Das Web der Video-Amateure

Wer braucht schon Hunderte von TV-Kanälen, wenn man im Internet kostenlosen Zugriff auf Tausende von Videoproduzenten hat? Fragt sich nur, ob sich das Programm auf Videodiensten wie YouTube & Co. auch lohnt.

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Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Wade Roush

Wenn in einer bestimmten Netz-Nische Platz fĂĽr ein Start-up ist, so lautet offenbar die Internet-Maxime im wieder auferstandenen "Web 2.0", dann ist auch Platz fĂĽr 15 bis 20 weitere.

In einigen Bereichen scheint das tatsächlich zu funktionieren, beispielsweise im Segment der Foto-Websites. Die ständig wachsende Zahl an Digitalfoto-Fans bestückt inzwischen wesentlich mehr Angebote, als man es für möglich gehalten hätte - insbesondere wenn man bedenkt, dass in der Presse fasst nur der inzwischen von Yahoo übernommene Foto-Sharing-Klassiker Flickr Erwähnung findet. Da gibt es beispielsweise Bubbleshare, Fotki, Fotolog, Funtiog, Parazz, Phanfare, Photobucket, PhotoShow, PicPix, Picturecloud, Picturetrail, Pixagogo, Riya, Shutterfly, Smugmug, Snapfish, Tabblo, Webshots oder Zooomr, um nur eine Auswahl zu nennen.

Der Boom bei den Foto-Sites überträgt sich inzwischen auch auf einen anderen Bereich: Den des Video-Sharing. Neue Angebote entstehen hier nahezu jeden Monat. Interessierte Nutzer können hier ihr eigenes Videomaterial veröffentlichen und von anderen bereitgestellte Filme begutachten. Zunehmend günstige und qualitativ hochwertigere digitale Camcorder, Video-Handys und tragbare Video-Player tun ihr übriges, um den Boom zu befeuern. Die meisten Video-Sites sind zudem kostenlos. Zu den Standardfunktionen gehört der Upload eigener Filme auf den persönlichen Account, das Durchsuchen der Bestände anderer Mitglieder, der Download einzelner Filme oder das direkte Betrachten im Web per Streaming.

Seit der Gründung des Branchen-Primus YouTube sind zahlreiche weitere Angebote hinzugekommen: AOL UnCut Video, blip.tv, Buzznet, CastPost, ClipShack, Dailymotion, Google Video, Jumpcut, Ourmedia, Revver, Streamload, Veoh, VideoEgg, Vimeo, vpod.tv oder vSocial fallen einem ein - und auch das Ur-Portal Yahoo hat inzwischen seinen Video-Dienst entsprechend aufgemotzt. Weitere Angebote stehen derweil in den Startlöchern - etwa Motionbox oder Wallop. Der Trend geht außerdem zur Kombination von Video- und Foto-Angeboten.

Der Boom beim "Citizen Video" hat mehrere GrĂĽnde: Erstens ist die Technik inzwischen ausreichend breit verfĂĽgbar, zweitens hat sich das Internet nach mehr als zehn Jahren Massenzuspruch in der Gesellschaft weit genug verbreitet. Jason Zajac, Manager fĂĽr den Bereich "Social Media" bei Yahoo, sieht mehrere BegrĂĽndungen dafĂĽr, dass sich Angebot und Nachfrage praktischerweise zur gleichen Zeit trafen: "Breitband-Internet ist heute der Standard, Profis wie Amateure nehmen digital auf, digitale Videorekorder setzen sich immer mehr durch und wir haben eine ganze Generation junger Leute, die das Internet zur Verbreitung "cooler" Inhalte in der ganzen Welt nutzen wollen."

Doch bedeutet diese Angebotsexplosion auch, dass es tatsächlich genügend spannende und sehenswerte Inhalte gibt, die online gestellt und herunter geladen werden? Zumindest die Zahlen sprechen dafür. So steht YouTube laut den Datenverkehrsexperten von Alexa inzwischen auf Platz 18 der meistfrequentierten Websites. Jeden Tag schauen 3 von 100 Internet-Nutzern auf der Seite vorbei. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass bei Google nur 27 von 100 vorbeikommen – gerade einmal neun Mal so viel.

Doch Traffic-Statistiken allein sagen nicht unbedingt etwas über die Qualität aus, die die Nutzer auf den Video-Seiten erleben. Außerdem können die Nutzer Angebote wie YouTube von Konkurrenten wie Buzznet, Revver oder Vimeo bislang kaum unterscheiden.

Der Foto-Sharing-Markt hatte bereits gute fĂĽnf Jahre Zeit, um sich zu entwickeln. Dabei entstanden die verschiedensten Angebote, die die unterschiedlichsten BedĂĽrfnisse der Nutzer decken. Flickr spricht beispielsweise die "Alpha Geeks" an, die gerne direkt unter den Fotos Kommentare hinterlassen wollen und ihre Bilder mit Metatags versehen. Angebote wie der Dienst Webshots wenden sich hingegen eher an Familien.

Das Video-Sharing-Universum hat jedoch insgesamt noch kaum Unterscheidungsmerkmale entwickelt. Alle Anbieter wollen ihren Nutzern die Teilnahme an der "Social Media"-Revolution ermöglichen - Kommunikation, Austausch und Communities voller nutzergenerierter Inhalte wie Fotos, Videos, Podcasts oder Blogs. Aber nahezu alle verfügbaren Funktionen sind gleich, ähnlich wie das anfangs bei Foto-Sites der Fall war.

Auch die Inhalte sind sich leidlich ähnlich: Alle Videos stammen aus dem gleichen, riesigen und heterogenen Pool aus Material von Semi-Profis, Amateuren und Professionals. Da treffen Clips betrunkener Studenten, die Madonna-Titel lippensynchron nachsingen, auf einfache Urlaubsvideos und Profi-Kinotrailer oder das gelegentliche Filmhochschul-Stück. Als dieser Artikel geschrieben wurde, stand auf Buzznet ein Konzertvideo der finnischen Metal-Geiger Apocalyptica auf Platz 1, Yahoo Video präsentierte ein Reggae-Video ganz vorn und auf ClipShack war die vierte Folge einer Selbstmach-Comedy-Serie namens "Dustin's Play Time" der populärste Film.

Yahoo-Mann Zajac, der den Relaunch des Yahoo-Videodienstes anführte, hält das derzeit noch "ein bisschen für Wildwest". "Es gibt viele Videos aus den unterschiedlichsten Quellen. Auch die Qualität ist völlig verschieden. Es ist schwer, Sachen zu finden, die gut sind. Wir versuchen derzeit vor allem, einen Dienst zu schaffen, der für die Leute Sinn macht - einen Ort, an dem die Leute damit anfangen können, das Phänomen Web-Video zu erfahren."

Die meisten Video-Sharing-Angebote setzen auf diesen "Catch All"-Ansatz - sie lassen sich nicht davon leiten, welche Videos bei den Internet-Nutzern am populärsten sein könnten, sondern setzen auf den Enthusiasmus einer Kundschaft, die ihr Leben digital zu dokumentieren will und gleichzeitig stundenlang voyeuristische Interessen an Videos anderer Nutzer befriedigt.

Doch ähnlich wie sich die Foto-Sharing-Angebote inzwischen ausdifferenziert haben, müssen auch die Video-Sharing-Angebote ihren jeweils individuellen Charakter finden. Mit Filmgenres wird das aber wohl eher wenig zu tun haben - so gibt es auch keine speziellen Foto-Sharing-Angebote, die sich etwa auf Bilder von Blumen oder Stränden spezialisiert haben. Wahrscheinlicher ist eine Ausdifferenzierung nach Zielgruppen. Ein Video-Äquivalent zu Flickr würde sich beispielsweise an die technisch orientierten Nutzer wenden, die beispielsweise unendlich viel Speicherplatz gegen eine monatliche Premium-Gebühr erhalten könnten. Ernsthaftere Filmemacher würden sich dann Sites zu wenden, die personalisierte "Channels" bieten, in denen ihre Arbeiten ausschließlich gezeigt werden, wie dies YouTube seit kurzem macht. Low-End-Angebote blieben womöglich weiterhin frei und werbefinanziert und böten Platz für Dinge wie die "lustigsten Heimvideos".

Bis es soweit ist, gilt bei den Video-Sharing-Angeboten jedoch weiterhin das Gießkannenprinzip: Alles geht. Anthony Batt, CEO von Buzznet, das sich gerne als Pop-Kultur-Adresse positionieren würde, glaubt jedoch fest daran, dass sich dank der Dienste "die Welt verändern" werde. "Wir geben den Leuten Handys und Kameras an die Hand, mit denen sie alles aufnehmen können, was sie wollen. Wir geben ihnen Web-Werkzeuge, mit denen sie ihr Material dann unbeschränkt verbreiten können." Man stehe vor einer "grundlegenden Veränderung" der Medienlandschaft, was die Sache so spannend mache: "Wir wollen, dass die Leute Bilder aus ihrem Leben aufnehmen und sie sofort mit der Welt teilen können."

Ăśbersetzung: Ben Schwan. (nbo)