Tropfen auf den kalifornischen Stein

In Deutschland herrscht eine ungewöhnliche Trockenheit. Aber sie ist nichts im Vergleich zur Situation in Kalifornien. Die dortige Not treibt mittlerweile erstaunliche Blüten.

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In Deutschland herrscht eine ungewöhnliche Trockenheit. Aber sie ist nichts im Vergleich zur Situation in Kalifornien. Die dortige Not treibt mittlerweile erstaunliche Blüten.

Abgeschaltete Strandduschen, Wasserspar-Auflagen für Privathaushalte um 25 Prozent, Bauern, die freiwillig auf Bewässerung verzichten, um größere Zwangsmaßnahmen zu vermeiden – Kalifornien erlebt bereits im vierten Jahr eine ungewöhnliche Trockenheit. Perioden mit hohen Temperaturen treffen dabei auf geringe Niederschläge. In weiten Teilen des Bundesstaates herrscht eine "außergewöhnliche Dürre" – Stufe D4 auf dem U.S. Drought Monitor. Satellitenbilder zeigen, dass die Pegel von Stauseen und Grundwasser immer weiter sinken. Das kühlende Nass wird zur Mangelware. Die Bewohner Kaliforniens zehren von den Reserven der Reserven. Dennoch fehlen nach wie vor einschneidende Sparmaßnahmen vor allem für die Landwirtschaft, die immerhin rund 80 Prozent des Wassers verbraucht. Stattdessen gebiert Not die erstaunlichsten Ideen:

Schwarze Kugeln gegen die Verdunstung

Direkt an den Pegeln der Stauseen setzt die Maßnahme des Bürgermeisters von Los Angeles, Eric Garcetti, an. 96 Millionen schwarze Plastikkugeln sollen das Wasser in den Trinkwasserreservoiren der Stadt schützen. Die apfelgroßen Bälle schwimmen dicht an dicht auf der Oberfläche der noch gefüllten Becken. Ihre schwarze Farbe soll das Sonnen- und UV-Licht ablenken. Die chemischen Reaktionen werden so unterbunden, die den Algenwuchs auslösen. Zudem sollen die Kugeln vor Verdunstung schützen. 300 Millionen Gallonen (1,1 Milliarde Liter) an Wasser gehen dadurch jedes Jahr verloren. Damit könnte man mehr als 8.000 Menschen mit Trinkwasser versorgen, heißt es von einem städtischen Vertreter.

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In der vergangenen Woche hatte Garcetti die letzten der 20.000 Bälle auf das Los Angeles Reservoir rollen lassen. Das Trinkwasserbecken fasst 3,3 Milliarden Gallonen (12,2 Milliarden Liter). In den sozialen Medien war die Aktion ein Hit. Auch für die Haushaltskasse soll das Projekt einen positiven Effekt haben: Mit 34,5 Millionen Dollar schlagen die 36 Cent teuren Bälle zu Buche – nach Informationen der Stadt sind das 250 Millionen Dollar weniger als für andere Maßnahmen, wie etwa eine schwimmende Decke, hätte ausgegeben werden müssen.

Tröpfchen aus der Dusche

Ein neuartiger Duschkopf setzt an einem anderen Punkt des Wassersystems an. Benannt hat ihn das Startup aus San Francisco nach dem italienischen Wort für "Nebel": Nebia. Die tägliche Dusche soll damit eine Mischung zwischen Dampfbad und Duscherlebnis sein. Die Vorrichtung erinnert an eine Straßenlaterne. Aus ihr kommen Millionen Nano-Tröpfchen. Ihre Oberfläche ist somit um das Zehnfache vergrößert. 70 Prozent Wasser soll der Ansatz im Vergleich mit anderen Produkten sparen, verspricht Nebia. Rund fünf Jahre hat das Team an der Technologie getüftelt. Inspiration holten sie sich aus Sprühdüsen-Technik in der Medizin und der Raumfahrt. Das Set aus höhenverstellbaren Duschkopf und Handbrause lässt sich der Firma nach einfach in jedem Badezimmer anbringen.

(Bild: Nebia)

Die erfrischende Idee kommt auch auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter gut an. Die angestrebten 100.000 Dollar waren bereits kurz nach dem Start erreicht. Aktuell steht das Projekt bei knapp 2 Millionen Dollar, noch 23 Tage läuft die Kampagne. Unter den Unterstützern ist neben dem Apple-Chef, Tim Cook, auch Alphabet-Chairman, Eric Schmidt. Getestet wurde der Prototyp bereits in Sporthallen von Apple, Google und der Stanford University.

GrĂĽner durch Farbe

Wasser sparen ohne Einbußen versprechen auch Unternehmen wie Xtreme Green Grass – zumindest wenn einem Rasenflächen nur wegen der Farbe lieb sind: Die Firma aus dem Raum Sacramento besprüht das Gras einfach mit grüner Farbe. Die vertrockneten, gelben Halme, die viele Gärten dominieren, erscheinen so wieder gesund und gepflegt. Anders als den Garten kostenaufwendig umzugestalten, tendieren viele Hausbesitzer offenbar zu der Sprüh-Alternative.

Eine Rasenfläche nach der Farbbehandlung.

(Bild: Xtreme Green Grass)

Der Geschäftsführer von Xtreme Green Grass, David Bartlett, berichtet in einem Video von News 10 von einer guten Auftragslage. 25 Cents berechnet er für 90 x 90 Zentimeter. Schädlich sei die Farbe weder für Mensch noch Tier. Rund ein halbes Jahr hält eine Behandlung und spart in dieser Zeit das Wasser für die Rasensprengung.

Im Zuge der bis zu 1.000 Dollar hohen Strafen bei Wasserverschwendung sind auch Apps wie VizSafe oder DroughtShame entstanden. Sie sollen mit Fotos auf WassersĂĽnder aufmerksam machen. Im Netzwerk Twitter hat sich ein eigener Hashtag dazu etabliert, #droughtshaming. In wieweit solche Aktionen gegen die generelle Problematik der Wasserknappheit helfen, bleibt allerdings zweifelhaft.

Von der Toilette in den Wasserhahn

Die kalifornischen Behörden treiben unterdessen in dem Ort mit dem spritzigen Namen Fountain Valley ein anderes Projekt voran. Es trägt den programmatischen Namen "Toilet to Tap": von der Toilette in den Wasserhahn. Herzstück ist eine Wasserrecyclinganlage, die das Abwasser der umliegenden Haushalte in pures Trinkwasser verwandelt. Seit Juni sollen dort 370 Millionen Liter Wasser pro Tag aufbereitet werden – genug für 850.000 Menschen oder ein Drittel der Bewohner des Bezirks Orange County südlich von Los Angeles.

Das Abwasser wird zunächst in einer konventionellen Kläranlage gereinigt und dann mithilfe eines Vakuums durch 0,2 Mikrometer dünne Strohhalme aus Polypropylen gesaugt. Gelöste Feststoffe, Bakterien, sogar einige Viren bleiben hängen. Anschließend folgt die sogenannte Umkehrosmose: Dabei wird das Wasser durch Glasfaserröhrchen gepresst. Die darin aufgerollte halb durchlässige Membran aus dem Kunststoff Polyamid filtert das Abwasser von Chemikalien, Viren und Überresten von Medikamenten. Im dritten Schritt wird das Wasser mit ultraviolettem Licht und Wasserstoffperoxid desinfiziert, um auch die letzten organischen Stoffe zu zerstören. Darunter befinden sich etwa krebserregende Nitrosamine, die im menschlichen Magen entstehen und den Weg über die Toilette ins Wasser finden können. Das Endprodukt unterscheidet sich kaum von destilliertem Wasser aus der Drogerie. "Die Zeit, als wir Wasser nur einmal verwendet haben, ist vorbei", sagt Melissa Meeker, Direktorin der WateReuse Association, die sich für Aufbereitungsanlagen stark macht.

(jle)