Workshop der Web-Mixer

Im Internet wird gemischt und kombiniert wie nie zuvor. Aber die wild ins Kaut schießenden Mashup-Webseiten stehen vor erheblichen ungelösten Fragen, was Nutzungsrechte, Geschäftsmodelle und Finanzierung angeht.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 13 Min.
Von
  • Steffan Heuer
Inhaltsverzeichnis

Alles war betont basisdemokratisch: Anmeldungen liefen ĂĽber ein Wiki, die Teilnahme war kostenlos, und die Diskussionsrunden wurden erst am Morgen festgelegt. Wer ein Thema vorschlug, heftete ein Blatt auf eine Tafel und konnte eine 90-minĂĽtige Diskussionsrunde leiten. Das erste so genannte Mashup Camp, das vergangene Woche im kalifornischen Mountain View stattfand, war eine wilde Mischung aus Entwicklerkonferenz, Messe fĂĽr Risikokapitalisten und Diskussionsveranstaltung von Cyberrechtsaktivisten. Organisiert hatten die "Un-Konferenz" fĂĽr Programmierer, Anbieter von Webdiensten und Financiers die Tech-Journalisten David Berlind und Doug Gold.

Das Mitteilungsbedürfnis zur neuesten Welle von Webdiensten scheint enorm zu sein. Die zweitägige Veranstaltung war mit 300 Teilnehmern aus aller Welt sowie einer fast ebenso umfangreichen Warteliste innerhalb weniger Tage ausgebucht. Für ein zweites Mashup Camp hatten sich bereits 200 Interessenten auf der Online-Liste eingetragen, auch wenn Datum und Ort noch nicht feststehen.

Organisator David Berlind verglich das Mashup-Phänomen denn auch mit der Revolution des Personal Computers, der die Fantasien von Programmierern beflügelte. "Wir befinden uns in der Anfangsphase des nächsten explosiven Technologie-Wachstums." Diesmal sind es Webdienste mit offenen Programmierschnittstellen oder APIs, auf die jeder Softwareentwickler in der Welt zugreifen kann, um neue Funktionalitäten zu schaffen und die Datenmassen großer Webfirmen wie eBay oder Amazon dynamisch in seine Seiten oder sogar mobile Dienste zu integrieren.

So lassen sich in kurzer Zeit aus Wohnungsinseraten auf Craigslist und Google Maps, oder aus Tournee-Terminen, MP3-Dateien von Bands und SMS ungeahnte, neue Webdienste bauen. Viele der erforderlichen Softwarekomponenten sind entweder dank Open Source billig oder kostenlos, und große Internetmarken haben ein Interesse daran, ihre Datensammlungen per offener API möglichst weit in die Tiefen des Internets oder auf mobile Endgeräte zu streuen.

Teilnehmer des Treffens in Mountain View bezifferten die Zahl offener Web-APIs auf mindestens 160. Da es keine Standards gibt, könnte sich die Zahl in diesem Jahr auf ein Vielfaches vermehren, spekulierte Berlind. Kein Wunder, dass alle namhaften Web-Firmen gleich mit mehreren Ansprechpartnern beim Mashup Camp vertreten waren. "Ich verbreite das Evangelium der Webdienste", begründete Alan Lewis, einer der eBay-Vertreter, seine Anwesenheit. Der Online-Flohmarkt hat alleine mehr als 100 APIs, um alle möglichen Daten von Suchergebnissen bis zur Abwicklung einer beendeten Auktion auf andere Webseiten zu streuen. Wie ein eBay-Programmierer berichtete, stammen inzwischen mehr als 40 Prozent aller Anfragen von externen Webseiten.

"Die Leute an den Grenzen des Webs stellen uns bei der Innovationskraft in den Schatten - sie bauen in Richtungen aus, in die wir nie gehen würden." Diesen Basis-Forschergeist nutzen Amazon, seine Suchmaschine A9.com, Google und Yahoo ebenfalls aus, wenn sie ihre Programmierschnittstellen weitgehend gratis zugänglich machen, damit Leselisten, Schlagzeilen oder personalisierte Suchergebnisse ihre Marke indirekt bewerben.