Raumfahrt-Discounter gesucht
Die US-Weltraumbehörde NASA würde sich künftig gerne verstärkt privater Dienstleister bedienen, um Fracht und sogar Menschen billiger in den Orbit zu befördern. Fragt sich nur, ob die Branche bereits soweit ist, diese Aufgabe zu übernehmen.
- Mark Williams
Von ihren Anfängen in den Fünfzigerjahren über die glorreiche Apollo-Jahre bis zum heutigen Tag hat die US-Weltraumbehörde NASA Ladung und Astronauten immer in ihren eigenen Raketen in die Umlaufbahn geschickt - auch die Flugdurchführung lag stets bei den kompetenten Beamten. Doch das könnte sich demnächst ändern: Seit dem vergangenen Herbst hat die NASA selbst einen Prozess angeregt, der zumindest die Raumfahrt in erdnahe Gefilde Schritt für Schritt revolutionieren könnte.
In der damaligen Ankündigung unter der Überschrift "Commercial Orbital Transportation Services (COTS)" forderte die Weltraumbehörde interessierte Firmen dazu auf, Vorschläge einzureichen, wie sie Aufgaben der NASA künftig übernehmen könnten - interessiert ist die Space-Zentrale vor allem an privaten Raketen, die die internationale Raumstation ISS erreichen könnten, für Versorgungsmissionen und privatwirtschaftliche Ladung.
Mehr als 20 Firmen haben mit ihren Vorschlägen inzwischen eine Endauswahlrunde erreicht, wie die NASA kürzlich bekannt gab. Im August 2006 sollen die Gewinner bekannt gegeben werden, wie James Bailey, zuständig für die COTS-Vertragsvergabe, sagt. Bekannt sind allerdings bereits sechs der Finalisten - zwar gab sie die NASA selbst nicht bekannt, doch sie meldeten sich (auch zu Werbezwecken) selbst.
Der Plan hinter dem COTS-Programm ist einfach: Es soll dabei helfen, durch zunehmende Marktkonkurrenz endlich die Preise für Starts ins All herunterzubringen - besonders bei bemannten Missionen. Diese sollen sich bald kommerziell lohnen. Derzeit bezahlt die NASA über 10.000 Dollar dafür, ein einziges Kilogramm in eine erdnahe Umlaufbahn zu befördern - wesentlich mehr, als man 1969 erwartet hatte, als das Shuttle dem damaligen US-Präsidenten Nixon angetragen wurde. Im Bereich kommerzieller Anbieter zahlt man hingegen ab 4300 Dollar pro Kilogramm (mittels russischer Proton-Raketen). Doch auch dort geht es teurer: Die Pegasus-Rakete, die vom Flügel einer B-52 startet und kleine Satelliten in den Orbit verfrachtet, verursacht Kosten in Höhe von 30.000 Dollar pro Kilo.
Sollte sich in der Privatwirtschaft nichts tun, hat die NASA bald ein echtes Problem: 2010 soll das Shuttle endlich in Rente gehen, und der Nachfolger, das "Crew Exploration Vehicle" (CEV) der nächsten Generation kommt frühestens 2011 bis 2014. Gäbe es hier keine private Alternative, müsste die US-Weltraumbehörde Amtshilfe etwa bei den Russen einholen, deren Soyuz-, Zenit- und Proton-Starts jeweils zwischen 30 und 90 Millionen Dollar kosten.
Und selbst wenn das CEV fertig ist, dürfte es als reiner ISS-Versorger zu teuer sein: Man rechnet mit mehr als 400 Millionen Dollar pro Start. Das Gefährt ist schließlich eher auf Missionen zu weiteren Zielen wie dem Mond und später dem Mars ausgerichtet.
Derzeit ist noch weitgehend unklar, wie sehr private Firmen die Kosten herunter bringen könnten. Billiger als die NASA-Starts sollten sie es aber hinbekommen, wenn sie etwa Raketentriebwerke verwendeten, die Hybrid-Treibstoffe nutzten. Die sechs bekannten COTS-Finalisten nutzen auch noch andere geldsparende Ansätze - so werden beispielsweise Keramikmatrix-Verbundmaterialien als Werkstoff verwendet, statt auf konventionelle Stahl- und Nickel-Konstruktionen zu setzen. Anbieter SpaceX hofft, die Startkosten so um einen Faktor 10 zu senken und eine Last ab 2010 für 1000 Dollar pro Kilogramm in die Umlaufbahn zu befördern.
In der Praxis kann die Firma allerdings bis dato nicht überzeugen. Eine ganze Serie fehlgeschlagener Starttests plagte SpaceX. Erst im März musste die "Falcon 1" der Firma gesprengt werden, nachdem das Triebwerk 30 Sekunden nach dem Liftoff Feuer fing.
Eine private Raketenwirtschaft ist also keineswegs ein Garant für eine verlässliche, relativ günstige Raumfahrt. Ein entsprechendes Gerät in die Umlaufbahn zu befördern, ist wesentlich schwieriger, als ein Flugzeug zum Fliegen zu bringen. Und auch weniger optimistische Rechnungen im Bezug auf neue Treibstoffe zeigen, dass sie die Kosten nicht drastisch senken würden.
Es zeigt sich, dass die Hauptkosten eines Raketenprojektes letztlich von den notwendigen Mitarbeitern verursacht werden - Experten sind teuer. 60 Prozent und mehr gehen für Personalausgaben drauf. Steven Buckley, Raumfahrtingenieur bei Northrop Grumman, der am Rocket Systems Launch Program der US Air Force-Basis in New Mexico arbeitet, schätzt, dass ein typisches Team aus gut 50 Leuten besteht. Diese kosten mindestens 7,5 Millionen Dollar im Jahr - egal ob das Team bei Starts Erfolg hat oder nicht.
Zwar ließen sich mit kleineren Steuerungsgruppen Kosten senken. Doch wie viel Personal lässt sich einsparen, ohne die Sicherheit zu gefährden? Die Größe und die Gehälter eines Launch-Teams hängen schließlich von der gigantischen Herausforderung ab, Tonnen von Traglasten (und möglicherweise auch Menschen) sicher die Schwerkraft der Erde überwinden zu lassen. Dazu bedarf es Geschwindigkeiten, bei denen sich Probleme vorab nicht selten einfach nicht lösen lassen - oder man erkennt sie erst zu spät, wenn man etwa an die Challenger- und Columbia-Katastrophen denkt. Dennoch glaubt die NASA fest daran, dass das COTS-Programm sowohl Kosten als auch Risiken der Weltraumfahrt deutlich senken könnte. Im August wissen wir mehr.
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (nbo)