Angst vor Terror-Viren
Medizin-Nobel-Preisträger David Baltimore spricht im Interview mit Technology Review über die potenziellen Gefahren der synthetischen Biologie, mit der sich beispielsweise Pockenerreger im Labor nachbauen lassen.
- Emily Singer
Der aufstrebende Forschungsbereich der so genannten synthetischen Biologie, bei dem Wissenschaftler neue Lebensformen für jede gewünschte Aufgabe frei entwerfen und produzieren können, gilt vielen Beobachtern als viel versprechend. Wissenschaftler können heute ganze DNS-Stränge synthetisieren und komplizierte molekulare "Maschinen" zusammensetzen. Doch diese neuartigen Möglichkeiten im Labor werfen allerlei Fragen auf: Könnten Terroristen oder angriffslustige Staaten mit Hilfe der Biotechnologie tödliche Viren wie den Pockenerreger im Reagenzglas nachbauen? Oder gar Krankheiten am Computer entwerfen, die tödlicher als die Vogelgrippe sind?
In den Siebzigerjahren stand die Wissenschaft bereits vor ähnlichen Herausforderungen, die mit der Sicherheit eines neuen Forschungsbereiches zu tun hatten. Damals stand erstmals die rekombinierbare DNS-Technologie zur Verfügung, mit der Forscher Gene auf bislang ungekannte Arten manipulieren konnten. Eine prominente Gruppe von Wissenschaftlern, die auch die Gefahren der neuen Technologie sahen, berief daher 1975 die heute berühmte "Asilomar Conference" ein, die sich mit der Sicherheit der jungen Gentechnik befasste.
Gut 30 Jahre später trafen sich in diesem Monat nun Forscher an der University of California in Berkeley, die Ähnliches zu bereden hatten. Auf der "Synthetic Biology 2.0"-Konferenz wollten sie sich nicht nur mit den neuesten Entwicklungen auf dem Feld der synthetischen Biologie beschäftigen, sondern gemeinschaftlich auch Sicherheitskonzepte vorantreiben.
David Baltimore, Gewinner des Nobel-Preises für Medizin 1975 und Präsident des California Institute of Technology, gehörte bereits zu den Organisatoren der Asilomar Conference. Auf der "Synthetic Biology 2.0" sprach er unter anderem über die Veränderungen, die sein Forschungsgebiet in den letzten 30 Jahren mitgemacht hat. Im Interview mit Technology Review äußert er sich zu den Bereichen der synthetischen Biologie, die ihm am meisten Sorgen bereiten.
Technology Review: Wenn Sie sich einmal zurückerinnern – wovor fürchteten Sie sich vor 30 Jahren am meisten?
David Baltimore: Die Asilomar Conference fand damals in einem völlig anderen Kontext als heute statt. 1975 sahen wir uns einer völlig neuen Welt der Experimentierbarkeit gegenüber. Wir wussten schlicht noch nicht, was passiert, wenn wir DNS-Teile verschieben. Die Menschen hatten dadurch Angst um ihre Sicherheit – und damit hatten sie auch Recht. Man fürchtete sich beispielsweise davor, neue Organismen zu entwickeln, die man dann nicht mehr kontrollieren konnte.
Auf der Asilomar Conference entschlossen wir uns, allein das Sicherheitsthema anzusprechen, nicht jedoch die ethischen Komponenten oder die Frage möglicher aus der Gentechnik hervorgehender Biowaffen. Wir glaubten damals recht naiv, dass es einen Vertrag zwischen den Ländern gab, dass niemand diese Technologie zum Bau biologischer Waffen nutzen würde. Hinterher stellte sich dann heraus, dass etwa die Sowjetunion ein gigantisches Geheimprogramm vorantrieb. Damals gab es außerdem nicht die Situation wie heute, in der Terrororganisationen ganz neue Grenzen überschreiten und sich nicht in Verträge einbinden lassen. In Sachen biologischer Kriegsführung blieb seit unseren Entschließungen von 1975 also vieles unvollendet.
TR: Was bereitet Ihnen heute am meisten Sorgen?
Baltimore: Die größte Gefahr geht heute von Organismen aus, die bereits existieren, nicht von völlig neuen. Die Idee, dass da jemand Teile von Ebola und anderen schlimmen Viren nehmen könnte, um dann etwas noch tödlicheres zu schaffen, unterschlägt die Tatsache, wie schwer es ist, einen völlig neuen Organismus zu schaffen, der in der Natur überleben kann.
Es ist ziemlich hart für einen Erreger, sich an den menschlichen Lebensstil anzupassen. Ebola ist beispielsweise enorm pathogen. Davon sind dann die Familien Infizierter betroffen und womöglich Menschen in der Gesundheitsversorgung – doch die Krankheit verbreitet sich nie besonders weit, weil sie einfach zu tödlich ist. Sie existiert schlicht nicht lange genug in den Menschen, um sich zu verbreiten. Bei der Vogelgrippe gilt ähnliches: Auch sie dürfte sich nicht sehr weit verbreiten, so lange sie nicht mutiert und insgesamt weniger pathogen ist.
TR: Wenn Sie sich die bestehenden Organismen einmal ansehen, wo sehen Sie dort die größten Gefahren?
Baltimore: Ich denke, Viren müssen uns die meisten Sorgen machen. Sie lassen sich recht einfach herstellen und kontrollieren und einige von ihnen sind enorm tödlich. Der Pockenerreger ist beispielsweise sehr potent, ohne dass wir gegen ihn heute geschützt wären. Die Sequenz dieses Viren-Organismus ist allgemein bekannt und ließe sich erneut synthetisieren – wenn man über ein entsprechendes Labor verfügt. Das macht man aber nicht in einem Hinterhof. Man braucht ein großes Labor mit vielen Vorkehrungen in Sachen Biosicherheit. Ich sehe nicht, dass so etwas innerhalb der USA geheim bleiben könnte, aber ein finanziell gut ausgestattetes Labor außerhalb unseres Landes könnte etwas derart schändliches durchaus versuchen.
TR: Sind die Kontrollmechanismen innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft ausreichend, um mit diesen Gefahren umzugehen?
Baltimore: Ich denke, dass die Wissenschaftsgemeinschaft durchaus sensibel auf den Wunsch reagiert, Forschung adäquat zu kontrollieren – und das klappt tatsächlich besser innerhalb der Gemeinschaft als durch Gruppen und Behörden von außerhalb. Diese Botschaft ergab sich bereits aus der Asilomar Conference und wird vom Fink Report aus dem Jahre 2003 bestätigt, in dem der nationale Forschungsrat der USA überprüfen ließ, wie sich biologische Forschung, die auch Kampfstoffe hervorbringen könnte, kontrollieren lässt.
TR: Was nehmen Sie von der "Synthetic Biology 2.0"-Konferenz mit? Was wird hier die Message sein?
Baltimore: Ich hoffe, dass wir die Leute gegenüber möglichen Bedenken sensibilisieren können. Gibt es dann zentrale Fragen wie die nach den Gefahren dieser Forschung, muss man auch die Biologen selbst einbinden. Es geht darum, solche Fragen nicht nur innerhalb der Regierung zu debattieren, sondern auch in der Wissenschaftsgemeinschaft.
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)