Der Reichere ĂĽberlebt

Andrew W. Lo, Professor an der Sloan School of Management des MIT über biologische Systeme, Evolution und "adaptive Märkte"

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Von
  • Michael Fitzgerald

Wirtschaftswissenschaftler sehen Finanzmärkte gerne als eine Art Wissenspool aller Marktteilnehmer an, die zusammengenommen gänzlich effizient dabei helfen, Preise (etwa von Aktien) zu bilden. Märkte sollen demnach rational sein – und auf Zahlen und Fakten basieren. Andrew W. Lo, Professor an der Sloan School of Management des MIT, sieht das jedoch ganz anders: Man sollte den Finanzmarkt eher wie ein biologisches System begreifen.

Lo, der auch das "Laboratory of Financial Engineering" am MIT leitet, ist im Nebenjob einer der Partner des AlphaSimplex-Hedgefonds, der Mathematik, Neurologie und Psychologie dazu verwendet, die Märkte zu studieren. Eines seiner Forschungsprojekte setzt gar auf Kernspintomografen, mit denen ins Gehirn von Börsenhändlern geschaut wird. Lo glaubte lange Zeit selbst an die reine Lehre der so genannten effizienten Märkte ("Efficient Markets"-Hypothese). Inzwischen denkt er eher an ein Modell, dass sich an der Biologie orientiert: Die so genannte "Adaptive Markets"-Hypothese, bei der sich die Märkte anpassen können.

Technology Review: Herr Lo, wann ging Ihnen auf, dass die Biologie Ihnen möglicherweise dabei helfen könnte, die Finanzmärkte besser zu verstehen?

Andrew W. Lo: Ich fand Biologie schon immer interessant. Ich halte die Evolutionstheorie für eines der wichtigsten Themen der heutigen Zeit – sowohl für Wissenschaftler als auch für die Gesellschaft. Ich dachte daher immer mehr darüber nach, wie die Evolution wirtschaftliche Interaktionen beeinflusst. Schon vor zehn Jahren frustrierte mich die Theorie des effizienten Marktes bereits so, dass sie für mich keinen Sinn mehr machte. Ein Jahr später begann ich dann, mich ernsthafter mit dem Zusammenhang zwischen Evolution und den Auswirkungen auf die Finanzmärkte zu beschäftigen. Alles stimmte – es ist so eine einfache Idee. die Marktteilnehmer im Finanzmarkt passen sich an verändernde Marktkonditionen an. Das erklärte für mich nahezu alles. In den letzten fünf oder sechs Jahren verwendete ich dieses Modell, um ein Phänomen nach dem anderen zu erklären. Inzwischen denke ich, dass es nicht eine einzige dokumentierte Anomalie im Finanzmarkt gibt, die sich nicht mit meiner Theorie erklären ließe.

TR: Können Sie uns ein Beispiel geben, wie die Evolution in den Finanzmärkten zum Tragen kommt?

Lo: Ein Beispiel für ein bestimmtes Verhalten wäre die so genannte Verlustaversion, wie das Psychologen nennen. Wer sich mit Verlusten konfrontiert sieht, setzt sich viel leichter dem Risiko aus; wer große Gewinne einfährt, wird schnell sehr viel konservativer und risikobewusster. Letzteres hilft jedoch beim Aufbau von Reichtum wenig, wie bereits vielfach dokumentiert wurde. Es wäre rationaler, Verluste zu beschränken und die Gewinne so weit wie möglich mitzunehmen. Stattdessen passiert das Gegenteil: Wer verliert, verdoppelt seine Wette, weil er hofft, so wieder ins Plus zu kommen – Händler nennen das "Doubling Down". Gleichzeitig tendieren Marktteilnehmer dazu, Gewinne sofort in Bares zu verwandeln, um sie sich zu bewahren. Das halte ich im Finanzmarkt für irrationales Verhalten.

Ich habe daraus ein einfaches mathematisches Modell erstellt. Es zeigt, dass die Verlustaversion viel mit dem Überlebenssinn zu tun hat. Aggressiver zu sein, wenn man verloren hat, und konservativer zu sein, wenn man gewinnt, ist ein cleverer Schachzug, wenn man durch die afrikanische Savanne gejagt wird. Auf dem Börsenparkett der New York Stock Exchange sieht das aber ganz anders aus.

TR: Und wie setzen sich die Menschen ĂĽber diesen Instinkt hinweg? Was haben Sie hier herausgefunden?

Lo: Ich nenne es "Survival of the Richest" – die Reichsten gewinnen. Erfolgreiche Händler sind diejenigen, die überleben und dabei Geld verdienen. Wer auf Verlustaversion setzt, verliert nicht nur sein Geld, sondern verlässt womöglich bald den Markt.

TR: Sie haben echte Händler untersucht – und schrieben Studien zu ihrer Psychophysiologie, bei denen unter anderem die Leitfähigkeit der Haut und der Herzschlag verwendet wurden, um sie mit den Marktaktivitäten abzugleichen. Ab wann kommt die funktionelle Kernspintomografie zum Einsatz?

Lo: Wir haben die Hypothese, dass es bestimmte Bereiche im Gehirn gibt, die für den Handel zuständig sind. Wir wollen nun herausfinden, ob das stimmt.

TR: Händler liegen also während des Handelstages in einem Kernspintomografen?

Lo: Die Testperson ist ein Daytrader. Er liegt im Kernspintomografen und kann auf einen Laptopschirm sehen, der eingespiegelt wird. Seine Hände sind frei und können problemlos eine Handelssoftware bedienen. Wir haben sogar extra eine Maus angeschafft, die keine Metallkomponenten enthält (5000 Dollar teuer), damit wir den Händler im Kernspintomografen beobachten können, während er handelt.

TR: Was nĂĽtzt es Ihnen, wenn sie wissen, welche Gehirnregionen dabei aktiv werden?

Lo: Wir wissen, dass emotionale Antworten wie beispielsweise feuchte Handflächen oder eine gesteigerte Herzfrequenz mit Fluktuationen im Markt zusammenhängen. Die Kernspintomografie hilft uns, ein genaueres Verständnis dafür zu entwickeln, wie finanzielle Entscheidungen getroffen werden. Gibt es einen speziellen "Schaltkreis" im Gehirn, der für das Treffen finanzieller Entscheidungen zuständig ist? Oder ist es eine Kombination existierender Bereiche, die sonst für andere Dinge zum Einsatz kommen und hier nur "geliehen" sind? Unser vorläufiges Ergebnis ist, dass es wohl keinen Gehirnbereich gibt, der nur fürs Finanzielle gedacht ist.

Das ist wichtig – ich glaube, dies unterstützt und bestätigt meine "Adaptive Markets"-Hypothese. Daraus ergibt sich, dass die Menschen für wirtschaftliche Entscheidungen nicht ideal ausgestattet sind. Soll ich Microsoft kaufen und GGE verkaufen? Die gleichen Methoden und Abwägungen werden verwendet, wenn man eine belebte Straße überquert. Unsere Denkroutinen sind für die physische Welt gedacht. Dementsprechend sollte man bei finanziellen Entscheidungen auch lieber langsamer vorgehen.

TR: An was arbeiten Sie noch?

Lo: Ich schaue mir derzeit Hedgefonds an. Sie sind ein Labor für die Auswirkungen der Evolution auf die Märkte. Hedgefonds sind so etwas wie die Galapagos-Inseln der Finanzwelt: Die Eintrittsbarriere ist niedrig, die möglichen Gewinne sehr hoch. Deshalb ist der Wettbewerb hier sehr hart – Hedgefonds-Arten kommen und gehen andauernd.

TR: Was stört sie bislang noch an Ihrer Hypothese?

Lo: Eine offene Frage wäre, welche tatsächliche Dynamik hinter der Evolution steckt. Liegt an den Umweltbedingungen oder ist es etwas Genetisches? Ich selbst weiß nicht genau, was mit den Genen ist. Die Dynamik beim genetischen Generationentransfer muss ich im Firmen- und Finanzkodex noch ausarbeiten.

Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)