Chaos Communication Camp 2015: Gewitter, Geraffel und ein bisschen GlĂĽck

Mit Glück haben die Besucher des Chaos Communication Camps in der Nacht zum Montag ein schweres Gewitter überstanden. Jetzt wird aufgeräumt.

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Claudio Guarnieri beim Vortrag

Claudio Guarnieri, der Entwickler des Staatstrojaner-Scanners, hält seinen Vortrag.

(Bild: Detlef Borchers/heise online)

Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Das Chaos Communication Camp 2015 ist Geschichte. Die Organisatoren und rund 4800 Besucher freuten sich zum Schluss über eine gelungene Gentrifizierung der Hackerkultur. Gemeinsam überstanden sie im Ziegeleipark ein schweres Gewitter, bei dem ein Blitz nur 400 Meter entfernt vom Camp in einen Baum einschlug. Rund zwei Stunden lang fehlten Strom und Internet, doch dann konnte die Party weitergehen. Ebenso die Wissensvermittlung: Über das Wochenende hin gab es interessante Vorträge, die allesamt bereits als Video zur Verfügung stehen. Das nächste Camp wird mit der SHA 2017 wieder in den Niederlanden stattfinden.

Das Chaos Communication Camp fand in der schönen Industriebrache des Ziegeleiparks von Mildenberg statt, von dem einstmals Milliarden von Klinkern für den Aufbau des wilhelminischen Berlins verschifft wurden. Als echte Industrieruine gab es dort keinen brauchbaren Strom- und Datennetzanschluss. Doch dies hinderte die Organisatoren nicht, mit einem Planungsvorlauf von einem Jahr das Camp zum Laufen zu bringen.

Sieben Generatoren, 3 km Stromkabel und 30.000 Liter Heizöl versorgten das Gelände mit Strom, eine 10-GB-Glasfaser wurde von einem 3 km entfernten Übergabepunkt eines Stromversorgers herangeführt, wobei ein Fluss und ein großer See zu überqueren waren. Die Strecke über Land wurde zunächst offen verlegt und mehrfach von Bisamratten angeknabbert. Auch diesen Kampf gewannen die erfahrenen Techniker, eine Crew, die bereits das Camp 2011 in Finowfurt und die OHM2013 in den Niederlanden betreuten.

Auf dem Camp im Ziegelpark verlegten sie 7,2 km Glasfaser, bauten 37 Datenklos auf und installierten 101 WLAN-APs, die in Spitzenzeiten bis zu 3400 Geräte versorgten. Im Streaming der Vorträge aus den beiden Hauptzelten wurden zu Spitzenzeiten 2 GBit an die Besucher des Camps in ihren Villages ausgeliefert und 3 GBit über den Mirror in Berlin an den Rest des Internet. Der Vergleich mit der Installation der Telekom, die an diesem Wochenende den IT-Betrieb im Stadion des FC-Bayern/TSV 1860 München für 70.000 Zuschauer übernahm (115 km Glasfaser, 940 WLAN-APs) mag vermessen sein, doch sicher ist: Für knapp 500.000 Euro hatten die Campbesucher mehr Spaß am Gerät als die Fans dieser Kickervereine.

Bei den allermeisten bestand dieser Spaß im gemeinsam Abhängen mit Freunden im Village oder mit Familien und Kindern, ohne je die vielfach angebotenen Workshops oder Vorträge besucht zu haben. Ein Besucher brachte es auf Twitter auf den Punkt: "Camp mit Familie war cool aber auch gammel. Das nächste Mal wieder ohne."

Einen wichtigen Vortrag zur besten Partyzeit lieferte CCC-Sprecherin Constanze Kurz in der Samstagnacht ab, als sie von den Anhörungen der Sachverständigen beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe berichtete. Dort soll bis zum Jahresende über das BKA-Gesetz entschieden werden, das den deutschen Spitzenkriminalisten erlauben will, im Kampf gegen den internationalen Terrorismus Software-Trojaner zu nutzen. Kurz spannte einen historischen Bogen von den ersten CCC-Analysen einer Trojaner-Software "in der FAZ, als Frank Schirrmacher noch lebte", bis zur aktuellen Anhörung. Als Kernpunkt machte sie das 2008 vom Bundesverfassungsgericht festgeschriebene neue Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme aus.

Gerade weil seitdem weitere Lebensbereiche digitalisiert worden sind, habe dieses Grundrecht an Bedeutung gewonnen. Der Kernbereichsschutz werde beim Urteil des Gerichtes ausschlaggebend sein, gab sich Kurz zuversichtlich. Denn dank der zunehmenden Mensch/Maschine-Symbiosen werde dieser Bereich immer umfassender. Kurz verwies dabei auf die funkenden Hörgeräte, die mit Android- und Apple-Smartphones gesteuert werden. "Hier kommt es zu einer Körperverletzung, wenn mit Trojaner-Malware die Hörgeräte abgeschnorchelt werden."

Am Sonntagabend beschäftigte sich Claudio Guarnieri, der in Berlin lebende Entwickler eines Staatstrojaner-Scanners mit den aktuellen Entwicklungen. Guarnieri gehört zu den Programmierern, dessen Source-Code ohne Skrupel von der italienischen Firma HackingTeam übernommen wurde, um die eigene Überwachungssoftware zu verbessern. Sein Vortrag war einer der Höhepunkte des Camps, weil Guarnieri Hacker wie Sicherheitsforscher aufrütteln wollte.

Er formulierte eine klare Absage an alle staatlichen Regulierungsversuche von Hacker-Tools wie von Überwachungssoftware und zweifelte an den Bemühungen, über das Wassenaar-Abkommen die Bürger von autoritären Staaten zu schützen, die ihre Oppositionellen ausspionieren. In der Zusammenarbeit von Hackern und Sicherheitsexperten, im Aufbau einer umfassenden Informationsplattform über alle Angriffe auf die Zivilgesellschaft sah Guarnieri eine Chance, letztere zu stärken. "Wer Informationen über einen staatlichen Akteur veröffentlicht, handelt politisch. Wer diese Information über einen staatlichen Akteur nicht veröffentlicht, dient der politischen Agenda der Überwacher". (axk)