Die Erfindung des "live"

Unter Medienantiquitäten zählen alte Radios zu den facettenreichsten Favoriten – einen Hauch von Abenteuer und ferner Klang inklusive.

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Von
  • Peter Glaser

Unter Medienantiquitäten zählen alte Radios zu den facettenreichsten Favoriten – einen Hauch von Abenteuer und ferner Klang inklusive.

Am 24. Dezember 1906 vernahmen Schiffsfunker vom Nordatlantik bis hinunter in die Karibik in ihren Kopfhörern etwas Unerhörtes: Musik! Bis dahin hatten sie immer nur Morsesignale gehört. An diesem Tag wurde der Erfinder Reginald Fessenden von Massachussetts aus mit einem selbstkonstruierten Radiosender zum Urvater aller Diskjockeys: In der ersten Rundfunkübertragung der Welt spielte er Geige und las aus der Bibel vor.

In Deutschland begann der öffentliche Rundfunk im Oktober 1923 mit der Funk-Stunde Berlin – und die Hersteller der Empfänger übertrafen sich bald mit technischen und gestalterischen Ideen, von auf Brettchen montierten Schaltungen bis hin zur "Kathedrale", einer nunmehr klassischen Radiobauweise, deren Frontansicht an ein Kirchenfenster erinnerte. Verzierungen, Stoffblenden, Bakelit und immer weitere technische Neuerungen verwandelten Radios in Renommierobjekte, gefolgt von eindrucksvollen Nachkriegs-Tonmöbeln, vergnügten Kofferradios oder den Geräten im schmucklos schönen Bauhaus-Stil, mit denen die Firma Braun sich hervortat.

Wer heute einen solchen alten Apparat in Händen hält, hat ein besonderes Objekt vor sich. Das Radio hat erstmals jene besondere Art der unmittelbaren Anteilnahme an Weltereignissen in jeden Haushalt gebracht, die wir jetzt "live" nennen. Es ist ein Stück Mediengeschichte, Technikgeschichte und Designgeschichte. Wer in süßer Unschuld einem alten Radio begegnet, dem kann ein solcher Dachbodenfund oder ein solches Erbstück so gefallen, dass er sich gleich weitere dazuwünscht.

Bei der Frage, was solche altgedienten Apparate eigentlich wert sind, macht es die große Vielfalt an Herstellern und Spezialitäten schwierig, sich einen Marktüberblick zu verschaffen. Aber wie in anderen Bereichen ist auch hier das Internet hilfreich, um auf den Websites von Radioliebhabern, etwa Wumpus Welt der Radios, mit Ameisenfleiß gesammelte Auktionspreise als Anhaltspunkte zu finden. Eine Faustregel für alte Radios lautet: je älter, desto wertvoller.

Aber Radios waren von Anfang an Massenprodukte und bei weitem nicht alles, was alt ist, ist auch kostbar. Um wirkliche Raritäten zu erwischen, etwa einen "D-Zug"-Empfänger von Siemens (so genannt wegen seiner wie Zugwaggons aneinandergereihten Bauteile), braucht man nicht nur Glück. Eine gut erhaltene Siemens Kammermusik-Schatulle (ein frühes Röhrenradio in Gestalt eines Lautsprecher-Tryptichons), kann so wie der "D-Zug" bis zu viereinhalbtausend Euro aufrufen. Der sprichwörtliche Volksempfänger, technische Bezeichnung: VE301, und der im Volksmund "Goebbelsschnauze" genannte "deutsche Kleinempfänger" DKE38 mit Batteriebetrieb rangieren in einem Preisspektrum zwischen 300 und 1.500 Euro.

Wer seiner Sammelneigung nachgeben möchte, sollte auch bedenken, dass Geräte aus den 20er- und 30er-Jahren zwar attraktiv und höherwertig sein können, alte Bauteile bei allfälligen Reparaturen aber wesentlich schwieriger zu beschaffen sind. Radios, die nach dem Krieg produziert wurden, werden selten über 100 Euro gehandelt. Sie bieten allerdings mehr technische Möglichkeiten als die Vorkriegsmodelle.

Zu den wertvollen Ausnahmen gehört eine eigene Liga von Radios, bei denen das Design eine zentrale Rolle spielt und die von der Firma Braun begründet wurde. Dazu gehören auch Radios von Saba und Wega, denen in den 70er-Jahren von den legendären Produktgestaltern Hartmut Esslinger und Verner Panton Form verliehen wurde. Als wegweisend galten Braun-Röhrenradios wie das SK 1 oder das RT 20 und Radio-Plattenspieler-Kombinationen wie der wegen seiner Acrylglasabdeckung unter dem Spitznamen "Schneewittchensarg" berühmt gewordene Braun Phonosuper SK 4.

Wer mehr als zwei, drei Einzelstücke besitzen möchte, aber keinen Platz oder nicht das Taschengeld für eine große Sammlung hat, sollte eventuell ein Radio-Spezialgebiet ins Auge fassen, etwa Miniatur-Radios, Geräte mit eingebauter Uhr, Batterie-Tischapparate, Radios mit mehreren Kurzwellenbereichen oder solche aus Bakelit, um nur einige Möglichkeiten zu nennen.

Ein Angsttermin für Radiofreunde ist übrigens in weite Ferne gerückt: die Abschaltung der analogen Radioübertragung. In Deutschland war ursprünglich geplant, die Übertragung des Rundfunks mit analogen Sendeverfahren bis zum Jahr 2010 endgültig einzustellen und Rundfunk nur noch digital zu verbreiten. Später wurde der Termin auf Juli 2015 verschoben. Der äußerst komplizierte Digitalisierungsprozess wird jedoch noch bis weit in die kommenden Jahre andauern. (bsc)