Akkus fĂĽr den Sofortgebrauch
Der japanische Elektronikhersteller Sanyo, Weltmarktführer bei wiederaufladbaren Batterien, bringt im Juli in Europa den ersten Akku auf den Markt, der sich praktisch nicht mehr selbst entläd - und setzt nun verstärkt auf Energie- und Umwelttechnik.
- Martin Kölling
Mitsuru Honma lächelt. Dann präsentiert das Vorstandsmitglied des kriselnden japanischen Elektronikkonzerns Sanyo eines der wichtigsten Produkte des Sanierungsplans, das nach Japan auch Europa erobern soll: in schlichtem Elfenbeinweiß gehaltene wiederaufladbare AA-Batterien namens Eneloop.
Zwei Besonderheiten zeichnet die Akkus aus. Erstens werden sie im Gegensatz wie die bisher üblichen Akkus nicht leer, sondern aufgeladen wie normale Batterien verkauft, denn Sanyo hat ihnen die für Akkus berüchtigte schnelle Selbstentladung abgewöhnt. Zweitens schreibt Sanyo seinen Namen drauf und ändert damit seine Strategie radikal.
Bisher belieferte Sanyo vor allem andere Batteriehersteller mit seinen Akkus. Auch wenn Energizer, Sony oder eine andere Marke auf dem Energiespeicher steht, ist die Chance groß, dass sich dahinter Sanyo verbirgt. Auch die meisten Handys ziehen ihren Strom aus Sanyo-Akkus. Und bei Nickel-Metallhydrid-Batterien hat das Unternehmen gar einen Weltmarktanteil von 65 Prozent, nur nicht unter eigenem Namen. Nun will der Konzern außerhalb Japans endlich Marktmacht in Markenmacht übersetzen. „Wir haben so viele Technologien, doch keiner weiß es“, grämt sich Honma. Das umweltbewusste Europa ist dabei eines der wichtigsten Schlachtfelder. Seine einmaligen Batterien schickt Sanyo daher als Vorhut, dann folgen Solarzellen und schließlich energieeffiziente Klimaanlagen.
Diese Produkte sind Teil der neuen esoterisch anmutenden Unternehmensvision „Think Gaia“, mit der sich das Unternehmen als Anbieter von umwelt- und menschenfreundlichen Produkten im öffentlichen Weltbewusstsein verankern will. Die Göttin Gaia ist in der griechischen Mythologie die Erde ein Gottesgestalt. Jeden Monat will das Unternehmen so ein „Think Gaia“-Produkt vorstellen. Beispiele sind ein Luftreiniger, der den Vogelgrippe-Virus auslöscht oder eine Waschmaschine, die mit einem Waschwasserrecycling durch Ozon den Wasserverbrauch senkt.
Dabei verschiebt Sanyo den Schwerpunkt von Elektronik- und Haushaltsgeräten wie Kühlschränken auf Produkte im Energie- und Umweltbereich. Die klassischen Standbeine der Elektronikkonzerne seien „ein blutiger Markt, in dem Wettbewerb heißt sich gegenseitig zu verletzen und umzubringen“, begründet Honma den Strategiewechsel. Von „Think Gaia“-Produkten verspricht er sich hingegen höhere Gewinnmargen.
Die Eneloop-Akkus sind das erste Produkt dieser Vision. Die Technik dahinter ist keine Hexerei. „Wir hätten das schon vor Jahren haben können“, sagt Satoru Hotta, derzeit Marketingchef der Abteilung für Mobile Energy und ab 1. Juli Chef des Büros von Präsident Toshimasa Iue, dem Enkel des Firmengründers. Doch bis vor wenigen Jahren hätten sich die Ingenieure nur um die Steigerung der Leistungsfähigkeit gekümmert, aber nicht um die Senkung der Selbstentladung. „Denn wir achteten vor allem auf die Bedürfnisse unserer Hauptkunden, die Hersteller von Handys und Elektronikgeräten, und die würden nie danach fragen.“
Doch als er 2001 in die Batterie-Division wechselte, wollte er das Geschäft mit den Endkunden erweitern. Schnell fand er heraus, dass die sich bei Akkus am meisten über zwei Punkte beschwere: Die Dinger müssen vor dem ersten Gebrauch erst aufgeladen werden und verlieren auch bei Nichtstun im Nu ihre Energie.
„Ich habe von den Ingenieuren gefordert, eine Lösung für dieses Problem zu finden“, erzählt Hotta. Die Techniker identifizierten drei Gründe für die Selbstentladung: die chemische Auflösung der Kathode, den natürlichen Zerfall der Anode und Verunreinigungen von der Anode, die Strom verbrauchen.
Das erste Problem wurde durch eine neue Legierung für die Kathode gelöst, die Sanyo "Superkristallgitterlegierung“ (Superlattice Alloy) nennt. Dies ist eines der Wasserstoff bindenden Materialien für die Kathode von NiMH-Batterien. Wie genau sich die Struktur von traditionellen Legierungen unterscheidet, will Sanyo nicht verraten. Aber durch das neue Material wächst erstens die Kapazität im Vergleich zur herkömmlichen NiMH-Batterie laut Unternehmensangaben um 25 Prozent.
Zweitens verbessert sich die Entladung bei hoher Belastung. Dadurch eignet sich die Batterie besser als zuvor als Handy-Akku, die nicht so heiß werden dürfen, und als Batterie für Werkzeuge und als Batterien für den Elektromotor in Hybridautos, die hohe Entladeraten benötigen.
Und drittens wird die Produktion billiger, weil das „Superlattice Alloy“ weniger leicht durch wiederholte Ladung und Entladung zerfällt als das Vorgängermaterial. Dadurch benötigt Sanyo für die Herstellung weniger bis gar kein teures Kobalt, mit dem die Kathoden bisher stabilisiert wurden.
Die neue Legierung wird nun in allen NiMH-Akkus verwendet. Eneloop unterscheidet sich von den neuen NiMH-Akkus auch dadurch, dass Sanyos Techniker zusätzlich die Anode durch ein neues Material verstärkt sowie die Elektrolyte und die Separatoren verbessert hat. Durch diese Innovationen erreicht Eneloop eine ähnliche Energiedichte wie die Einweg-Batterien, wenn man sie in Geräten mit geringem Stromverbrauch verwendet.
Bei Geräten mit hohem Stromverbrauch schlägt der Akku die Wegwerf-Geschwister allerdings deutlich, denn die Trockenzell-Batterien verlieren bei hoher Belastung einen Großteil ihrer Speicherfähigkeit. Und vor allem entlädt Eneloop sich bei Nichtbenutzung kaum noch. Nach einem Jahr Lagerung ist sie immer noch zu 85 Prozent voll.
In Japan wenigstens kommt das Produkt an. Seit der Einführung im Heimatmarkt hat Sanyo in diesem Segment die Rivalen Panasonic und Sony abgehängt und seinen Marktanteil um 20 Prozentpunkte auf 55 Prozent getrieben. Gleichzeitig wuchs der Akkumarkt um 20 Prozent – und bei Sanyo klingelt die Kasse. Mit dem Ausbau des Eigenmarkengeschäfts in Europa will Vorstand Honma die Profitabilität im Akku-Geschäft auf 12 bis 13 Prozent anheben.
Doch richtiges Wachstum ist im reifen Markt für Kleinbatterien nicht mehr drin. Darum setzt Honma auf große Exemplare für Hybridautos, die Japans Autoherstellern Toyota und Honda weltweit salonfähig gemacht haben. Durch die Kombination von Benzin- und Elektromotoren verbrauchen diese Fahrzeuge im Stadtverkehr weniger Benzin, weil sie die Bremsenergie speichern und für den zusätzlichen Elektroantrieb nutzen.
Bisher dominiert Panasonic durch ein Joint Venture mit Toyota den Markt für diese Hochleistungsbatterien. Doch Honma will Sanyos Marktanteil in diesem Segment bis 2010 auf 50 Prozent ausbauen und so den Umsatz seines gesamten Akkugeschäfts auf mehr als vier Milliarden Euro verdoppeln.
Grundlage dieser Hoffnung ist Sanyos Prognose, dass der Absatz von knapp unter 500.000 Hybriden in diesem Jahr bis 2010 auf zwei bis drei Millionen explodiert. Sanyo setzt dafür auf die ausländischen Autobauer. Bereits jetzt beliefert der Konzern Ford und DaimlerChrysler. Mit Volkswagen entwickeln die Japaner seit Januar ein ganzes Antriebssystem.
Honmas Vorgaben sind sportlich: Gewicht und Masse des heutigen Modells sollen in der zweiten und dritten Generation (bis 2009) jeweils halbiert, die Energiedichte verfünffacht und die Ausgabedichte mehr als verdoppelt werden. Gleichzeitig sollen die Kosten des Energiespeichers von tausenden auf unter 700 Euro gedrückt werden. „Für eine schnelle Verbreitung der Hybridautos müssen die Systemkosten unter 1400 Euro liegen“, urteilt Honma. Und die Hälfte der Kosten mache nun mal die Batterie aus. Eine anderer Hoffnungsmarkt für Sanyo sind Solarzellen – und damit Deutschland. Die installierte Leistung der Sonnnenfänger wird sich nach der hauseigenen Prognose von 2006 bis 2010 von 1,6 auf 4 Gigawatt erhöhen. Größter Markt wird Europa sein. Um bis 2010 unter die führenden drei Hersteller vorzustoßen, plant die Hightech-Schmiede die Vervierfachung ihrer Produktionskapazität auf 600 Megawatt.
Das entspräche einem Weltmarktanteil von 15 Prozent. Dafür investiert der Konzern massiv in die Verdopplung des Ausstoßes seiner Solaranlagen-Fabrik in Ungarn auf 100 Megawatt. „Das zeigt unser Bekenntnis zu Europa“, sagt Honma.
Auch Satoru Hotta strahlt Zuversicht aus, nachdem Finanzinvestoren Anfang des Jahres mit einer Kapitalspritze von 2,1 Mrd. Euro den Pleitegeier vertrieben haben. „Wir müssen uns jetzt nicht mehr vor dem Konkurs fürchten“, sagt die neue rechte Hand des Präsidenten. „Nun ist die Zeit da, in der wir uns auf wegweisende Produkte konzentrieren können.“ (nbo)