Abbild des Unbewussten
Die funktionale Kernspintomographie könnte dabei helfen, die Psychoanalyse ins 21. Jahrhundert zu befördern.
- Emily Singer
Vor mehr als 100 Jahren stellte Sigmund Freud die seinerzeit revolutionäre Theorie auf, dass das versteckte Verlangen in unserem Unterbewusstsein einen Großteil des menschlichen Verhaltens steuert. Obwohl diese Sichtweise der menschlichen Psyche in den letzten Jahrzehnten unter mehr und mehr Psychologen in Ungnade fiel, betrachten Forscher sie seit kurzem erneut – mit neuen bildgebenden Verfahren, die die Abläufe im Gehirn darstellen können. Sie wollen so ein Fenster in die ansonsten unsichtbaren Abläufe im menschlichen Denkapparat aufstoßen, um beispielsweise Angststörungen besser zu verstehen. Zudem könnte es künftig möglich sein, herauszufinden, ob Verhaltenstherapie und Psychoanalyse tatsächlich auf das Unterbewusstsein durchschlagen.
"Einer der Gründe, warum sich die Leute von den Freudschen Theorien wegbewegt haben, ist ihre schlechte Nachprüfbarkeit", meint Ronald Cohen, ein Psychiatrieprofessor an der Brown University im amerikanischen Providence. "Experimente mit neuen bildgebenden Verfahren könnten womöglich einen direkteren Weg aufzeigen, die Ideen der traditionellen Psychoanalyse zu überprüfen."
Eine der Freudschen Theorien besagt, dass ein Mensch ein normalerweise harmloses Ereignis mit einem vorhergehenden schrecklichen Erlebnis assoziieren kann. So erinnert ein braver Golden Retriever traumatisierte Menschen womöglich an den Biss eines Rottweilers. Diese Theorie scheint sich beim posttraumatischen Stresssyndrom zu bestätigen: Ein Bus, der sich auf einer Straße bewegt, könnte beispielsweise bei einem Patienten, der in ein Busunglück verwickelt war, zu einer Panikattacke führen. Gleichzeitig kann er jedoch den eigentlichen Grund für diese Panikattacke womöglich nachträglich gar nicht mehr benennen.
Wissenschaftler testen derzeit mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren, wie das Angstsignal im Unterbewusstsein von unter dem posttraumatischen Stresssyndrom leidenden Menschen ausgelöst wird. Auch andere Angststörungen will man so untersuchen. Für ihre Experimente nutzen die Forscher die so genannte funktionale Kernspintomographie (englische Abkürzung: "fMRI"). Mit dieser wird es etwa möglich, die Gehirnaktivitäten zu beobachten, während eine Person Furcht auslösende Bilder betrachtet – etwa Gesichter mit angstvollem Blick. Diese Darstellungen können starke Aktivitäten in der Amygdala auslösen. Dieser Teil des Gehirns ist evolutionsbiologisch sehr alt und hilft bei der Verarbeitung von Gefühlen und Ängsten. Um die unterbewussten Aspekte von Furcht und Angst zu studieren, lassen die Forscher die Angst auslösenden Bilder so schnell ablaufen, dass die Getesteten sie nicht bewusst wahrnehmen. Das Gehirn reagiert trotzdem, obwohl die Testpersonen nachher nicht mehr sagen können, was sie tatsächlich gesehen haben.
Im vergangenen Jahr zeigten Amit Etkin und seine Kollegen an der Columbia University in New York, dass Menschen, die hohe Werte bei Angsttests zeigten, bei der Präsentation solcher unbewusster Furcht- Bilder stärkere Amygdala-Aktivitäten entwickelten als solche, die geringere Werte bei Angsttests erreichten. Die Studie legte nahe, dass die unbewussten Reaktionen eines Menschen auf die Welt auch seine alltägliche Angstanfälligkeit bestimmen.
Die Columbia-Forscher wollen diese Laborergebnisse nun auch therapeutisch überprüfen. In einer neuen Studie sollen 25 Personen mit diagnostizierter genereller Angststörung untersucht werden. Dabei will man feststellen, ob die starke Amygdala-Reaktion bei diesen Patienten präsent ist. Anschließend will man prüfen, ob Verhaltenstherapie sie wieder dämpfen kann.
"Wir können inzwischen bildgebende Verfahren als eine Methode verwenden, um das Ergebnis einer Therapie zu überprüfen", sagt der Nobelpreisträger Eric Kandel, ein Neurowissenschaftler an der Columbia University, der mit Etkin zusammenarbeitet. "Vielleicht können wir bei Menschen mit solch starken Angstausschlägen diese mit Hilfe von Therapie reduzieren."
Bei Menschen mit posttraumatischem Stresssyndrom wurde ebenfalls eine übertriebene Amygdala-Reaktion festgestellt, wenn sie Bilder ängstlicher Gesichter wahrnahmen. Jorge Armony, ein führender Neurowissenschaftler an der McGill University im kanadischen Montreal, untersucht Menschen mit posttraumatischem Stresssyndrom und solche, die es nach einem traumatischen Ereignis entwickeln könnten. Armony und sein Team wollen feststellen, ob sie aus der Amygdala- Reaktion ableiten können, wer das Syndrom entwickeln dürfte und wem die Therapie insgesamt nicht helfen kann. "Einige Menschen gesunden nach sechs bis zwölf Monaten – aber was ist der Unterschied zwischen denjenigen, die gesunden, und denjenigen, die das nicht tun?", so Armony.
Die fMRI-Technik eignet sich zwar bislang für die Reihenuntersuchung Kranker, ist jedoch noch nicht genau genug, um bei einzelnen Patienten bestimmte Krankheiten festzustellen, wie der McGill- Forscher meint: "Wir können sagen, dass jemand mit übertriebener Amygdala-Reaktion statistisch ein posttraumatisches Stresssyndrom entwickelt, aber das heißt nicht, dass jeder es entwickelt."
Hans Breiter, ein Neurowissenschaftler an der Harvard Medical School, der bereits in den frühen Neunzigerjahren als einer der ersten die Reaktionen der Amygdala mittels fMRI untersuchte, glaubt ebenfalls, dass es noch deutlich mehr Studien braucht, um die neurologischen Veränderungen bei psychiatrischen Krankheiten abzuschätzen und die Technik im klinischen Bereich zu verwenden. "Der Ansatz ist viel versprechend und ein richtiger erster Schritt, doch die Forscher brauchen größere fMRI-Studien mit mehr Personen, um abschätzen zu können, welche veränderten Gehirnfunktionen mit Angststörungen und Depressionen zu tun haben." Breiter glaubt, dass es hierbei zu sehr verschiedenen Gehirnaktivitätsmustern und therapeutischen Bedürfnissen kommen könne. Er schätzt, dass größere Studien in den nächsten fünf Jahren erfolgen werden.
Breiter und andere Experten sind optimistisch, dass fMRI eines Tages zur Untersuchung der Effektivität von Therapien genutzt werden kann. Unklar sei allerdings noch, welche Gehirnsignale die besseren Werte lieferten – bewusste oder unbewusste. "Die Frage ist, wie wichtig diese unterbewussten Phänomene sind. Aus der Perspektive kognitiven Verhaltens sind die bewussten Aspekte von Depressionen und Angststörungen wichtiger", so Brown-Forscher Cohen.
Sowohl Columbia-Mann Etkin als auch McGill-Forscher Armony nutzen fMRI bereits, um bewusste Prozesse bei Patienten mit Angststörungen zu untersuchen – etwa ihre Aufmerksamkeit. Beide planen, zu überprüfen, wie wichtig diese verschiedenen Faktoren für andere, mit Angststörungen zusammenhängende Krankheitsbilder wie Depressionen und Essstörungen sind.
"Es gibt einen Informationsprozess im Gehirn, der vollständig außerhalb des Bewussten erfolgt. Er konnte bislang nur mit Hilfe der Psychoanalyse untersucht werden", meint Tom Insel, Direktor der US- Nationalinstitute für geistige Gesundheit in Bethesda. "Nun können wir diese Prozesse mit bildgebenden Verfahren nachprüfen – und dieses Werkzeug ist wesentlich überzeugender."
Von Emily Singer; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)