Angst vor Nano im Regal

Ein vom Hersteller mit dem Label "Nano" beworbenes Produkt brachte sechs deutsche Kunden ins Krankenhaus. Wie gefährlich ist die Technik wirklich?

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Von
  • Kevin Bullis

Wie sicher ist die im Handel befindliche Nano-Technologie? Ein Vorfall mit einem in Deutschland verkauften Produkt zeigt, dass die Unternehmen in Sachen Sicherheit und ĂśberprĂĽfung der Kleinstpartikel in ihren Produkten offensichtlich noch allerlei Nachholbedarf haben. Auch die Frage, ob es neue Gesetze zur Regulierung der Technik braucht, stellt sich.

Beim vorliegenden Fall ging es um das Dichtungsmittel "Magic Nano", das zum Versiegeln von Glas und Keramik eingesetzt wird. Seit Ende März wurde es von deutschen Discount-Märkten auch in einer Sprayform verkauft – insgesamt 79 Käufer des Produktes klagten nach Anwendung über Atemnot und Husten. Sechs Personen mussten gar mit Verdacht auf Lungenödem ins Krankenhaus. Sie wurden inzwischen wieder entlassen, auch bei den anderen Kunden verschwanden die Symptome nach zumeist 24 Stunden. Die Anzahl neuer Fälle nahm ebenfalls nicht zu, nachdem der Hersteller das Produkt zwei Tage nach Bekanntwerden der Probleme vom Markt nahm.

Laut Jürgen Kundke, Sprecher des Berliner Bundesinstitutes für Risikobewertung, war "Magic Nano" zuvor in Form einer Sprühpumpe vier Jahre lang ohne Kundenbeschwerden verkauft worden – erst die neue Sprayform, bei der die Tröpfchen einen wesentlich feineren Nebel bilden, sorgte für Probleme. Dieser Nebel blieb laut Kundke länger in der Luft und konnte tiefer in die Lunge eindringen: "Wir kennen diesen Effekt bereits bei anderen Sprays ohne Nano-Partikel, dementsprechend ist es eher ein Spray-Problem als ein spezielles Nano-Problem." Obwohl auf dem Produkt "Nano" stünde, müsse es nicht unbedingt Nano-Technologie enthalten, so Kundke weiter; der Hersteller halte die Rezeptur geheim.

Egal ob "Magic Nano" nun tatsächlich Nano-Partikel enthält oder nicht – der Vorfall hat die Debatte über die Sicherheit der Technologie auch international angeheizt. Laut dem Think Tank Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington existieren bereits mehr als 200 Nano-Produkte auf dem Markt. Deren spezielle Eigenschaften, darunter etwa die Fähigkeit enthaltener Partikel, Barrieren im Körper zu überwinden, die sonstige Stoffe nicht duchdringen können, werfen die Frage einer toxischen Wirkung auf. Vorläufige Studien zeigten so beispielsweise, dass Nano-Partikel die Lungen von Laborratten beschädigen können; beim Menschen wurde dies jedoch noch nicht nachgewiesen.

Die Nanoethics Group, ein unabhängiger Forschungsverband mit Sitz in Santa Barbara, hält den "Magic Nano"-Vorfall für einen Weckruf. Die potenziellen Gefahren der Nano-Technologie seien echt und müssten sowohl von Regierungs- als auch Industrieseite ernst genommen werden. "Historisch gesehen braucht es normalerweise erst eine Katastrophe, bevor etwas unternommen wird", so die Organisation mit Verweis auf den lange sorglosen Umgang etwa mit Asbest. "Diesmal sind wir hoffentlich schlauer und warten nicht darauf", sagt Nanoethics-Forschungsdirektor Patrick Lin.

Der New Yorker Umweltverband Environmental Defense forderte in einer Stellungnahme mehr Tests von Nano-Materialien, bevor diese in den Handel gelangen. Zudem gäbe es noch Gesetzeslücken. Darüber hinaus glaubt die Organisation, dass Nano-Partikel in Zerstäuberprodukten wie Sprays nicht verwendet werden sollten, bis mehr über ihre Wirkungsweise bekannt sei.

Kevin Ausman, Exekutivdirektor des Center for Biological and Environmental Nanotechnology (CBEN) an der Rice-Universität in Houston, glaubt, dass Vorfälle wie der in Deutschland die Forschung in die richtige Richtung lenken könnte. In diesem Fall müsse man herausfinden, warum die Sprühpumpe keine Probleme machte, das Spray aber doch. So müsse untersucht werden, wie die Tröpfchengröße und das Zusammenspiel zwischen Nanopartikeln und Sprühmittel die Toxizität verändert. CBEN setzt sich außerdem für eine genaue Untersuchung einer gereinigten Form jeweiliger Nano-Partikel ein, um ihre genauen Eigenschaften zu studieren.

Alan Gotcher, CEO von Altair Nanotechnologies in Reno, ist dafür, dass der Hersteller von "Magic Nano" seine Inhaltsstoffe offenlegt: "Wir müssen das Produkt untersuchen und feststellen, ob es einen Nano-Bestandteil gibt und ihn dann genau klassifizieren. Der Hersteller ist in der Pflicht, dieses Problem weiterzuverfolgen, seine Daten zu präsentieren und einer Untersuchung gegenüber offen zu sein." Sollten Nano-Firmen nicht verantwortlich handeln, werde die Regierung mit Regulierungsmaßnahmen eingreifen.

Ironischerweise hielt das Bundesinstitut für Risikoabschätzung gerade zu jenem Zeitpunkt ein Symposium zum Thema Gefahren der Nano-Technologie ab, als der "Magic Nano"-Vorfall bekannt wurde. "In Sachen Sprays wissen wir derzeit noch gar nichts. Uns fehlen zudem Modelle, um die Toxizität von Nano-Partikeln zu testen", so Institutssprecher Kundke über den aktuellen Stand.

Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)