Rausch ohne Reue

Ein britischer Forscher propagiert "safer alcohol" - eine Pille, die berauscht, aber nicht sĂĽchtig macht.

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Von
  • Veronika Szentpetery

Keiner wird bestreiten dass Alkohol seine angenehmen Seiten hat. Bei Wein, Bier oder Cocktails lässt es sich trefflich entspannen, ein gutes Essen oder einfach die Gesellschaft von Freunden genießen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass übermäßiger Alkoholkonsum zu sprachlichen und motorischen Ausfallerscheinungen oder Übelkeit führen und sogar noch am Folgetag in Form eines Katers oder Gedächtnislücken unangenehm nachwirken kann. Im schlimmsten Fall entsteht bei dauerhaftem Alkoholmissbrauch eine schwere Abhängigkeit, die Folgeerkrankungen nach sich zieht und nicht selten zum Tode führt.

David J. Nutt, Chef der psychopharmakologischen Abteilung an der Universität Bristol, prangert seit Jahren unermüdlich die wachsende Zahl von Alkoholsüchtigen sowie die hohen Kosten an, die ihre Behandlung inklusive Folgekrankheiten verschlingt. Der britische Forscher fordert nun die Pharmaindustrie auf, einen Wirkstoffcocktail zu entwickeln, der nur die angenehmen Wirkungen von Alkohol vermittelt, nicht aber die negativen Effekte wie Schwindel oder Filmriss (Journal of Psychopharmacology 20 (3), 2006, 318 – 320). Ganz wie Synthehol, der künstliche Alkohol, den die Drehbuchschreiber der Serie Raumschiff Enterprise erfunden haben, damit Sternenflottenoffiziere trotz Genuss nicht dienstuntauglich werden.

Bisherige Alternativen zu alkoholischen Getränken hatten nicht zu durchschlagenden Erfolgen geführt, schreibt Nutt. Eine Möglichkeit wäre es zum Beispiel, die Konzentration von Alkohol zu senken und solche Produkte steuerlich zu begünstigen, wie es Schweden mit dem 3,5-prozentigen Bier vormacht. Gänzlich alkoholfreie Weine und Biere gibt es ebenfalls schon, diese sind allerdings nicht sonderlich populär und fristen eher ein Nischendasein.

Der Übeltäter in alkoholischen Getränken ist Ethanol, ein relativ kleines Molekül, das aus zwei Kohlenstoff-, sechs Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom besteht. Nach dem Überwinden der Blut-Hirn-Schranke entfaltet es jedoch eine komplizierte Wirkung, weil es im Gehirn gleich an eine ganze Reihe verschiedener Rezeptoren andockt und das Gleichgewicht zwischen erregenden und dämpfenden Signalen aushebelt.

So aktiviert Ethanol zum Beispiel die beruhigend wirkenden GABA-A-Rezeptoren und sorgt für eine entspannende und später enthemmende Wirkung. Bei diesem Rezeptor gibt es jedoch verschiedene Untereinheiten, die zusätzliche Effekte auslösen. So ist die alpha4delta-Untereinheit offenbar für den so genannten Filmriss verantwortlich. Ethanol heftet sich aber auch an Glutamat-Rezeptoren des Typs NMDA an, die eine erregende Wirkung haben. Zu allem Überfluss greift Alkohol auch in die Regelkreise weiterer Botenstoffe wie in den von Dopamin ein. Es gibt also viele Ansatzpunkte für potentielle Alkoholersatzstoffe.

Deshalb soll laut Nutt die Pharmaindustrie spezifische Moleküle – so genannte partielle Agonisten – maßschneidern, die nur an den Rezeptoruntereinheiten andocken, die die angenehmen Wirkungen von Alkohol vermitteln. Diejenigen Andockstellen, die für Lallen, Torkeln und andere unerwünschte Effekte verantwortlich sind, sollen sie verschmähen. Natürlich dürfte der Molekülmix auch nicht selbst süchtig machen. Das bedeutet allerdings, dass zunächst alle infrage kommenden Rezeptoren und Untereinheiten aufgespürt werden müssten.

Nutt nennt seinen Alkoholersatz Safer Alkohol und sieht dafür nicht nur beim Entzug Einsatzmöglichkeiten – sondern durchaus auch im Alltag. Wer möchte nicht nach einer Party oder einem Restaurantbesuch mit Alkoholgenuss noch Auto fahren können? Teile des potentiellen Cocktails, der bislang nur auf dem Reißbrett existiert, sind bereits auf dem Markt verfügbar.

Allerdings sind bereits mehrere Medikamente als Alkoholersatz gescheitert, die ursprünglich für andere Einsatzgebiete wie Schlaflosigkeit (Clomethiazol), Entzug (Benzodiazepine) oder Anästhesie (Gammahydroxybutyrat) entwickelt wurden. Zum einen wurden Betroffene nach diesen Medikamenten selbst süchtig, zum anderen führten die Substanzen teilweise zu Vergiftungen oder gar zum Koma, wenn sie zusammen mit Alkohol eingenommen wurden.

In Deutschland ist die Forschung und Entwicklung von Wirkstoffen gegen Alkoholsucht bei den Pharma- und Biotech-Unternehmen kaum ein Thema. Dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) ist kein Mitgliedsunternehmen bekannt, dass auf diesem Gebiet tätig ist, so ein Pressesprecher. Die wenigen pharmazeutischen Firmen wie Pfizer oder GlaxoSmithKline, die an anderen Suchtkrankheiten wie Nikotinabhängigkeit forschen, haben vorerst nicht vor, auch die Alkoholkrankheit ins Visier zu nehmen. Dabei schlagen laut einer Studie des Robert-Koch-Institutes in Berlin die volkwirtschaftlichen Schäden durch alkoholassoziierte Krankheiten jährlich mit etwa 20 Milliarden Euro zu Buche. Insgesamt gibt es nur eine Hand voll Medikamente ausländischer Anbieter, die bei Alkoholsucht eingesetzt werden.

„Die existierenden Medikamente kommen aber eher in den spezialisierten Kliniken zum Einsatz. Niedergelassene Ärzte halten sie oft nicht für wirksam oder kennen sie zuweilen gar nicht“, sagt Alexander Diehl, Oberarzt an der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim. In der Klinik, die am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit angesiedelt ist, setzt man darauf, bereits verfügbare Medikamente nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip anzuwenden (jeder bekommt das gleiche) sondern individuell nach der Ausprägung der Krankheit. Denn die Substanzen wirken ganz unterschiedlich.

So dämpft das vom US-Unternehmen Alkermes hergestellte Naltrexon die angenehmen, benebelnden Wirkungen von Alkohol und wirkt eher bei Patienten, die sich explizit deshalb betrinken, weil sie vergessen wollen. Das Medikament Campral der Merck AG Schweiz mindert hingegen Entzugserscheinungen wie Anspannung und das Verlangen nach Alkohol. Das hilft eher rückfallgefährdeten Betroffenen. Oft hilft eine Kombination der beiden Medikamente besser als die einzelne Gabe, berichtet Diehl. „In Deutschland gibt es nach vorsichtigen Schätzungen etwa zwei Millionen Alkoholkranke. Weniger als zehn Prozent von ihnen sind in Behandlung.“ Diehl hält den Vorschlag des britischen Pharmakologen Nutt für ziemlich spekulativ und nicht praktikabel. „Wir würden damit in viele Regelkreise eingreifen, die Auswirkungen wären nicht abzusehen. Schon bei den bisherigen Medikamenten gegen Alkoholsucht wissen wir im Grunde nur, wo sie ansetzen, nicht aber, wie sie genau wirken.“ (wst)