WLAN-Handys in der Praxis
Der US-VoIP-Anbieter Vonage bietet ein WLAN-Handy an. Das Gerät macht Spaß, ist aber noch lange kein Ersatz für ein echtes Mobiltelefon.
- Simson Garfinkel
Auf der Unterhaltungselektronikmesse CES in Las Vegas in der vergangenen Woche stellten mindestens drei Anbieter Drahtlos-Telefone auf WLAN-Basis vor, mit denen die Nutzung des Internet-Telefonie-Dienstes Skype (mittlerweile eine eBay-Tochter) möglich ist.
Alle drei Hersteller, der Netzwerkspezialist Netgear sowie die Unterhaltungselektronikspezialisten Panasonic und Philips, ließen das Publikum dabei wissen, dass ihr Ansatz die Internet-Telefonie mobiler machen solle – besonders bei Gelegenheitsnutzern, die nach wie vor vor allem auf an Internet-PCs angeschlossene Headsets setzen. Panasonic kündigte außerdem ein WLAN-Handy für den populären und auf dem weltweiten Standard SIP basierenden US-VoIP-Anbieter Vonage an.
Ich selbst konnte ein ähnliches Gerät bereits im Vonage-Netz testen: Das seit einigen Monaten verfügbare UTStarcom F1000 kostet mit 50 Dollar Rabatt knapp 80 Dollar und benötigt den Abschluss eines Abos für mindestens 14,99 Dollar im Monat – mit Inklusivminuten (Anm. d. Red.: Das UTStarcom F1000 wird auch vom deutschen VoIP- Anbieter Sipgate vertrieben zum Preis von knapp 130 Euro.). Das WLAN- Handy macht in der täglichen Benutzung viel Spaß – jedenfalls, wenn man sich in einem Gebäude befindet, in dem es ein WLAN-Netz gibt. Es ist außerdem eine einfache Möglichkeit, die VoIP-Technik näher kennen zu lernen. Einen Pferdefuß gibt es allerdings: Obwohl das F1000 an ein echtes Mobiltelefon erinnert, ist es bislang noch kein Ersatz für ein solches Gerät.
Mit seiner Stummelantenne, seinen grünen und roten "Telefon"-Knöpfen und seinem quadratischen Ein-Zoll-Bildschirm in Schwarz-Weiß-Optik erinnert das F1000 an Handys aus den späten Neunzigern. Allerdings hat es nur eine Reichweite von wenigen Dutzend Metern. Mehr braucht es aber auch nicht: Wie ein Drahtlos-Laptop verwendet das Telefon einfach die bekannte WLAN-Technik 802.11. Wenn man einen Anruf startet, digitalisiert das F1000 die Stimme automatisch und schickt sie dann in Datenpaketen an die nächste WLAN-Basisstation.
Die Basisstation sendet diese Daten dann wiederum über das Internet zu Vonage, wo sie wieder in Sprache umgewandelt werden und der Anruf letztlich durchgestellt wird. Dank der geringen Reichweite benötigt das F1000 wesentlich weniger Sendeleistung als ein richtiges Mobiltelefon und hält deshalb je nach Benutzung zwischen zwei und drei Tage durch.
Als reines Telefon hat das F1000 diverse praktische Funktionen, wobei auch einige wichtige Elemente fehlen. Man kann damit jeden Telefonapparat auf der Welt anrufen, doch es arbeitet nur in WLAN- Netzen, in denen man auch angemeldet ist. Die Sprache wird zwar komprimiert, doch das stört nicht wirklich. Die "Caller ID"-Anzeige des F1000 zeigt entweder den Namen des Anrufers oder seine Telefonnummer, aber leider nicht beides. Nummern lassen sich nur aus dem Anrufverzeichnis in den Speicher einlesen, jedoch nicht vom PC aus. Ein Headset-Anschluss ist zwar vorhanden, aber leider keine eingebaute Freisprecheinrichtung. Das Telefon lässt sich über einen Mini-USB-Anschluss laden, benötigt dafür allerdings mehrere Stunden.
Zum Ausprobieren des in den USA populären Vonage-Dienstes ist das F1000 ideal, so lange man eine eigene WLAN-Basisstation im Haus hat. Man schaltet es das Telefon einfach an und stellt dann die WLAN-Daten ein. Das Telefon verbindet sich anschließend über das Internet automatisch mit Vonage, lädt die aktuellste Software-Version herunter und ist in wenigen Minuten betriebsbereit.
Vonage bietet zwei Tarifmodelle für Privatkunden: Der so genannte "Basic 500"-Tarif bietet 500 Gesprächsminuten im Monat für 14,99 Dollar. Sie können zu jedem Anschluss in den USA, Kanada und Puerto Rico abtelefoniert werden; wer mehr Minuten braucht, zahlt jeweils 3,9 Cent. Für 24,99 Dollar im Monat gibts den "Premium Plan". Er erlaubt beliebig viele Anrufe in obige drei Länder. Gleichzeitig empfängt man Anrufe kostenlos und kann kostenlos mit anderen Vonage-Teilnehmern sprechen – ähnlich wie man dies bei deutschen VoIP-Anbietern kennt. Andere Länder sind zu (für US-Verhältnisse) günstigen Tarifen zu erreichen: So zahlt man 4 Cent pro Minute nach Großbritannien, 10 Cent nach Südamerika und 70 Cent nach Afghanistan.
Was mir an Vonage jedoch besonders gefiel, sind die Zusatzdienste. Man kann seine Voicemail-Box entweder per Telefon abfragen oder sich die Anrufe per E-Mail zustellen lassen. Anrufweiterleitungen sind zu jeder Nummer in der Welt möglich. Es lassen sich sogar mehrere Rufnummern festlegen, die gleichzeitig klingeln, wenn jemand die Vonage-Nummer wählt. Ich selbst bin seit zwei Jahren bei Vonage. Wenn mich jemand anruft, klingelt es bei mir zu Hause, auf meinem Handy und in meinem Büro. Wenn ich eines dieser Telefone abnehme, hört das Klingeln auf.
Was am WLAN-Handy F1000 allerdings nervt, ist die grundlegende WLAN-Funktionalität, die doch eigentlich so zentral ist. Das Telefon besitzt einen WLAN-Empfänger, der sowohl WEP als auch die bessere WPA-Verschlüsselung unterstützt, so dass man sowohl in Heim- als auch in Firmen-Netzen Anschluss findet. Nervigerweise muss das Gerät allerdings bei jeder Netzwerkveränderung neu gestartet werden, was die Benutzung verlangsamt – einen automatischen Netzwechsel ("Handover") gibt es nicht.
Als noch schwerwiegender erweist sich, dass das Gerät keinen Webbrowser hat (für den auch ein größerer Bildschirm notwendig wäre): So lässt sich das F1000 nicht in WLAN-Netzen verwenden, in denen man vor Benutzung einen Usernamen, ein Passwort oder eine Kreditkartennummer auf einer Web-Seite eingeben muss. Kostenpflichtige Hotspots wie die von T-Mobile kann man also nicht nutzen. Und selbst freie WLAN-Netze auf Flughäfen oder in Innenstädten funktionieren meistens nicht – dort muss man nämlich normalerweise im Browser erst brav die Nutzungsbedingungen akzeptieren, was ohne einen solchen Web-Betrachter im Telefon natürlich nicht geht.
All diese Elemente machten das F1000 als Alternative für ein "echtes" Handy selbst in mit WLAN gut versorgten Städten nutzlos. In anderen Bereichen erweist es sich allerdings als ideal – beispielsweise als Haupttelefon für Studenten auf dem Campus und im Wohnheim. Die meisten Universitäts-Netzwerke erkennen zugelassene WLAN-Geräte über deren MAC-Netzwerkadresse. Hat man sich einmal angemeldet, braucht man keinen Browser und keinen Nutzernamen und kein Passwort mehr. Für knapp 15 Dollar kann ein Student dann auf dem ganzen Campus telefonieren. Zwar versagt das WLAN-Handy, sobald er die Uni verlässt, doch wenigstens kommen die Voicemails dann per E-Mail an.
Mein Fazit: Wir können uns sicher sein, dass die nächste Generation der Drahtlos-Telefone in immer mehr Hosentaschen auftaucht. Das alte Geschäftsmodell der Telefonfirmen wird sich drastisch verändern.
Von Simson Garfinkel; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)