Behandlung am Reaktorbecken
Der Inbetriebnahme des Forschungsreaktors in Garching ging ein langer Streit voraus, der in diesem Sommer ausgerechnet durch medizinische Experimente wieder ausbrechen könnte.
- Thorsten Naeser
Nur 20 Kilometer von München entfernt läuft seit Mai 2005 ein neuer Atomreaktor im Regelbetrieb – nicht um Strom zu produzieren, sondern allein zum Nutzen von Forschung und Entwicklung. Jahrelang haben Bürgerinitiativen gegen den rund 435 Millionen Euro teuren Reaktor gekämpft. Mittlerweile scheint es, als hätten sich die Gemüter abgekühlt. Doch in diesem Sommer könnte der Streit um den Forschungsreaktor Heinz Meier-Leibnitz (FRM II) erneut aufflammen.
Der Reaktor produziert Neutronen für Materialforschung und Medizin. Die Mehrzahl der Experimente, die nun in der so genannten Neutronenleiterhalle und der Experimentierhalle des FRM II durchgeführt werden, zielt darauf ab, den inneren Aufbau einer Probe zu erforschen, ohne sie dabei zu zerstören. Beim Tomografie-Instrument NECTAR beispielsweise wirken die Neutronen wie ein Mikroskop: Sie ermöglichen es, in das Innenleben von Turbinen oder Motoren zu schauen oder zu untersuchen, ob in den Beton eines Staudamms kleinste Mengen an Wasser eingedrungen sind, die das Material brüchig werden lassen.
Herzstück der Garchinger Neutronenquelle ist ein zylinderförmiges Brennelement mit rund acht Kilogramm hoch angereichertem Uran 235. Das kompakte Design und die Brennelemente aus hoch angereichertem Uran sorgen dafür, dass der Reaktor das weltweit beste Verhältnis von Neutronenfluss zu Wärmeleistung bietet. Doch gerade das HEU (Highly Enriched Uranium), wie der Brennstoff genannt wird, hat für Misstrauen in der Öffentlichkeit gesorgt, denn hoch angereichertes Uran ist – zumindest im Prinzip – auch atomwaffentauglich.
Als besonders zwingendes Argument im jahrelangen Streit um die Neutronenquelle wurde auch ihre medizinische Anwendung angeführt.Ab Sommer 2006 soll in Garching die Tumortherapie mit Hilfe der Neutronen direkt am Patienten beginnen. Dazu ist neben dem Reaktorbecken ein kleiner Behandlungsraum eingerichtet worden. Doch Experten sind längst nicht einmütig vom Nutzen dieser Art der Strahlentherapie überzeugt. "Gut 100 Patienten" pro Woche könnten in Garching bald behandelt werden, sagte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber in seiner Rede zur Eröffnung des FRM II. Das bedeute neue Hoffnung für viele schwerstkranke Menschen. Doch sollte in diesem Sommer tatsächlich die Genehmigung zur Strahlentherapie im Reaktor erteilt werden, könnte dies auch einen anderen Effekt haben: Die Gegner der Neutronenquelle könnten die Neuigkeit zum Anlass nehmen, vor den stählernen Toren des FRM II wieder ihre Plakate und Transparente auszurollen.
Zusammenfassung aus TR 03/2006. Das neue Heft ist ab dem 23. Februar am Kiosk zu haben. Online im Volltext verfügbare Features finden Sie hier; das Heft können Sie hier bestellen.) (wst)