Prestigesucht im Weltraum

Die NASA will unbemannte Raumfahrtprojekte kippen und sich auf den neuen Wettlauf zu Mond und Mars konzentrieren. FĂĽr ihre internationalen Partner stehen jahrelange Forschungsarbeit und ausgegebene Steuergelder auf dem Spiel.

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Von
  • Keno Verseck

Das 37. Treffen der "Lunar and Planetary Science Conference" in Houston dürfte NASA-Direktorin Mary Cleave lange in Erinnerung behalten. Am 13. März saß Cleave, die Wissenschaftsprojekte der US-Raumfahrtagentur beaufsichtigt, in Houston, Texas, in einem brechendvollen Saal. Ihr Publikum: wütende Wissenschaftler, die kein Blatt vor den Mund nahmen.

Cleave verteidigte mit Worten wie "notwendige chirurgische Eingriffe" die radikalen Sparpläne aus dem Anfang Februar vorgelegten NASA-Haushaltsplan für 2007 und die Folgejahre bis 2010. Die NASA will bis zu drei Milliarden Dollar aus astrophysikalischen Forschungsbereichen und unbemannten Raumfahrtmissionen streichen und demgegenüber die bemannte Raumfahrt fördern: vor allem das auslaufende Space-Shuttle-Programm, den Ausbau der Internationalen Raumstation (ISS) und den Bau des neuen US-amerikanischen Raumschiffs "Crew Exploration Vehicle" (CEV). Der Entwurf basiert auf den Vorgaben von US-Präsident Bush. Und der interessiert sich wenig für astronomische und astrophysikalische Forschung, sondern will möglichst bald wieder US-Astronauten auf dem Mond und dann erstmals auf dem Mars sehen.

Bei dem Treffen in Houston anwesend war auch der Berliner Physiker und Planetenforscher Gerhard Neukum, Mitglied im Wissenschaftler-Team der NASA-Asteroidenmission "Dawn" – eines der Projekte, die die NASA per Federstrich aus ihrem Programm geworfen hatte. Neukum war einer derjenigen, die ihrem Unmut freien Lauf ließen. Als "lächerlich", "völlig unverständlich" und "absolut inakzeptabel" bezeichnete er die Streichung der "Dawn-Mission". Die deutschen Kooperationspartner seien nicht informiert worden, dabei sei das meiste Geld bereits ausgegeben worden und die Mission bis auf einige technische Probleme praktisch startklar.

Der Frontalzusammenstoß zwischen Wissenschaftlern und NASA-Beamten war der vorläufige Tiefpunkt einer seit Langem nicht sehr guten Beziehung. Und er hat die Führungsebene der US-Raumfahrtagentur offenbar beeindruckt. Letzte Woche wurde die Streichung der Dawn-Mission rückgängig gemacht. Neukum ist inzwischen "erleichtert" und "froh", ebenso wie andere deutsche Dawn-Wissenschaftler.

Bei Vielen aber bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Horst Uwe Keller vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung befürchtet, dass auch Europa der Tendenz, unbemannte wissenschaftliche Raumfahrtmissionen Stück für Stück zu streichen, nachgebe. Und Neukum kritisiert die mangelnde Verlässlichkeit der NASA gegenüber ihren Partnern im Ausland. "Früher wurden internationale Partner vor bestimmten Entscheidungen immer konsultiert", sagt Neukum, "heute findet das nicht mehr ausreichend statt. Es gab keine echten Gespräche und Vorabinformationen über die Streichung der Dawn-Mission." Dabei trägt der deutsche Steuerzahler immerhin 10 Prozent der Missionskosten von rund 400 Millionen Dollar.

Noch gravierender ist der Fall der Stratosphärenteleskops "Sofia". Das in einer umgebauten Boeing 747 fliegende Infrarotteleskop ist seit 20 Jahren in Planung und seit neun Jahren im Bau. 500 Millionen Dollar haben die USA in das Projekt investiert, 80 Millionen Euro Deutschland – hierzulande wurde das inzwischen funktionsbereite Teleskop gebaut. Im NASA-Haushaltsplan vom Februar wurde das Projekt ohne Rücksicht auf die beteiligten Partner zunächst gestoppt. Auf Druck der beteiligten Wissenschaftler, unter anderem aus Deutschland, soll nun eine Revisionskomission bis Mitte des Jahres entscheiden, ob es weitergeht oder nicht. Stefan Kirches, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projektes am 2004 eigens gegründeten Sofia-Institut, will gar nicht daran denken, was es bedeutet, wenn Sofia endgültig gestrichen würde. Er hofft, dass die NASA es auch "dem amerikanischen Steuerzahler nicht vermitteln" kann, dass Sofia gestoppt wird, "wo bereits so viel Geld geflossen ist".

Bislang jedenfalls sieht es so aus, als ob die Entscheidung, die Asteroidenmission Dawn wieder ins NASA-Programm aufzunehmen, eher eine Ausnahme ist. Über das Aus anderer in Planung befindlicher Missionen scheint die NASA nicht mehr diskutieren zu wollen. Darunter sind: eine Mission zur Erforschung der großen Jupiter-Monde, vor allem des Eis-Mondes Europa, mehrere Mars-Missionen, ein weltraumgestütztes Teleskop zur Entdeckung erdähnlicher extrasolarer Planeten sowie ein Projekt zur Gravitationswellenforschung. Die derzeitge NASA-Linie lautet: Man habe in den letzten Jahren, vor allem seit 2004, zahlreiche Pionier-Missionen unternommen, etwa mit den Mars-Rovern, der Saturn-Sonde Cassini, der Kometenmission Deep Impact und der Pluto-Sonde New Horizons. Jetzt reiche es.

Andererseits fürchten die USA, in der bemannten Raumfahrt hinter Russland und sogar noch hinter China zurückzufallen – ein Alptraum für Bush und die NASA. Russland ist derzeit als einzige Nation problemlos in der Lage, mehrmals pro Jahr Raumfahrer ins All zu bringen, will sich künftig wieder einen prestigeträchtigen Raumfahrtsektor leisten und plant ebenfalls bemannte Mondflüge. China wiederum spielt mit dem Plan, eine eigene Raumstation zu bauen. Deshalb, sagt NASA-Chef Michael Griffin am vergangenen Donnerstag vor Mitgliedern des US-Repräsentantenhauses, könne "the Vision", wie Bushs Mond- und Marspläne inzwischen in US-Raumfahrtkreisen genannt werden, keinen Aufschub dulden: "Weitere Verzögerungen beim Bau des Crew Exploration Vehicles sind strategisch schädlicher für unser Raumfahrtprogramm als Verzögerungen bei Wissenschaftsmissionen.". Die USA, so Griffin, riskierten einen "gefühlten, wenn nicht realen Verlust der Führung in der Raumfahrt". (nbo)