Sturm in der Petrischale

Nach dem koreanischen Klonskandal ist der Imageschaden beträchtlich. Passiert ist in Wirklichkeit jedoch nicht viel.

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Von
  • Hanno Charisius

Der von Zeitungen und Fernsehen zum „König der Klone“ ausgerufene Südkoreaner Hwang Woo Suk hat in nur wenigen Monaten einen dramatischen Aufstieg und Niedergang erlebt. Im Februar 2004 präsentierte der bis dahin weitgehend unbekannte Forscher der Welt den ersten Menschenklon und Stammzellen, die er aus einem geklonten Embryo hergestellt hatte. Und kam damit den Zielen der Stammzellforscher, die wandlungsfähigen Zellen gegen Krankheiten einzusetzen, vermeintlich ein ganzes Stück näher.

Gut ein Jahr später, im Mai 2005, demonstrierte Hwang, dass er die Effizienz seines Klonverfahrens dramatisch steigern konnte: Er zeigte damit nicht nur noch einmal, dass er menschliche Embryonen klonen kann, sondern auch noch, dass es ihm so leicht fällt, dass die Klontechnik für den klinischen Alltag tauglich erschien. Dazu benutzte er das Gewebe von kranken Menschen, um daraus Klonembryonen und daraus wiederum Stammzellen zu erzeugen. Nicht nur die damals noch amtierende Bundesregierung Gerhard Schröders erwog sogleich „Pläne für einen biopolitischen Kurswechsel“. Der vom „Spiegel“ beschworene „Weckruf aus Fernost“ dürfte eine Menge politische Diskussionen im vergangenen Jahr beeinflusst haben.

Das Schema, nach dem dieses so genannte therapeutische Klonen funktioniert, dürfte seither nahezu jedem bekannt sein: Man nehme eine Eizelle, hole alles Erbmaterial heraus („entkernen“), dann nehme man das Erbmaterial aus einer Zelle des Patienten, spritze es in die leere Eihülle („Kerntransfer“). Brutschrank. Etwas warten: Ein Menschenklon ist gemacht. Der wird ein paar weitere Tage gepäppelt, bis er zu einem Gebilde namens Blastocyste erwachsen ist. Der entnehme man einige Zellen, kultiviere sie in speziellen Wachstumswässerchen: Fertig ist die Stammzell- Linie, aus der nur noch die therapeutischen Zellen gewonnen werden müssen.

So einfach ist das? Im Prinzip ja, in der Praxis nicht. Hwang hat gelogen. Er und sein Team konnten bei einer Untersuchung durch die Universität keine Beweise dafür erbringen, auch nur eine einzige Stammzell-Linie aus einem geklonten menschlichen Embryo erschaffen zu haben. Außerdem hatte Hwang mit den internationalen Ethikstandards gebrochen: Für seine Experimente hatte er sowohl Eizellen von untergebenen Mitarbeiterinnen verwendet als auch solche Keimzellen, für die die Spenderinnen bezahlt worden waren. Damit hat er das Image der Klone möglicherweise irreparabel lädiert.

Wenn nur die Arbeit im Mai nicht so heftig gefeiert worden wäre. Hwang & Co. hatten weder einen neuen Kniff gefunden oder gar ein Rätsel gelöst, sie hatten lediglich behauptet, zwei Prozesse, das eigentliche Klonen und die anschließende Kultivierung von Stammzellen aus diesen Klonen in vielen kleinen Details, aber in der Summe entscheidend optimiert zu haben. Die Tatsache, dass sie dafür Zellen von kranken Menschen verwendet hatten, bedeutet auch keinen Durchbruch. De facto macht es für den Kloneur keinen Unterschied, ob er die Zellen eines kranken Menschen klont oder die eines gesunden, das war bloß ein medienwirksamer Seitenaspekt. Dass das Konzept vom therapeutischen Klonen prinzipiell funktioniert, hatte ohnedies der Genetiker Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits lange vorher bei Mäusen demonstriert.

Dass Wissenschaftler heute in der Lage sind, Menschenklone zumindest bis zum Blastocysten-Stadium zu züchten, steht außer Frage: So weit war Hwang tatsächlich gekommen – und auch ein Team um den Klonforscher Miodrag Stojkovic, der damals noch an der Universität von Newcastle forschte, hat es unmittelbar nach Hwangs Mai-Veröffentlichung als erste europäische Gruppe geschafft. Und es haben sich eine Reihe von Möglichkeiten aufgetan, Stammzellen durch eine biochemische Reprogrammierung vielleicht einmal ganz ohne weibliche Eizellen herstellen zu können – eine Alternative zum Klonen. Den Imageschaden einmal beiseite gelassen, stellt der koreanische Klonskandal einen verkraftbaren, vielleicht sogar nützlichen Rückschlag für die Stammzellforschung dar, die heute auch ohne Hwangs vermeintliche Durchbrüche viel weiter ist als vor seiner Ära. Und die Stammzellforschung mit Potenzial zu echten Durchbrüchen wird weitergehen.

Sicherlich werden sich manche Regierungen und Investoren nun noch gründlicher überlegen, ob sie in dieses Feld weiter investieren. Doch die Fallhöhe des Skandals ist im Grunde bloß die logische Fortsetzung der grandiosen Überbewertung von Hwangs zweiter Arbeit durch die Medien – allen voran das veröffentlichende Magazin „Science“. Hätte sich die Redaktion im Mai 2005 gegen den Abdruck des marginal fortschrittlichen Aufsatzes entschieden, stünde die Stammzellgilde nun vor einem weitaus kleineren Trümmerhaufen nichteingelöster Versprechen. (wst)