Eine Impfung gegen Ăśbergewicht?

So klingt die Zeitungsente der Woche: US-Forscher haben entdeckt, dass Fettleibigkeit von infektiösen Viren verursacht wird.

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Von
  • Birgit Herden

Ist Übergewicht ansteckend? Hinter eher reißerischen Berichten der Tagespresse unter diesem Tenor steckt die ernsthafte Arbeit von Wissenschaftler der Universität von Wisconsin. Sie infizierten junge männliche Hühner mit einem bestimmten Typ von Adenoviren, und einen Monat später waren die Hähnchen massiv fetter als die gesunden Tiere der Kontrollgruppe. Die Forscher fanden bei ihnen rund doppelt so viel Körperfett, das Fett aus dem Bauchraum brachte sogar dreimal so viel auf die Waage. Dabei hatten die Hähnchen aber keineswegs mehr gefressen und waren durch die Verfettung auch nicht deutlich schwerer geworden – allein das Verhältnis von Körperfett und und Muskelmasse hatte sich drastisch geändert.

Die gerade im American Journal of Physiology erschienene Arbeit ist dabei nicht eine alleinstehende Kuriosität, sondern nur ein Baustein in einer längeren Argumentationskette der Forscher aus Wisconsin. Ein anderer Typ von Adenoviren (Ad-36) machte in früheren Arbeiten nicht nur Hühner, sondern auch Mäuse, Rhesus- und Pinseläffchen fetter. In einer weiteren Untersuchung fanden die Wissenschaftler bei 30 Prozent aller fettleibigen menschlichen Freiwilligen Antikörper gegen Ad-36, dagegen nur in 11 Prozent aller untersuchten schlanken Menschen. Und bei Zwillingspaaren, von denen der eine Antikörper in sich trug und der andere nicht, hatten die vormals Infizierten einen höheren Body-Mass-Index (im Durchschnitt 24,5) als ihre Brüder und Schwestern ohne Antikörper mit einem durchschnittlichen BMI von 23,1. Das entspricht bei einem Menschen von 1,75 Metern immerhin einem Unterschied von mehr als vier Kilo Körpergewicht.

Ist also die um sich greifenden Fettleibigkeit, die oft schon als "Epidemie” bezeichnet wird, genau das: Eine ansteckende Krankheit? Die Zahl der fettleibigen Menschen hat in den USA zwischen 1980 und 1990 um 30 Prozent zugenommen, im darauffolgenden Jahrzehnt betrug der Zuwachs der stark übergewichtigen Menschen sogar 61 Prozent. Das Adenovirus-36 wurde erstmals 1980 von dem deutschen Virologen Reinhard Wigand entdeckt, der es damals für einen seltenen und klinisch irrelevanten Typ hielt. Insgesamt kennt man heute 51 Typen der erstmals aus den Rachenmandeln (Adenoiden) isolierten Viren, die hauptsächlich Erkrankungen der Atemwege verursachen. Als Ursache der zunehmenden Fettleibigkeit gilt normalerweise die veränderten Lebens- und Essgewohnheiten – doch könnte in Wahrheit ein harmlos wirkender Virus mit beteiligt sein?

"Es wäre möglich, aber im Moment haben wir noch nicht genügend Daten, um das zu behaupten”, sagt Leah Wigham, eine Autorin der aktuellen Arbeit aus Wisconsin. "Aus ethischen Gründen können wir nicht Menschen mit Adenoviren infizieren. Aber durch die Tierversuche und die Assoziationsstudien haben wir guten Grund anzunehmen, das ein Zusammenhang besteht.”

Auf welche Weise aber Ad-36 das Hüftgold anschwellen lässt, das liegt noch weitgehend im Dunkeln. Immerhin haben die Forscher in der aktuellen Studien bei Kulturen von Mäusezellen gezeigt, dass die Infektion mit manchen Adenoviren Vorläuferzellen zu Fettzellen heranreifen lässt. Es wäre also denkbar, dass das Virus auch im Menschen die Bildung von Fettzellen anregt.

Dann aber beginnen die Widersprüche: Adenoviren scheinen beim Menschen paradoxerweise die Blutfettwerte zu senken. Und manche Virus-Typen wirken in Versuchen mit menschlichen Zellkulturen, andere in Tierversuchen, aber nur Antikörper gegen Ad-36 fanden die Forscher gehäuft in dicken Menschen.

"Das ist ein Drunter und Drüber und es gibt keinen plausiblen Mechanismus”, kritisiert deshalb auch Rudolf Zechner von der Universität in Graz. Als eine "lustige Story, die schwer einzuschätzen” sei, bezeichnet der Experte für Fettstoffwechsel die Studie. "Die ganze Arbeit ist praktisch von einer einzigen Truppe gemacht worden. Bevor nicht andere Gruppen die Ergebnisse bestätigt haben, ist es noch zu früh für ein Urteil.” Allerdings könne man die Fakten auch nicht ohne weiteres als Unsinn wegwischen, und für gänzlich ausgeschlossen hält Zechner einen Zusammenhang nicht: "Der Energiestoffwechsel wird von Hunderten von Faktoren beeinflusst, eine Infektion kann prinzipiell alle möglichen sekundären Botenstoffe beeinflussen.”

Die Forschergruppe aus Wisconsin denkt derweil schon weiter: "Ein Impfstoff gegen Adenoviren wäre eine realistische Maßnahme”, sagt Wigham. "Aber zuerst müssen wir noch herausfinden, welcher der mehr als 50 menschlichen Adenoviren Fettleibigkeit verursachen, sodass wir einen Impfstoff gegen alle relevanten Typen entwickeln können.”

Bis es so weit ist, bleibt uns eine tröstliche Gewissheit: Dicke Menschen sind nicht ansteckend. Wie jede normale Erkältung ist auch eine Infektion mit dem potenziellen Dickmacher Ad-36 eine vorübergehende Angelegenheit: Bei den Tierversuchen fanden die Forscher in Wisconsin schon drei Wochen nach der Infektion keine ansteckenden Viren mehr. Wenn überhaupt, dann sollte man sich also eher vor dünnen Menschen mit einer Erkältung in Acht nehmen – bei dicken Menschen ist der Schaden längst angerichtet und das Virus wieder verschwunden. Und auch falls sich die abenteuerliche Hypothese tatsächlich bestätigen sollte – als alleinige Erklärung für die Leibesfülle wird sie wohl niemals dienen. "Ob mit oder ohne Virus”, so Rudolf Zechner: "Was man nicht isst, kann man nicht zunehmen.”

Von Birgit Herden (wst)