Die große Schlacht

Whitfield Diffie, Krypto-Experte und als Mitentwickler des Diffie-Hellmann- Algorithmus wesentlich an der Entwicklung der Public-Key-Kryptographie beteiligt, im Interview mit TR

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 11 Min.
Von
  • Steffan Heuer
Inhaltsverzeichnis

Whitfield Diffie trägt heute noch die gleiche unkonventionelle Haartracht wie Mitte der 70er-Jahre, als er an der Stanford Universität gemeinsam mit Martin Hellman die Basis für Public- Key-Verschlüsselung legte: eine lange Mähne und einen Bart, der bei manchen Erinnerungen an den Wildwest-Helden Buffalo Bill weckt. Diffie, bald 60 Jahre alt, ist Mit-Namensgeber für eine der wichtigsten Verschlüsselungsmethoden. Der Diffie-Hellman-Algorithmus, veröffentlicht 1976, war ein Wendepunkt: Er ermöglichte Privatpersonen zum ersten Mal die Verschlüsselung und Authentifizierung elektronischer Nachrichten – und das jenseits der Kontrolle der US-Spionagebehörde National Security Agency. Wie der gleichzeitig entwickelte RSA-Algorithmus (benannt nach den Initialen dreier MIT-Wissenschaftler) wurde Diffie-Hellman ein Grundstein der modernen Kryptographie. Diffie arbeitet seit 1991 als Chief Security Officer bei Sun Microsystems in Kalifornien und hat sich als Fürsprecher der Krypto-Rechte privater und kommerzieller Nutzer einen Namen gemacht.

TR: Herr Diffie, als Sie anfingen, sich für Verschüsselungstechnik zu interessieren, trieb Sie die Sorge um den Schutz der Privatsphäre an. Hat sich Ihre Sicht der Dinge seit den 60er-Jahren geändert?

Whitfield Diffie: Der Schutz der Privatsphäre war nicht der wichtigste Faktor in meinem Denken – sondern der Wunsch nach einer freien Gesellschaft. Damals sah ich eine Welt der elektronischen Kommunikation entstehen – und dazu war Technik nötig, um weiterhin private Gespräche führen zu können, vor allem mit politischem Inhalt. Nach 30 Jahren in dieser Branche habe nicht nur ich dazugelernt. Inzwischen haben die Politiker gemerkt, dass das Thema die ganze Gesellschaft angeht und die nötigen Ressourcen ihre Fähigkeiten übersteigen.

TR: Wir leben heute mit dem „Krieg gegen den Terror“, dem Patriot Act und anderen Gesetzen und Vorschriften, die die Privatsphäre einschränken und immer mehr Abhörmöglichkeiten für den Staat schaffen. Machen Sie sich Sorgen?

Whitfield Diffie: Noch weiß niemand, was Schutz der Privatsphäre in unserer neuen Welt bedeutet. Informationen – auch persönliche Daten – machen schneller als je zuvor die Runde. Wenn man das Napoleonische Zeitalter betrachtet, als Beglaubigungsschreiben und Reisepässe aufkamen, sieht man, wie Reisen plötzlich zu einem normalen Vorgang für die Bevölkerung wurde. Wir stehen genauso am Anfang einer neuen Epoche, in der Individuen noch leichter auf Entdeckungsreise gehen, sich austauschen und engagieren können. Zugleich sorgt die Technik dafür, dass man das alles nicht mehr anonym tun kann. Ich halte es allerdings für eine gefährliche Idee, bestimmte Arten von Schutz der Privatsphäre von vornherein zu verneinen. In den 90er-Jahren wollte die Regierung der Bevölkerung das grundsätzliche Recht absprechen, alles technisch Mögliche zu tun, um ihre Kommunikation zu schützen.

Haben Sie je mit der Spionageagentur NSA zusammengearbeitet?

Whitfield Diffie: Ich habe mich oft mit ihnen unterhalten, und ich schwinge nicht ohne Grund öffentliche Nachrufreden auf ehemalige NSA-Mitarbeiter. Die Krypto-Gemeinde und mein Arbeitgeber Sun Microsystems haben im Lauf der Jahre stetigen Kontakt in unterschiedlichen Graden der Herzlichkeit mit den wichtigsten Regierungsstellen gehalten: mit dem Verteidigungsministerium, dem Justizministerium, dem Handelsministerium und der NSA. Selbst wenn man sich streitet, muss man miteinander sprechen.

TR: Was ist aus der radikal freisinnigen Welt der Cypherpunks geworden, die Verschlüsselung als politische Waffe benutzen wollten?

Whitfield Diffie: Diese Bewegung litt meiner Meinung nach schon immer unter exzessivem Enthusiasmus. Ihr wichtigstes Mittel zum Zweck war digitales Geld, aber das erwies sich als technisch extrem schwer zu realisieren. Die Cypherpunks trieb die Vision einer freieren Gesellschaft an, die entstehen würde, wenn man Informationen mit Kryptographie schützt. Ich weiß nicht, inwiefern ich hier mit nachträglicher Weisheit spreche, aber ich habe nie an diese Vision geglaubt. Damit meine ich das Ausmaß, in dem Krypto angewendet werden müsste, um die Gesellschaft zu verändern. Unterm Strich kann man heute dank größerem Informationsfluss mehr über das Treiben einer Regierung herausfinden.

TR: Worum werden die nächsten großen Sicherheitsdebatten entbrennen?

Whitfield Diffie: Im kommerziellen Bereich steht uns eine große Schlacht bevor: Was gut ist für die Unternehmenssicherheit, schränkt die legitimen Rechte der privaten Nutzer ein. Wir werden gerade Zeugen, wie ein Segment der Informationsindustrie – nämlich die Anbieter von Inhalten – versucht, sich die totale Kontrolle über das Gedächtnis der Gesellschaft anzueignen. Bislang haben sie sehr erfolgreich das Konzept des Urheberschutzes zu einem permanenten Eigentumsrecht an Informationen ausgeweitet. Die US-Verfassung propagiert demgegenüber, dass die Gesellschaft geistiges Eigentum schützen sollte, um künftige Kreativität zu stimulieren, anstatt Investitionen abzusichern.

TR: Und diese Stimulation ist durch technische Neuerungen wie Kopierschutz für DVDs gefährdet?

Whitfield Diffie: Die Leute, die gern drakonische Kontrolle über Informationen und Unterhaltung ausüben würden, drohen damit, nur dann Inhalte anzubieten, wenn sie entsprechend abgesichert sind. Damit riskieren wir, den Tatendrang von innovativen Geschäftsleuten und Künstlern bereits im Keim zu ersticken. Wenn sich in der DVD-Debatte die Anbieter durchsetzen, hieße das: Wir können alle möglichen Sorten von Informationen nur noch ansehen, anstatt sie wie heute zu kaufen und zu behalten. Es ist gut vorstellbar, dass wir sie in nicht allzu ferner Zukunft nur noch mieten können. Das ist ein Informationsfeudalismus mit zwei Klassen: wenige Inhaltseigner und ein Meer von Nutzern.