Reise durch die Innereien

Mit einer Miniaturkamera auf Erkundungsfahrt durch medizinisch wenig bekanntes Terrain.

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Jens Frantzen

Der Mensch, das unbekannte Wesen – auch in Zeiten von Computertomografie und Hochleistungsultraschall ähnelt der menschliche Körper einem Atlas aus früheren Jahrhunderten: Unerforschte Territorien und weiße Flecken auf der Landkarte gibt es noch immer. Denn bestimmte Areale verwehren der modernen Medizin hartnäckig den diagnostischen Live-Einblick, der zur genauen Analyse manchmal unerlässlich ist. Der Gastrointestinaltrakt – zu Deutsch: das Verdauungssystem – ist so ein Fall. Zwar sind der obere Teil mittels Magenspiegelung und der untere Teil, sprich der Dickdarm, via Darmspiegelung noch optisch erreichbar. Doch dazwischen befinden sich in Form des Dünndarms noch mehrere Meter Grauzone.

Jens Koopmann ist Gastroenterologe an der Medizinischen Universitätsklinik Bochum und weiß um die möglichen Pathologien in dieser Region. „Tumore, Polypen oder oberflächliche Läsionen, die Blutungen auslösen, konnten wir Ärzte hier nur vermuten, aber nicht optisch identifizieren“, sagt er. Denn der vier bis fünf Meter lange Dünndarm ist eng und gewunden, von außen fast unzugänglich. Abhilfe bringt in Bochum die so genannte Kapselendoskopie (Bilderstrecke), die obendrein weitaus weniger unangenehm ist als die herkömmliche Variante, bei der dem Patienten ein langer Schlauch, der Optik und Lichtquelle beinhaltet, oral oder rektal eingeführt werden muss.

Neuerdings muss man nur noch eine Pille schlucken, um Ärzten den Blick ins Innerste zu ermöglichen – aber eine ganz besondere: Die 26 Millimeter lange und 11 Millimeter dicke Kapsel wird von der israelischen Firma Given Imaging hergestellt und enthält eine hochauflösende Miniaturkamera inklusive Bildchip, eine Lichtquelle und einen Sender. Während der Reise durch den Magen-Darm-Trakt macht sie rund 57 000 Fotos, zwei pro Sekunde. Dabei erfasst sie mit einem Gesichtsfeld von 140 Grad ihre Umgebung und zeigt Objekte mit einer Größe von weniger als 0,1 Millimeter.

Die Bilder werden an Sensoren auf dem Bauch gesendet und in einem mobilen Hard-Disk-Recorder gespeichert. Anschließend können die Fotos am Computer vom Fachmann begutachtet werden. Die 600 Euro teure Kapsel ist ein Einmalprodukt und wird nach dem Ende ihrer Reise einfach ausgeschieden. „In bestimmten Fällen übernimmt die Krankenkasse die Kosten“, erzählt Koopmann, „vor allem bei ungeklärten Blutungen und manchmal bei familiärem Darmkrebs.“

Operativ in ihrem Zielgebiet eingreifen kann die Kapsel nicht. Doch zumindest beim Given-Konkurrenten Olympus in Japan – der vor Kurzem ebenfalls eine Endoskopiekapsel auf den Markt gebracht hat – wird schon an Weiterentwicklungen geforscht: „Eine Steuerbarkeit so einer Kapsel durch ein Magnetfeld wäre denkbar oder die Applikation verschiedener Therapiemöglichkeiten“, sagt Rüdiger Tamm, Produktmanager von Olympus Deutschland. So könnte eine Kapsel von außen gesteuert geringe Dosen eines Medikaments lokal aufbringen oder kleine Gewebeproben entnehmen. Realistische Umsetzungen dieser Ideen sind laut Tamm allerdings eher langfristig zu erwarten.

Also bleibt die Kapsel vorerst nur ein Diagnoseinstrument. Die Ärzte in Bochum aber sind sehr zufrieden damit, weil sie so neue Einblicke mit Hilfe eines Verfahrens bekommen, das für den Patienten obendrein sehr schonend ist. (wst)