Der Cyberspace im Bullauge

INTERFACES 3: Nicht nur Produkte, auch Informationen wollen klug designt werden – diese Erkenntnis blieb bei der Entwicklung von Benutzeroberflächen für Computer im Laufe der Jahrzehnte leider allzu oft auf der Strecke. Eine Bestandsaufnahme.

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Von
  • Niels Boeing
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"Die Schwierigkeit ist wohl nicht so sehr, dass wir angesichts der Spanne und Vielfalt heutiger Interessen über Gebühr publizieren, sondern dass die Veröffentlichungen unsere gegenwärtige Fähigkeit übersteigen, sie wirklich zu nutzen.“ Was wie ein Kommentar zur Informationsflut des digitalen Zeitalters anmutet, ist ein Satz aus dem Jahre 1945.

Er stammt aus dem epochalen Essay „As We May Think“ von Vannevar Bush, dem damaligen Forschungsstrategen der USRegierung, und bezog sich auf die Explosion wissenschaftlicher Fachliteratur. Bush konnte nicht ahnen, wie viele Terabyte an Informationen in Form von Dokumenten, Webseiten oder Online-Shops heute in jeder Minute von Nutzern weltweit an ihren Rechnern aufgerufen werden. Dass sich nicht wenige Menschen dabei überfordert fühlen, liegt auch an der Art, in der diese Informationen auf dem Bildschirm dargestellt werden – im Fachjargon Benutzeroberfläche oder Interface genannt.

Wer von uns hat sich nicht schon über die umständliche Bedienung von Software oder seltsam gestaltete Webseiten geärgert? Man kann das weltfremden Computeringenieuren anlasten. Tatsächlich sind aber verschiedene Entwicklungen dafür verantwortlich, dass digitale Informationen über das arg eingeengte Bullauge des Bildschirms noch immer nicht so einfach zu bedienen sind wie Fernseher oder Radio.

Vannevar Bush selbst hatte in seinem Aufsatz ein neues Informationsdesign skizziert: das „Memex“, einen Schreibtisch mit integriertem Bildschirm und Mikrofilmspeicher. Damit nahm er 1945, als die ersten Computer noch Räume füllten, die Idee des World Wide Web vorweg.

Inspiriert von Bushs Konzept, machte sich ein junger Ingenieur namens Douglas Engelbart am Stanford Research Institute an die Arbeit. Das Ergebnis präsentierte er 1968 einem verblüfften Konferenzauditorium: das „oN-Line System“ (NLS). Über eine Tastatur und zwei mit Tasten versehene Steuergeräte – eine davon heute als Maus bekannt – konnte Engelbart auf einem Monitor Buchstaben und erstmals auch Linien präsentieren und bearbeiten, allerdings noch keine Grafiken.

Das NLS-Demo verfügte bereits über wesentliche Elemente, die heute selbstverständlich sind: die Verknüpfung von Dokumenten als so genannter Hypertext, deren Bearbeitung am Bildschirm – auch gemeinsam über mehrere Rechner in einem Netzwerk –, E-Mail, Instant Messaging und Videokonferenzen mit Hilfe von zugeschalteten Kameras. Der Vorläufer des Internets, das ARPAnet, existierte da noch nicht einmal.

Am kalifornischen Forschungszentrum Xerox PARC wurde die NLS-Idee aufgegriffen und zum „Smalltalk“- System erweitert: zu einer Benutzeroberfläche, auf der Programme in verschiedenen „Fenstern“ genutzt werden.

1974 war Smalltalk zum funktionsfähigen System gereift. Die Anordnung hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit losen Blättern auf einem Schreibtisch. Das Konzept sprach sich im Silicon Valley herum und wurde unter anderem von einem Start-up namens Apple Computers adaptiert. Der Rest ist Geschichte: Mit der Einführung von Apples Macintosh 1984 trat die Fenster-Benutzeroberfläche ihren Siegeszug an – und ärgert seitdem Interface- Designer und Nutzer gleichermaßen.