RĂĽckstandsfreie Datenentsorgung

Es ist gar nicht so einfach, magnetische Speichermedien von ihren Daten zu befreien. US-Forscher haben nun eine Methode entwickelt, mit der auch das Militär sensible Festplatten löschen kann - ein enorm starkes Magnetfeld hilft.

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Von
  • Kate Greene

Forscher am Georgia Tech Research Institute (GTRI) haben ein neues Gerät entwickelt, das Festplatten innerhalb von Sekunden vollständig zerstören kann - samt aller darauf enthaltenen Inhalte. Die "GuardDog" ("Wachhund") genannte Komponente liegt derzeit als Prototyp vor und nutzt einen insgesamt 56 Kilo schweren Magneten. Seine Feldstärke entspricht ungefähr der Leistung, die man sonst nur von Kernspintomografen kennt. Wird eine Festplatte diesem Magnetfeld ausgesetzt, zerstört sie sich praktisch wie von selbst.

Der GuardDog passt in seiner aktuellen Inkarnation in das Gehäuse eines Minikühlschranks. In dem fünf Zentimeter dicken, gepanzerten Behältnis sitzt der eingebaute Magnet. Dieser besitzt einen Einschub, in den genau eine PC-Festplatte passt. Der verwendete Magnettyp, ein so genannter Dauermagnet, produziere dann ein intensives, ununterbrochenes Feld, wie GTRI-Forscher Michael Knotts erklärt, der das GuardDog-Projekt leitet.

Der Einsatz von Magneten zum Löschen von Festplatten ist keineswegs eine neue Idee. "Allerdings unterscheidet sich dieses neue System bei seiner Geschwindigkeit von anderen kommerziellen Löschgeräten", meint Jim Turner, leitender Forschungsingenieur beim Militärausrüster L-3 Communications ComCept, der am GuardDog-Projekt beteiligt ist. Festplattenlöschgeräte für Heim- und Büroanwender zerstörten die Datenträger allerdings in den wenigsten Fällen vollständig. Selbst militärische Harddisk-Killer erledigen ihren Job nur dadurch, dass sie die Platte sprichwörtlich zu Pulver zermahlen. "Mit genügend Zeit und Geld lassen sich die Daten nämlich theoretisch rekonstruieren, wenn eine Festplatte nicht physikalisch zerstört wird", sagt Turner.

GuardDog könnte mit seiner Schnelligkeit und Sicherheit großes Interesse beim US-Militär wecken. Dort müssten Festplatten manchmal in Minuten zerstört werden, erklärt Knotts. Obwohl GuardDog eigentlich für die Männer und Frauen in Uniform gedacht ist, könnte auch der zivile Sektor von dem Gerät profitieren. Banken, Kreditkartenfirmen und Unternehmen, die mit sensiblen persönlichen Daten umgehen, könnten sich ebenfalls dafür interessieren. Derzeit werden jedes Jahr Millionen von Festplatten aufs Altenteil geschickt. Dabei kommt es immer wieder zu Fällen, bei denen Gauner Sozialversicherungsnummern und Kreditkartendaten von Festplatten aus dem Müll rekonstruieren. Idealerweise sollten Unternehmen also sicherstellen, dass weggeworfene Speichermedien tatsächlich rückstandsfrei gelöscht sind.

Der GuardDog-Ansatz nutzt ein sehr leistungsfähiges magnetisches Material namens Neodym-Eisen-Bor. Es produziert ein Dauermagnetfeld, wenn es an eine Stromversorgung angeschlossen oder auf Tieftemperaturen heruntergekühlt wird. Das Magnetfeld löscht dann die Daten, in dem alle magnetischen Dipole im Festplattenmaterial zufällig ausgerichtet werden. Die Metallkomponenten im Gehäuse werden allerdings ebenfalls vom Magneten angezogen.

Deshalb besitzt GuardDog eine Handkurbel, mit der das Magnetfeld überwunden werden kann. So gelangt die Festplatte dann durch das Feld. Einige Sekunden später entnimmt man den gelöschten Datenträger. Der starke Magnet zerstört außerdem den Teil der Festplatte, der die Position des Schreiblesekopfes kontrolliert. Daher löscht GuardDog die Platte nicht nur, sondern macht sie auch noch völlig unbrauchbar.

Um die Technik auf ihre Funktionsfähigkeit zu testen, setzten die Forscher ein so genanntes Rasterkraftmikroskop ein. Damit ist es möglich, auf Nanometer-Niveau in das Magnetfeld einer Festplatte zu blicken, wo die Daten abgelegt werden. Je nachdem, wo diese Linien und Punkte liegen, lässt sich erkennen, ob GuardDog tatsächlich saubere Arbeit geleistet hat: Ergibt sich ein organisiertes Muster, enthält die Festplatte noch Daten. Dies sei nach der Löschung mit dem Gerät aber nie der Fall gewesen, sagt Knotts.

Mit einigen ernsten Einschränkungen müssten potenzielle Nutzer allerdings rechnen. "Man kann das Gerät nicht einfach mit ins Büro nehmen. Wir wollen ja nicht, dass das Magnetfeld anderer Festplatten beeinträchtigt wird." Außerdem könnte GuardDog herumliegende Metallteile anziehen oder Herzschrittmacher aus dem Tritt bringen, wie man dies von Kernspintomografen her kennt.

Knotts und sein Team arbeiten aber derzeit an einer vernünftigen Abschirmung. Sie nutzen dabei ähnlich starke Magneten, wie sie auch zum Löschen der Festplatte genutzt werden. Allerdings sind diese recht klein und werden außerhalb des Hauptmagneten platziert. Dann sorgen sie dafür, dass das Feld das Gerät nicht verlassen kann.

Experten fragen sich allerdings, ob eine derartige Komplettzerstörung wie mit GuardDog überhaupt notwendig ist. Simson Garfinkel, anerkannter Computer- und Datenschutzfachmann, der auch für Technology Review schreibt, kennt auch noch andere sichere Methoden. So ließe sich eine Verschlüsselungstechnik gleich in die Hardware einer Festplatte einbauen. Dieses so genannte "Crypto Shredding" würde die Platte ebenfalls vollständig löschen, in dem sie verschlüsselt würde. Dazu reicht dann ein Knopfdruck, ein Magnetfeld wäre unnötig. "Warum sollte man sich damit abmühen?", fragt Garfinkel.

Knotts entgegnet dieser Kritik, in dem er angibt, dass die US-Regierung eine Verschlüsselung für ihre sensiblen Daten als nicht ausreichend ansehe. Zudem sei es wichtig, Festplatten zerstören zu können, auch wenn deren Stromversorgung ausgefallen sei.

Fred Spada, Forscher am Center of Magnetic Recording Research, einem Fachinstitut an der University of California in San Diego, hat sich auf Festplattentechnik spezialisiert. Er hält GuardDog für einen nützlichen Einfall, falls Verschlüsselungstechnik nicht zur Verfügung stehe. Auch könne die Technik einen Standard erreichen, den auch sein Institut fordere: Wirklich sicherzustellen, dass die magnetische Signatur einer Festplatte in keinem Fall wieder hergestellt werden könne.

Der GuardDog soll in den nächsten Jahren auf den Markt kommen - L-3 Communications ComCept arbeitet derzeit an einer kommerziellen Variante. Derweil haben Knotts und Kollegen bereits eine Miniversion des Gerätes entwickelt: Sie kann 1-Zoll-Festplatten zerstören, wie sie beispielsweise in Profi-Digitalkameras verwendet werden. Außerdem ist eine Variante für Laptop-Datenträger geplant.

Ăśbersetzung: Ben Schwan. (nbo)