckten Viren der spanischen Grippe. Ergebnis: Alle Tiere starben binnen weniger Tage. Kein anderes Influenza-Virus kann so schnell töten, kein anderes vermehrt sich so explosionsartig, kein anderes ist so infektiös, beschrieb der Forscher Anfang Oktober seine Ergebnisse in der Zeitschrift "Science".
Zwei Gene hat Taubenberger im Verdacht, Ursache für diese Aggressivität zu sein. Doch seine Analysen lassen noch keine Rückschlüsse darauf zu, welche genetischen Anpassungen dem H5N1-Vogelgrippevirus fehlen, um so aggressiv zu werden wie einst die spanische Grippe. Trotzdem stellt seine Arbeit für die Grundlagenforschung einen großen Schritt dar. Durch Vergleiche mit anderen Influenzaviren könnte man zum Beispiel genau verstehen, welche molekularen Veränderungen ein gewöhnliches Grippevirus in einen hochgefährlichen Killer verwandeln. Mit diesem Wissen wäre es wesentlich leichter, Pandemien frühzeitig zu erkennen und mit gezielten Impfmaßnahmen einzudämmen. Aber derzeit können die Experten nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass aus dem bekannten H5N1-Virustyp einmal ein Pandemievirus wird. Immerhin ist er bereits in über 100 Fällen von Geflügel auf Menschen übergesprungen. Die Hälfte aller Infizierten starb daran.
Der Erreger der spanischen Grippe war vom Typ H1N1, der unter Epidemiologen als weitaus gefährlicher gilt als H5-Typen. Für Europas Geflügel gab es indes vorläufige Entwarnung: Das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems hat das Risiko für die Einschleppung der Vogelgrippe durch Zugvögel von "hoch bis mäßig" auf "gering" herabgesetzt, weil der Herbstvogelzug nun abgeschlossen sei. Zehn Tage vor Weihnachten erklärte das Institut, dass die Stallpflicht für Geflügel vorerst aufgehoben werden könne. Mit Beginn des Frühjahrsvogelzugs im Februar muss das Risiko wieder neu beurteilt werden. Spätestens dann werden wir wieder von der Grippe hören.
(Text entnommen aus TR 01/2006. Den vollständigen Schwerpunkt finden Sie in der Print-Ausgabe Nr. 1/2006. Das neue Heft ist ab dem 29. Dezember am Kiosk zu haben oder hier zu bestellen.) (wst)