Frankreichs Google-Traum
Der französische Staat steckt verstärkt Geld in die IT-Forschung - auch Handy-TV und Web-Suche sind dabei. Der Erfolg ist keineswegs gewiss: Jacques Chirac setzt eher aufs etablierte Big Business anstatt auf innovative junge Unternehmen.
- Peter Fairley
Der französische Präsident Jacques Chirac hat vorvergangene Woche eine mit insgesamt 236 Millionen Euro ausgestattete Public-Private-Partnership-Initiative vorgestellt, die die französischen Forschungsaktivitäten bei Zukunfstechnologien ankurbeln soll. Das Geld fließt in ein halbes Dutzend Projekte. "China gibt fünfmal mehr für Forschung aus als Frankreich", sagte Chirac vor französischen Firmenchefs im Elysée-Palast. Es sei daher unerlässlich, in der Forschung wieder etwas zu wagen und einen neuen Stolz für Innovationen zu entwickeln.
Viele Beobachter glauben allerdings, dass das ambitionierte Projekt eine falsche Strategie betreibt. Der Grund: Die Chirac-Projekte werden von einem Who-is-Who der französischen Multis angeführt, während Start-up-Firmen in Frankreich weiter um kritische Gelder kämpfen müssen. "Das ist ein altes Modell", meint Alexis Mons von der französischen IT-Consulting-Firma groupeReflect, "auf diese Art lässt sich Innovation in der Industrie weder in Frankreich noch in Europa voranbringen".
Die von Chirac vorgestellten Projekte sind die ersten, die von der neuen französischen Nationalagentur für Innovation in der Industrie (AII) gefördert werden. Sie wurde nach einem Plan von Jean-Louis Beffa gestaltet, CEO des Industrie-Giganten Saint-Gobain. Beffa leitet auch das Aufsichtsgremium der AII. Das Modell der Agentur: Sie steigt als großer Geldgeber bei Forschungskonsortien ein, die aus Start-ups, Regierungs- und Uni-Laboren sowie großen industriellen Playern bestehen. Letztere sollen dabei eine führende Rolle als "Motor und Manager" spielen, so Chirac.
Drei der AII-Projekte beschäftigen sich mit erneuerbarer Energie und Energiesparmaßnahmen. Dazu gehören Kontrollsysteme zur Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden, die Produktion von Biotreibstoffen und neue Light-Rail-Transportsysteme. Die AII soll außerdem diesel-elektrische Hybrid-Fahrzeuge fördern, die kürzlich von Peugeot-Citroën vorgestellt wurden.
Das meiste Geld der ersten Runde fließt allerdings in Projekte aus der Informationstechnologie. Eines der Forschungskonsortien wird vom großen französischen Telekomausrüster Alcatel angeführt. 38 Millionen Euro sollen dabei innerhalb von vier Jahren in ein preisgünstiges, energiesparendes Mobil-TV-System gesteckt werden. An dem Projekt beteiligt sind noch andere große französische Kommunikationskonzerne sowie vier örtliche Start-ups, darunter der IC-Entwickler DiBcom. Die französischen Nationallabore CNRS sind ebenfalls dabei.
Die Innovation des Projektes besteht dabei aus der verwendeten Sendefrequenz: Während Mobil-TV-Systeme in anderen europäischen Ländern über das UHF-Band funken, das bereits für reguläres Fernsehen verwendet wird, will Alcatel eine wesentlich höhere Frequenz einsetzen. Das so genannte S-Band wird von den meisten Ländern eigentlich für Satelliten reserviert - mit Ausnahme der USA.
Alcatels Technikchef Olivier Baujard erklärt, dass man für das S-Band nur zwei sehr kleine Antennen bräuchte, um störende Signale auszufiltern - das gehe bei UHF nicht. Die Technik passe somit problemlos in Handys und PDAs. Das erträumte Endergebnis: Gerät mit geringem Energieverbrauch und besserer Bildqualität insbesondere in Innenräumen und Städten, wo es durch Signalreflektionen normalerweise zu starken Störungen kommen kann.
Baujard hofft, dass durch diese Innovationen kleinere Empfänger gebaut werden können. Dadurch soll das Handy-TV aus seinem Nischenmarkt herauskommen: "Ds Ziel ist ein echtes Handheld-Terminal ähnlich wie ein gewöhnliches Handy, kein spezielles Gerät mit hohem Stromverbrauch."
TV-Netzwerke, die das S-Band-System einsetzen, könnten zudem Satelliten verwenden, um eine breite, ländliche Abdeckung über neun Kanäle zu erreichen, so der Alcatel-Mann. In den Städten könnten stationäre Sender gleichzeitig ein quasi unbeschränktes Angebot an TV-Kanälen und Filmen liefern.
Die AII-Gelder sollen nun dabei helfen, den Entwicklungsprozess des Systems zu beschleunigen - vom Handy bis zum Satelliten. Erste Testnetze will Baujard 2008 in Europa aufbauen - inklusive passender Endgeräte. Dann will man nach China, Indien und Brasilien wachsen. Probleme hätte die Alcatel-Technik allerdings in den USA: Dort nutzen Schnurlostelefone und andere Geräte das S-Band bereits. Alcatel rechnet damit, dass mit der neuen Mobil-TV-Technologie bis 2010 zehn Milliarden Dollar im Jahr umgesetzt werden könnten.
Deutlich umstrittener als diese Idee ist jedoch ein nochmals deutlich aggressiver geförderter französischer Forschungsplan: 90 Millionen Euro steckt die AII in ein Projekt namens Quaero. Chirac will damit die US-Dominanz bei der Internet-Technologie brechen und insbesondere Google angehen. Angeführt wird das Projekt vom französischen Unterhaltungselektronikspezialisten Thomson.
Quaero soll eine fortschrittliche Web-Suche, einen Übersetzungsdienst und Spracherkennungswerkzeuge entwickeln. Mit letzteren will man gar Audio- und Video-Inhalte im Web durchsuchen können. Kritiker bemängeln allerdings, dass die AII hier den falschen Projektführer angeheuert hat: Statt Thomson sei das wesentlich agilere und in Sachen Suchtechnik erfahrene Pariser Unternehmen Exalead interessanter.
Die als französischer Innovationsführer in Sachen Web-Suche geltende Firma besteht seit dem Jahr 2000 und hatte immer wieder Probleme, geeignete Investoren zu finden. Die Exalead-Suchmaschine, außerhalb Frankreichs kaum bekannt, bietet zahlreiche Möglichkeiten, Suchergebnisse zu konfigurieren - gefundene Seiten werden so beispielsweise mit kleinen "Thumbnails" angezeigt. Immerhin: Exalead gehört zu den fünf Start-ups, die an Quaero teilnehmen dürfen. Hinzu kommen zahlreiche Forschungseinrichtungen.
IT-Consultant Mons freut sich zwar darĂĽber, dass Frankreichs politische FĂĽhrer nun die Frage stellen, warum Europa es bislang nicht geschafft hat, IT-Erfolgsstorys wie Google hervorzubringen. Doch der in Frankreich verwendete Top-Down-Ansatz sei veraltet: "Innovations-Management wird hier schlicht und einfach nicht innovativ betrieben."
Bernard Buisson, Mitautor eines neuen französischen Buches zum Thema Innovations- und Produktentwicklung, stimmt dem zu: "Statt die Gründung neuer Firmen zu ermöglichen, investiert der französische Staat lieber mehrere Milliarden Euro in Riesenprojekte, die große Fehlschläge werden könnten."
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (nbo)