Operation gelungen - Patient tot
Jüngste Todelsfälle mehren die Zweifel an der Wirksamkeit von Gentherapien. Britische Forscher fordern, man müsse die Verfahren länger im Tierversuch testen. Doch oftmals bleibt den betroffenen Patienten keine andere Hoffnung.
- Edda Grabar
Der 2. April 2006 ließ Gentherapeuten weltweit aufatmen. Endlich war sie da, die Erfolgsmeldung – nach all den misslungen Versuchen: Zwei Patienten mit einer schweren angeborenen Immunschwäche lebten ein Jahr nachdem ein Expertenteam aus Frankfurt ihnen Zellen mit gesunden Genen in die Adern gespritzt hatten, fast beschwerdefrei. Anfang April publizierten die Mediziner ihre viel versprechenden Resultate im Fachmagazin Nature Medicine. Doch nur eine Woche später, am 10. April, starb einer der Patienten.
Die britischen Forscher Bjarne Woods und Inder Verma meinen, so etwas hätte verhindert werden können, hätte man die Therapie nur länger an Mäusen getestet. Sie fordern in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature genauere klinische Voruntersuchungen. Ist die Gentherapie ein gefährlicher Irrweg?
Nein, meint der Hämatologe und Studienleiter Dieter Hoelzer vom der Universitätsklinik Frankfurt auf dem Internistenkongress 2006 in Wiesbaden. Der Tod sei für alle ein Schock. „Aber bislang spricht nichts für einen Zusammenhang mit der Behandlung, doch bis zur endgültigen Klärung sind alle weiteren Versuche erst mal ausgesetzt“, sagt er. Denn Zweifel bleiben immer. Und erst jüngst kamen auch zwei amerikanische Forscher zu dem Ergebnis, dass Gentherapien sehr viel länger im Tierversuch getestet werden müssten, um das Nebenwirkungsrisiko wirklich abschätzen zu können. So beginnt nun erneut die akribische Suche nach der tatsächlichen Todesursache, das Abwägen der Vor- und Nachteile einer Gentherapie von vorn.
Die beiden 25- und 26-jährigen Männer, die 2004 in das Frankfurter Experiment einwilligten, litten an septischer Granulomatose (CGD), einem angeborenem Gendefekt, der ihr Abwehrsystem gegen Pilze und Bakterien so sehr schwächt, dass sie ein kurzes Leben lang an schwersten Infektionen leiden. Ihre Fresszellen oder Makrophagene können zwar die schädlichen Keime aufnehmen, jedoch nicht mehr zerstören. Ein defektes Enzym verhindert, dass sie Sauerstoff zu einer aggressiven Waffe umwandeln, mit der sie gewöhnlich ihre vertilgten Bakterien vernichten. Stattdessen befördern die Abwehrzellen ihre gefährliche Beute noch durch den Körper zu Lymphknoten und Organen und verursachen bei den Patienten gefährliche Infektionen. „Nur die Hälfte der Betroffenen erreichen überhaupt das Erwachsenenalter“, so Hoelzer. Obwohl sie täglich einen Cocktail aus Antibiotika und Pilzmitteln zu sich nehmen. Selbst nach einer Knochenmarkstransplantation sterben noch 15 Prozent der Kinder und zwischen einem Viertel und der Hälfte der Erwachsenen, „weil sie bei Menschen mit Infektionen ausgesprochen gefährlich sind“, ergänzt der Blutkrebsspezialist.
Für die beiden deutschen Patienten stand kein geeigneter Knochenmarkspender bereit. So entnahmen die Mediziner zunächst ihre eigenen Blutstammzellen. In diese Zellen schleuste Manuel Grez – vom Institut Biomedizinsche Forschung in Frankfurt – mit Hilfe eines entschärften Virus ein intaktes Gen des Enzyms. Parallel dazu sorgte eine milde Chemotherapie dafür, dass sich nicht zu viel neue körpereigene kranke Stammzellen bilden. Die Therapie schlug an – 18 Monate lebten die Patienten besser als zuvor. Die gesunden Blutzellen stiegen in den ersten Wochen auf 20 bis 50 Prozent, Bakterien- und Pilzinfektionen bildeten sich zurück Die Blutbildung gedieh normal. "Die Enzymaktivität werde vermutlich über einen längeren Zeitraum abnehmen, glaubt die behandelnde Ärztin Marion Ott. „Aber wenn sie bei etwa fünf Prozent bliebe, wäre das ausreichend.“ Doch nun ist der 25-Jähriger deutsche Patient tot. Nachdem ihm in Düsseldorf die Milz entfernt wurde, überfiel ihn eine schwere Infektion. Am 10. April starb er schließlich an einem Multiorganversagen. Führt er damit nur die Reihe fort, die mit Jessi Gelsinger begann. Einem nur leicht erkrankten 18-jährigen Amerikaner, der an einer Überdosis der eigentlich harmlosen Viren starb, die das gesunde Gen in seine Zellen bringen sollte? Gefolgt von den drei Kindern, die an der X-SCID-Immunschwäche litten, bei der jeder Keim gefährlich wird, und die ihre Leben unter einem sterilen Plastikzelt verbringen müssen? Sie erkrankten etwa drei Jahre nach einer Gentherapie an Leukämie. Eines der Kinder ist tot, zwei leben noch.
Und gerade der letzte Fall hätte verhindert werden können, meinen Bjarne Woods und Inder Verma, hätten die Forscher ihre Therapie nur länger an Mäusen getestet. Denn auch die so behandelten Nager entwickelten Blutkrebs – allerdings nicht schon in den sechs Monaten, in denen die Pariser Ärzte sie beobachteten. Sie entwickelten die Leukämie erst nach etwa zehn Monaten. An Sorgfalt hat es dem Frankfurter Team nach eigenen Angaben jedoch nicht gemangelt. Man sei dialektisch vorgegangen, ergänzt Christopher Baum, Onkologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Jedem Nutzen haben wir alle erdenklichen Nebenwirkungen gegenübergestellt und sie auch an Tieren getestet“, sagt er. So empfinden die Frankfurter Experten ihren Einsatz auch nicht als Misserfolg. „Man muss bedenken, dass an solchen Heilversuchen nur schwerkranke Patienten teilnehmen dürfen, für die es keine andere Wahl gibt“, sagt Hoelzer. Bis zur Aufklärung der Todesursache sind allerdings alle weiteren Therapieversuche auf Eis gelegt. Vor einem Jahr aber wurde bereits ein Kind aus der Schweiz nach dem Frankfurter Protokoll behandelt. Eine Pilzinfektion kostete ihn bereits einen Lungenflügel, und Keime, die in die Wirbelsäule wanderten, verursachten eine Lähmung, sodass der Junge nur noch an ein Brett geschnallt sich aufrecht halten konnte. „Ich nehme es nicht gern in den Mund, aber es ist wie ein Wunder: Der Kleine lernt inzwischen Laufen und kann Dreiradfahren“, sagt Hoelzer.
Und auch das Aussetzen der Therapie kostet Leben. In den letzten zwei Woche sei bereits ein Patient, der dem Heilversuch eingewilligt hatte und nur noch auf den Beginn seiner Therapie wartete, gestorben. „Doch ich vertrete hier einen sehr konservativen Standpunkt – erst müssen sämtliche Zweifel ausgeräumt sein.“ Ob die Gentherapie aber auch über einen langen Zeitraum nebenwirkungsfrei bleibt, können erst die nächsten Jahre zeigen." (wst)