Microsofts Neighbourhood Watch

Microsoft-Forscher entwickeln mit SenseWeb ein System, das mittels Sensoren ortsbezogene Informationen in der Umgebung eines Nutzers in Echtzeit verfolgen und daraus aktuelle, durchsuchbare Online-Landkarten erzeugen soll.

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Von
  • Kate Greene

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich den Benzinpreis an der nächsten Tankstelle, Verkehrsstaus auf eine nahen Durchgangsstraße oder oder die Zahl der letzten freien Tische in einem Restaurant um die Ecke in Echtzeit direkt auf Online-Landkarten anzeigen lassen. Klingt ziemlich praktisch – und könnte eines Tages Realität werden, wenn es nach einer Forschungsgruppe bei Microsoft geht. Man wolle die Technologie in Windows Live Local (ehemals Microsoft Virtual Earth), die Online-Karten-Plattform des Software-Riesen, integrieren, sagt Suman Nath, der an dem Projekt „SenseWeb“ arbeitet.

Indem Informationen aus der Alltagswelt von Nutzern oder automatischen Sensornetzen geliefert und mit den Daten durchsuchbarer Landkarten verbunden werden, könnte ein detailliertes Bild von dem, was in der Nachbarschaft vor sich geht, entstehen. „Der Vorteil, den man aus Echtzeit-Daten auf Karten ziehen kann, ist immens“, so Nath. Damit ließen sich auch freie Plätze in einer unterirdischen Tiefgarage herausfinden oder die Verkehrslage in anderen Stadtteilen.

Auch an der Universitäten von Berkeley, Stanford und Los Angeles (UCLA) sowie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeiten Forschungsgruppen an ähnlichen Projekten, die Umweltinformationen abbilden sollen. An der UCLA etwa will man Informationen von Sensoren, die Temperatur, Luftdruck oder Lärm messen, in das frei verfügbare Kartenprogramm Google Earth integrieren. Firmen wie Agent Logic oder Corda verarbeiten für Geschäftskunden und Regierungsorganisationen solche Echtzeitdaten und verknüpfen sie mit Ortsangaben.

Seit einem Jahr wetteifern Microsoft, Google und Yahoo darum, die brauchbarste digitale Landkarte zu entwickeln. Das Problem bislang: Lokale Informationen werden von web-basierten Anwendungen nur unregelmäßig aktualisiert. Auf der anderen Seite beschränken sich Dienste, die bereits lokale Echtzeit-Updates bereitstellen, auf eine einzige Art von Information wie die Verkehrslage des öffentlichen Nahverkehrsnetzes.

Microsofts SenseWeb-Projekt sei anders als solche Angebote, sagt Nath, weil es Nutzern erlauben würde, verschiedene Arten von Echtzeit-Daten innerhalb einer eng definierten Umgebung zu suchen und diese Suche zunehmend einzugrenzen. Wer ein Restaurant finden möchte, könnte zunächst ein Stadtgebiet auswählen. SenseWeb würde dann die Informationen, die Restaurants dort über Reservierungen vorhalten, auf verschiedene Art anzeigen: Die Zahl der Reservierungen in einzelnen Esstempeln, wie früh die Tische in der Gegend im Durchschnitt weggehen, wie lange man mindestens oder höchstens warten muss, wenn man ohne Reservierung kommt. Wenn man in einem bestimmten Stadtteil schnell einen Tisch finden möchte, aber herausfinde, dass man überall eine halbe Stunde warten muss, könne man eben woanders suchen. „Sie müssen nicht die Zeit aufbringen, in jedem Restaurant einzeln nachzuschauen“, so Nath. Zusätzlich sollen Nutzer in eine Gegend auch hereinzoomen können, wobei die gewünschten Informationen dann für den Ausschnitt sofort neu berechnet werden.

SenseWeb besteht aus drei Teilen: den datensammelnden Einheiten wie Sensoren; der Kategorisierung in der Microsoft-Datenbank, nach der die Informationen sortiert werden; und die Online-Landkarte, mit der Nutzer interagieren können. Als Sensoren lassen sich verschiedenste Quellen einsetzen: etwa Thermometer, Bewegungsmelder, Kameras oder eben Computer von Restaurants. SenseWeb stellt dann Grundinformationen wie Ort und Datentyp in die Datenbank, die nach diesen durchsucht werden kann. Will jemand die Verkehrslage auf einer Stadtautobahn prüfen, schickt die Datenbank eine Abfrage an alle Kameras entlang des gewünschten Streckenabschnitts. Aus dem wird dann auf der Online-Karte ein aktuelles Bild eingeblendet.

Vom Forscher an einer Universität bis zum Bürger mit einer Webcam kann im Prinzip jeder Teil von SenseWeb werden. Man müsse nur in der Lage sein, die erhobenen Daten hochzuladen und Microsoft Angaben zu geografischem Längen- und Breitengrad sowie über die Art der Daten zu machen – also ob es um Benzinpreise oder Außenaufnahmen geht.

Die entscheidende Schwierigkeit des SenseWeb-Projekts liege darin, all die verschiedenen Informationen in seiner Datenbank so konsistent anzulegen, dass sie sich analysieren und sortieren ließen, sagt Samuel Madden, Informatiker am MIT. So müsste es beispielsweise für Temperaturmessungen Standardeinheiten geben. „Sobald man anfängt, all diese Daten zu integrieren, können alle möglichen Komplikationen auftreten“, sagt Madden. „Es ist eine echte Herausforderung, Software-Werkzeuge zu entwickeln, die generische Daten verarbeiten können, und einen Weg zu finden, auf dem jeder seine Informationen veröffentlichen kann.“

Laut Suman Nath gibt es ein noch grundlegenderes Problem für das SenseWeb-Projekt: die Menschen dazu zu bekommen, ihre Datenquellen in dem kostenlosen Programm anzumelden. Tankstellen oder Restaurants wüssten in der Regel nichts von dem Projekt oder könnten ihre Daten nicht effizient einspeisen. Deshalb will die Microsoft-Gruppe in den nächsten Monaten SenseWeb auf US-Universitäten ausdehnen, die bereits Sensoren für andere Projekte installiert haben. Zusätzlich sei man im Gespräch mit einem Unternehmen, das Sensoren für Parkplätze hat, sagt Nath. Würde man die in Live Local integrieren, ließen sich freie Parkplätze recht leicht finden. Derzeit sind SenseWeb und Live Local allerdings noch getrennte Projekte. „Das Live-Local-Team ist von diesem Konzept angetan“, sagt Nath, „was jetzt noch fehlt, sind die aktuellen Daten.“

Ăśbersetzung: Niels Boeing. (nbo)