Plädoyer für Impfung gegen Vogelgrippe
Experten appellieren an Politiker: Die Strategie zur Bekämpfung der Vogelgrippe müsse geändert werden.
- Edda Grabar
Hans-Dieter Klenk ist aufgebracht. Und deswegen hat er seinen Vortrag über die Angriffsmechanismen von Grippe-Erregern auch kurzerhand um auf eine knappe halbe Stunde reduziert. Nun hält er ein Plädoyer für das Impfen. Nein, nicht die gewöhnlichen Aufforderungen an jeden unter 16- und über 50-Jährigen, sich der winterlichen Schutzmaßnahme zu unterziehen. Das Geflügel, die Hühner und Truthähne, die Enten, aber auch andere Nutz- und Zootiere will er endlich abwehrbereit sehen. Man dürfe die Augen nicht länger verschließen und von einzelnen Ausbrüchen der Vogelgrippe sprechen. „Das Virus hat sich längst über die gesamte Welt verbreitet. Und trotzdem beharrt die Bundesregierung auf ihrem Standpunkt, Geflügel und andere Nutz- und Zootiere nicht zu impfen“, schimpft er.
Der Leiter des Instituts für Virologie in Marburg steht am Rednerpult des Tagungsgebäudes der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig. Eine illustre Runde hochkarätiger Wissenschaftler hatte sich gestern dort versammelt, um dem Influenza-Erreger eigens ein Symposium zu widmen. Organisiert hatten die Infektionsexperten die Veranstaltung vor etwa einem Jahr – für Doktoranden und Wissenschaftler. Doch am H5N1-Virus verendete Schwäne auf Rügen, infiziertes Geflügel in Brandenburg und nicht zuletzt die erste erkrankte Katze in Deutschland verschafften den Infektionsforschern der GBF ungeahnte Aktualität. So beherrschten die derzeit dringlichsten Fragen auch diese Tagung: Droht die nächste Pandemie für den Menschen? Was unterscheidet einen hochinfektiösen Grippe-Erreger von den gewöhnlichen alljährlich auftretenden Vertretern? Wie wird man der Vogelgrippe Herr?
Und so nutzte auch Klenk die Gelegenheit, deutliche Worte an die verantwortlichen Politiker zu richten. Anders würde man ja hierzulande nicht gehört, raunt er noch. Dabei spricht er weder aufgeregt noch hektisch; wählt vielmehr ruhig und überlegt seine Worte aus. Gerne, fährt er fort, würde die Politik wissenschaftliche Argumente für ihre ablehnende Haltung vorkramen. Dass man geimpfte Tiere nicht mehr von erkrankten unterscheiden könnte. Dass behandelte Tiere den Virus an Wildvögel weitergeben könnten, weil sie ihn unerkannt in sich tragen. „Das sind keine wissenschaftlichen Gründe. Das Virus ist ja schon überall. Ein große Rollen spielen handelspolitische Gründe“, stellt er fest, weil dann die deutschen Produkte nicht mehr verkauft werden könnten.
Mit seiner Meinung steht er nicht allein. Klenk hat Mitstreiter. Albert Osterhaus zum Beispiel. Der umtriebige Niederländer hat 1997 vor jedem WHO-Labor H5N1 identifiziert. Und er wird nicht müde, die Welt vor der nächsten globalen Grippe zu warnen. Ob es die Vogelgrippe sein wird, die mutiert auch für den Menschen zur Gefahr wird? Er weiß es nicht. Aber Vorbereitungen sollte man treffen. Und daran mangele es bislang. „Träte morgen eine Pandemie auf – was sollten wir machen?“ fragt er in die Runde. Vier, wahrscheinlich sechs Monate dauere derzeit die Impfstoff-Produktion. In dieser Zeit wäre der Globus bereits erkrankt. Und im Prinzip kenne man den Erreger, der die Welt einmal in Atem halten wird, vor seinem Ausbruch ja noch gar nicht.
Pandemien treten plötzlich und unvermittelt auf. Sie kennen keine Wintersaison – auch wenn sie bevorzugt dann auftreten. Das Abwehrsystem der Menschen ist nicht gegen sie gewappnet. Und sie sind schnell – die Viren vermehren und verbreiten sich in immer rascherer Geschwindigkeit. Immer noch wissen die Virologen nicht genau, was die Erreger der Spanischen , Hongkong- oder der Asiatischen Grippe so aggressiv gemacht hat. Jedes Gen im Erbgut der Viren ist beteiligt, doch drei Faktoren scheinen ganz besonders wichtig zu sein.
Othmar Engelhard und seine Arbeitsgruppe von der University of Oxford untersuchten die Proteine, die der Erreger für seine rasante Vermehrung benötigt. Sie entdeckten Erstaunliches: Das Enzym, das die Vervielfachung des Erregers ermöglicht, lagert sich einfach an sein Pendant in den Körperzellen. „Wir vermuten, dass es so seine eigene Arbeit beschleunigt, die Maschinerie der Zelle für ihr eigenes Überleben aber hemmt“, erklärt er. Es sei möglich, dass die Körperzellen dadurch weniger abwehrstark seien – was die Vermehrung des Virus wiederum beschleunige.
Hans-Dieter Klenk stieß auf Ähnliches: In einem Tierversuch stellten er und seine Mitarbeiter fest, dass genau dieses Eiweiß, das Engelhard für die schnelle Vermehrung verantwortlich macht, verändert werden muss, damit ein für Hühner tödlicher Grippe-Erreger genauso verheerend unter Mäusen wütet. „Es gibt jedoch noch zwei andere Stellschrauben im Erbgut des Virus, die wichtig sind“, so Klenk. Das sei das Hämagglutinin. Es verschafft ihm den Eintritt in die Zelle. „Eine Mutation an einer bestimmten Stelle hat ausgereicht, um das Virus die Artengrenze von Robben zu Hühnern überspringen zu lassen“, erzählt er. Ein anderes Eiweiß, dem Wissenschaftler bis vor wenigen Jahren nur eine untergeordnete Rolle beigemessen haben, ist in der Lage, wichtige Funktionen des Abwehrsystems zu blockieren.
Dass nur so denkbar wenig notwendig sei, um ein Grippe-Virus scharf zu machen, und dass die Menschheit dem nur so wenig geschützt gegenübersteht, beschäftigt Albert Osterhaus. Er schreitet nach vorn und wieder zurück, zeigt immer und immer wieder auf seine Unterlagen und legt los: Es gebe drei wesentliche Schritte, um einen Impfstoffe für Menschen herzustellen. „Erst mal muss man bereits vor dem Ausbruch den richtigen Virusstamm auswählen“, sagt er. Das klänge etwas unmöglich, fügt er hinzu. Sei es aber nicht. „Wir müssen alle Influenza-Virentypen, die sich im Tierreich tummeln, sammeln und genetische Karten über die Verwandtschaft erstellen“, erklärt Osterhaus. Das sei wie bei einer Landkarte, nur dass man den Computer nicht mit Hilfe von Entfernungen und Höhenunterschieden füttert, sondern eben mit Gen-Sequenzen, Oberflächen- und Bindungseigenschaften. „Und dann baut man ein Virus zusammen, der von allen ein paar Eigenschaften hat, aber trotzdem nicht krankheitserregend ist“, sagt er. Aber natürlich müsse man dann mit gentechnischen Methoden arbeiten. „Fakt ist aber, dass Influenza-Stoffe heute noch im Hühnerei gezüchtet werden.“ Auch das müsse sich ändern, fordert er. Doch dürfe man die Industrie auch nicht ganz allein stehen lassen. „Klinische Test sind teuer, und niemand kann es sich leisten, ein Produkt herzustellen, von dem man noch nicht einmal weiß, ob man es jemals benötigt.“ Ein Fond müsse deshalb her. Gespeist aus der EU und ihren Mitgliedsstaaten – und von der Pharmaindustrie – um wenigstens Prototypen für künftige Impfstoffe vorzubereiten und auch klinisch zu testen.
Nach feurigen 40 Minuten ist Osterhaus fertig. „Sag doch noch etwas zur Geflügelimpfung“, bittet Hans-Dieter Klenk. „Ja“, pflichtet er seinem deutschen Kollegen bei, „das ist der einzige Weg, sicherzustellen, den Erreger an der Rückkehr zu hindern.“ Ja, man solle impfen. Ja, die Franzosen und Niederländer machten es richtig. Beide haben bei der EU beantragt, ihr Gefieder schützen zu dürfen. Seit dem 20. Dezember sind Impfungen auf Antrag für besonders bedrohte Regionen und Betriebe zulässig.
Und die fehlende Kennzeichnung der Tiere? Papperlapapp, sagt Osterhaus, die gebe es bereits durch Antisera, mit denen man die Tiere sehr wohl auseinander halten könnte. „Wäre es nur die EU, hätte man sich längst auf die Impfung geeinigt. Aber die Staaten haben Angst, dass Japan oder die USA kein Geflügelfleisch mehr abnehmen“, vermutet er.
Doch so einig, wie in Braunschweig, ist man sich in der Welt der Infektionsbiologen noch gar nicht. So stellt eine Gruppe von Virologen – unter ihnen der amerikanischen Vogelgrippe-Experte Roger Webster – in einem Sonderheft des Journal Emerging Infectious Diseases zum H5N1-Erreger die Hypothese auf, dass gerade die Impfungen in den asiatischen Ländern die Ausbreitung des Virus begünstigt hätte. Unzureichenden oder in zu geringen Dosen eingesetztem Impfstoff geben die Wissenschaftler die Schuld.
Ja, die Argumente kennt Klenk zur Genüge. Natürlich gebe es immer Spekulationen darüber, dass „aus welchen Gründen auch immer, Spuren des Virus in den Tieren überlebten“, sagt er. Doch diese Reste, so meint der Marburger, werden dem Menschen nicht gefährlich. Und selbst wenn man heute impfen wolle, würde man an ganz pragmatischen Dingen scheitern: „Vermutlich gibt es ihn einfach nicht. Keine Firma wird das Risiko eingehen, etwas zu produzieren, wenn die verantwortlichen Stellen sich so vehement dagegen wehren.“ (wst)