"Eine Überdosis Kalorienreduktion"
John Holloszy, Medizinprofessor an der Washington University, über die Entdeckung, dass strenge Asketen, die sich kalorienreduziert ernähren, seltener krank werden und sogar bessere Gesundheitsparameter haben als Profisportler.
- Emily Singer
Es gibt zahlreiche Beweise dafür, dass eine Diät mit stark reduzierter Kalorienaufnahme das Leben verlängern kann - zumindest bei verschiedenen Tierarten, darunter Fliegen und Nagetiere. Doch wirkt die Kalorienreduktion auch beim Menschen derart positiv? Forscher an der Washington University in St. Louis wollen dies in einer Studie herausfinden, an der 35 Mitglieder der so genannten "Calorie Restriction Society" teilnehmen, einer US-Vereinigung von Menschen, die an die Vorteile der Kalorienreduktion glauben. Diese Personen nehmen nur ungefähr 1800 Kalorien am Tag zu sich, weil sie glauben, dies verlängere ihre Lebenszeit und verbessere die Gesundheit.
Es wird noch Jahre dauern, bis erste Ergebnisse vorliegen, was die mögliche Lebenszeitverlängerung durch die Kalorienreduktion anbetrifft. Studienleiter John Holloszy und sein Kollege Luigi Fontana fanden aber bereits jetzt heraus, dass eine derart strenge Diät den Menschen vor verschiedenen Krankheiten schützen kann, die normalerweise im Alter vorkommen - darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ 2-Diabetes. Die Forscher wollen nun eine größere Studie starten, bei der die Teilnehmer ihre Kalorienaufnahme nur um 25 Prozent reduzieren. So soll herausgefunden werden, welche biologischen Veränderungen bei normalen Menschen stattfinden. Technology Review sprach mit Holloszy auf dem 35. Jahrestreffen der American Aging Association in Boston.
Technology Review: Was war das erstaunlichste Ergebnis bei Ihrer Untersuchung von Menschen, die sich kalorienreduziert ernähren?
John Holloszy: Es ergab sich dabei, dass sie deutlich besser gegen Alterserkrankungen wie Herzprobleme geschützt sind. Die Gruppe zeigte nur geringe Konzentrationen an Cholesterin und Triglyceriden und einen extrem geringen Blutdruck. Der erinnerte an Kleinkinder - er lag bei 100 zu 60. Als Resultat dieses geringen Blutdrucks ergibt sich eine geringere Belastung der Arterien, die zudem elastischer sind als bei anderen Menschen gleichen Alters. Ihr Herz sieht oft aus wie das Herz einer 17 Jahre jüngeren Person. Unsere Gruppe zeigte außerdem eine gute Insulin-Empfindlichkeit, so dass sie wohl kaum an Typ 2-Diabetes erkranken würde.
TR: Wie sieht es bei Entzündungsherden im Körper aus? Diesem Faktor wird heutzutage in der Alternsforschung viel Beachtung geschenkt.
Holloszy: Je älter wir werden, desto häufiger kommt es zur Entzündungsbildung, was wahrscheinlich ein wichtiger Teil des Alterungsprozesses ist. Menschen, die kalorienreduziert leben, zeigen hier sehr geringe Werte. C-reaktive Proteine, die sowohl Entzündungen auslösen als auch bei ihrem Vorkommen diese anzeigen können, liegen bei einer Durchschnittsperson mittleren Alters bei einem Wert von ungefähr 2,5. Unsere Diäthalter zeigten hier einen Wert von nur 0,2. Das war schon sehr erstaunlich.
TR: Werden diese Menschen also länger leben?
Holloszy: Das Einhalten einer kalorienreduzierten Diät verlangsamt sekundäre Alterungsprozesse definitiv. Diese hängen mit dem jeweiligen Lebensstil und Erkrankungen zusammen: Das Rauchen löst beispielsweise sekundäre Alterungsprozesse in Lunge und Haut aus. Es ist derzeit aber noch unmöglich zu sagen, dass die Kalorienreduktion die maximale Lebenszeit tatsächlich verlängert, die der Mensch erreichen kann. Ich bin mir aber sehr sicher, dass Menschen, die sich kalorienreduziert ernähren, insgesamt länger leben können, als solche, die das nicht tun.
TR: Sie haben die Diät haltende Gruppe mit Läufern verglichen, um festzustellen, wie die Kalorienreduktion sich im Vergleich zu Sport schlägt.
Holloszy: Ja. Wir haben uns eine Gruppe professioneller Athleten angesehen. Das waren die dünnsten Leute unter denjenigen, die sich normal ernähren, die wir finden konnten. Sie sind sehr schlank, aber nicht so dünn wie Menschen, die sich kalorienreduziert ernähren. Es ist ehrlich gesagt schwer, Menschen zu finden, die derart dünn sind, außer es handelt sich um Kranke.
TR: Wie schlug sich die Kalorienreduktion nun im Vergleich?
Holloszy: Die Kalorienreduktion schlägt sich unseren Ergebnissen nach besser als viel Bewegung, insbesondere beim Blutdruck und den Entzündungsherden.
TR: Nun arbeiten Sie an einer weiteren Studie.
Holloszy: Genau. Die aktuellen Studienteilnehmer repräsentierten nur einen Querschnitt. Wir wissen nicht, wie es bei diesen Menschen aussah, bevor sie mit der Kalorienreduktion begonnen haben. Wir werden uns jetzt also Personen ansehen, die Normalgewicht oder leichtes Übergewicht haben. Innerhalb der Studie werden sie dann 25 Prozent weniger essen, als sie bislang zu sich nehmen. Wir würden das gerne insgesamt zwei Jahre lang testen, was aber sehr schwer werden wird.
TR: Was wollen Sie mit der neuen Studie zeigen?
Holloszy: Wir wollen herausfinden, ob sich bei diesen Menschen nach zwei Jahren die gleichen biologischen Veränderungen abzeichnen, wie dies bei Ratten und Mäusen passiert, die kalorienreduziert ernährt werden. Wir werden dabei zwar ebenfalls nicht feststellen können, ob die Versuchspersonen tatsächlich länger leben, doch wir werden zumindest die möglichen Veränderungen beobachten können.
Wir wollen außerdem feststellen, wo bei der Kalorienreduktion der tatsächliche Maximalwert liegt. Es könnte ja sein, dass diejenigen, die das heute tun, sozusagen eine Überdosis nehmen. Vielleicht ergeben sich ja ähnliche positive Aspekte, wenn man die Kalorienaufnahme etwas weniger deutlich reduziert.
TR: Die Alternsforschung untersucht, ob sich Medikamente herstellen lassen, die ähnlich positive Auswirkungen wie die Kalorienreduktion haben. Werden Ihre Studien dabei helfen?
Holloszy: Sie werden uns zumindest Aufschluss darüber geben, nach welchen Biomarkern wir schauen müssen. Wenn ein Wirkstoff ähnliche biologische Veränderungen bewirkt, können wir dann sagen, dass er so ähnlich wie die Kalorienreduktion arbeitet.
Übersetzung: Ben Schwan. (nbo)