P2P Netzwerke werden salonfähig

Peer-to-peer Netze, die von der Unterhaltungsindustrie lange als Brutstätten der ungezügelten Piraterie bekriegt wurden, erscheinen Unternehmen von Hollywood bis Europa plötzlich als begehrte Geschäftspartner.

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Von
  • Steffan Heuer

Peer-to-peer Netze, die von der Unterhaltungsindustrie lange als Brutstätten der ungezügelten Piraterie bekriegt wurden, erscheinen Unternehmen von Hollywood bis Europa plötzlich als begehrte Geschäftspartner – vor allem um die Vertriebskosten zu drücken.

Jüngste Beispiele sind die Neugründung Pandora aus New York, die rund sieben Millionen Dollar von Intel Capital erhielt, der französisch-kalifornische P2P-Klient Azureus, der Anfang August mit einer neuen Version, neuen Investoren und namhaften Content-Partnern aufwarten will, sowie die Vertriebsdeals, die der Filesharing-Veteran BitTorrent und Videoseite Guba.com (eine Erbe des alten Usenet) mit Warner Brothers und Sony unterzeichnet haben.

Experten machen für das plötzliche Interesse an P2P vor allem die verbesserten Möglichkeiten zum Urheberrechtsschutz verantwortlich, sowie die Hoffnung, bei den Vertriebskosten an Millionen Haushalte massiv zu sparen. Der Boom an Videoseiten im Web hat Studios, Sendern und Plattenfirmen bewiesen, dass erhebliche Nachfrage und Angebotsstau vorhanden sind, die sich rasch neue Bahnen suchen. Nach Schätzungen der US-Webseite Dabble gibt es rund 240 Adressen für professionelle und Amateurvideos im Netz, angeführt von YouTube.

Eine der ungelösten Fragen für multimediale Online-Inhalte ist, wie man Dateien mit mehreren hundert Megabyte oder gar Gigabyte hoch auflösenden Videos an Tausende von Nutzer streamt oder verschickt. YouTube alleine wickelt tagtäglich rund 100 Millionen Videos oder 200 Terabyte ab, die über die Webseite des kalifornischen Unternehmens gestreamt werden. „Sie kommen kaum nach, ständig neue Server und Bandbreite zuzukaufen. Das frisst jede Menge Kapital“, sagt ein Kenner der Firma.

Eine weitaus effizientere Vertriebsmethode ist ein P2P-Netzwerk, das sich die Netzwerkarchitektur optimal zunutze macht, indem massive Dateien in Teile zerlegt werden, die sich von den Rechnern anderer Nutzern herunterladen lassen, ohne den Zentralserver oder dessen Broadband-Verbindung in die Knie zu zwingen.

Bereits heute machen P2P-Transfers knapp zwei Drittel des Internetverkehrs in Europa aus, so die Marktforscher der Yankee Group. Davon wiederum entfallen knapp zwei Drittel auf Videos. Würden diese Dateien nach dem alten Modell von einigen wenigen Sendern an viele Empfänger verteilt, würde das Netz zum Schneckentempo verlangsamen oder stellenweise zusammen brechen.

Anders bei P2P-Netzen, die jeden Downloader zugleich zum Uploader machen. Es genügt, sich den so genannten „Seed“ als kleine Datei mit wenigen Kilobyte Größe herunterzuladen oder einen Magnet Link genannten Verweis auf einer Webseite anzuklicken, um den P2P-Prozess in Gang zu setzen. Auf die gleiche, dezentrale Methode, die Filesharing-Dienste wie Napster und Kazaa populär machten, hoffen Filmstudios, um möglichst bald abendfüllende Spielfilme auf PCs oder Kabelboxen zu schicken. Damit könnten sie auf lange Sicht den Mittelsmann umgehen, sprich die Vertriebsgebühren an Telekomfirmen oder Kabelbetreiber einsparen.

Gerade die weitgehend automatisierte Lieferung von Filmen in HD-Qualität auf Bestellung interessiert Studios und Vertriebsfirmen brennend. Ein 90-minütiger Spielfilm in DVD-Auflösung verschlingt rund 1,5 GByte, im HD-Format allerdings doppelt so viel. Dafür ist die Bildqualität etwa einem iTunes- Video haushoch überlegen. Kein Wunder, dass erst Warner Brothers und danach Sony einen Deal mit Guba unterschrieben. Eine Handvoll Neugründungen aus Silicon Valley wie Kontiki und Itiva versuchen ebenfalls, den P2P-Vertrieb zu standardisieren und kommerzialisieren, so wie es vor Jahren Akamai für Webseiten vormachte. Einer von Itivas ersten Kunden ist Paramount-Tochter DreamWorks.

Das jüngste Beispiel ist der BitTorrent-Klient Azureus. Im April 2003 als Hobbyprojekt vom französischen Programmierer Olivier Chalouhi gestartet, ist das Java-basierte Open Source-Programm dank Dutzender Programmierer verbessert und bislang mehr als 120 Millionen Mal herunter geladen worden. Es gilt als eine der benutzerfreundlichsten Softwares, um im weiten Ozean von BitTorrent-Dateien zu fischen. „Wir haben unter aktiven Nutzern von BitTorrent zwischen 44 und 60 Prozent Marktanteil“, sagt Chalouhi, während BitTorrents Klient selber nur auf vier Prozent komme. Nach Azureus´ Schätzungen gehen rund zehn Millionen seiner Nutzer mindestens einmal im Quartal online.

Bislang ist das nach einem blauen Tropen-Frosch benannte Programm ein leeres Programmfenster, in dem sich der Nutzer alleine zurechtfinden muss. Doch das soll sich mit Version 3 ab August radikal ändern. Was dem im November 2005 an Bord gekommenen CEO Gilles BianRosa vorschwebt, ist eine Open Source-Version von iTunes gepaart mit dem Basar von eBay, bei dem jeder Anbieter von Otto Normalverbraucher bis zur BBC seine Audio- und Videodateien hochladen, kaufen oder verkaufen kann.

„Am Anfang wollten wir uns auf Business-Anwendungen für unseren P2P-Klienten konzentrieren. Aber das ist eine Nische mit begrenzten Wachstumschancen verglichen mit der Unterhaltungsindustrie“, sagt der ehemalige Unternehmensberater von McKinsey im neuen Azureus-Hauptsitz in Palo Alto. „So können wir unsere riesige Nutzerbasis zu Geld machen und ihnen gleichzeitig neue Inhalte bieten.“

Sein Unternehmen liefert heute bereits die Vertriebsplattform für einige Unternehmenskunden, um große Dateien an eine Vielzahl von Nutzern zu verteilen. So läuft etwa der Download des OpenSolaris Betriebssystems von Sun Microsystems über Azureus, sagt BianRosa. Außerdem startet in Kürze ein Musikdienst namens imp, bei dem das Plattenlabel InRadio jeden Monat 15 Lieder unabhängiger Künstler als Gratis-Appetitshäppchen an Musikfans verschickt. Den auf die Marke angepassten Java-Player bastelte Azureus, um Urheberrechte und Tantiemen für bislang 50.000 Songs kümmert sich im Hintergrund SnoCap, eine Firma für Copyright-Abwicklung vom ehemaligen Napster-Entwickler Shawn Fanning.

Die neue Version des Programms, die BianRosa der TECHNOLOGY REVIEW vorführte, erinnert stark an iTunes: Nutzer können sich durch mehrere Menüfenster mit Empfehlungen und Previews für Lieder, Alben oder Filme klicken, die nach Beliebtheit, Auflösung und Preis für einen Download gesiebt werden können – vom Hobbyclip, der mit einem Handy gefilmt wurde, über Werbetrailer bis zu den Episoden einer Kabelkanalserie in HDTV-Qualität.

BianRosa verhandelt nach eigenen Angaben mit mehreren großen Content-Anbietern, die schon bald ihren Katalog an Filmen oder Sendungen über Azureus verkaufen werden. In der Demoversion von Azureus 3 waren etwa die BBC, MTV sowie der History Channel als eigene „Kanäle“ aufgeführt. Daneben wird Azureus seinen Video- und Musikbasar für die bislang 90 Millionen MySpace-Nutzer öffnen. Sie können so den Download ihres Multimedia-Materials mit einem simplen Magnet Link auf die MySpace-Seite ermöglichen, ohne die eigentlichen Dateien dort hosten zu müssen.

Einen P2P-Klienten zu benutzen, hat mehrere Vorteile für große wie kleine Anbieter. Unabhängige Filmemacher haben plötzlich Zugang zu einem potentiell unendlich erweiterbaren Vertriebskanal, für den sie sogar Plug-Ins schreiben können, da der Klient in Open Source programmiert ist.

Etablierte Medienfirmen können nicht nur gestaffelte Preise je nach Nachfrage und Popularität festlegen, anstatt an Apples Einheitspreise gebunden zu sein. Sie können zudem eine Vertriebsplattform benutzen, bei der sie Dateiformat samt Kopierschutz wählen können. Und sie können sich eine eigene Benutzerschnittstellte schreiben lassen, auf der vorne das Sender- oder Studiologo prangt, während dahinter der einst geschmähte BitTorrent-Prozess Archivware zu Bargeld macht.

„Wir wollen den Vertrieb von Top-Shows bis hinunter zum ganz dünnen Ende des Long Tail ermöglichen“, so der Azureus-CEO, der an jedem verkauften Download verdienen will. „Langfristig kann diese Software in Set-Top Boxen für Kabel- oder Satellitenabonnenten integriert werden, so dass man sich seine Sendungen auf dem Fernseher aussucht und kauft.“ BianRosa spricht bereits mit einem europäischen Anbieter über die Kabelbox-Integration für IPTV und steht in Verhandlungen um die zweite Runde Risikokapital. Der Investor der ersten Stunde war Bertelsmann Ventures.

An besagtem Ende des Long Tail – wo sich der multimediale Versand vom Massengut zu Privat an Privat verengt – hat sich Pando aus New York eine boomende Nische erobert. Wer sich bei Pando registriert, kann an jede beliebige E-Mail-Adresse bis zu einem Gigabyte Dateien schicken – und zwar pro Sendung. Das Programm, das ebenso das BitTorrent-Protokoll nutzt, haben sich inzwischen mehr als eine Dreiviertel Million Menschen herunter geladen.

Über P2P sprengt Pando die Grenzen herkömmlicher eMail-Konten. Der Empfänger bekommt eine kleine Seed-Datei zugestellt und lädt sich anhand dieser Metadaten die eigentlichen Multimedia-Dateien herunter. Dazu hat er 14 Tage Zeit und steuert entweder Pandos Server in Manhattan an, oder direkt den Absender sowie andere Empfänger, sollten sie gerade online sein. Anstatt seine Bilder oder Filme auf eine Webseite zu laden, kann man Bilder und Filme in voller Länge und Originalqualität direkt an beliebig definierbare Gruppen von einem bis mehreren hundert Empfängern „ausstrahlen.“ Mit dem Gratisdienst lassen sich gerade in Firmen Beschränkungen für die maximale Größe von Attachments umgehen – und Pando wird in Kürze ein Plug-In für Outlook vorstellen, um den Vorgang zu automatisieren.

„Wir bewegen 15 Terabyte am Tag, und der durchschnittliche Nutzer verschickt 200 Megabyte pro Mail über uns“, berichtet Robert Levitan, der CEO des Unternehmens. Wie zu erwarten, machen Videos zwei Drittel aller Übertragungen aus, gefolgt von Fotos und Audio- oder Musikdateien, sowie umfangreiche Powerpoint-Präsentationen und Acrobat-Dateien. Fast drei Viertel seiner Nutzer befinden sich außerhalb Nordamerikas, und insbesondere in Europa findet der private P2P-Dienst viele Fans. „Spanien ist erstaunlicherweise das Land mit den meisten Pando-Nutzern“, so Levitan, gefolgt von Deutschland. Deswegen will sein Unternehmen ein neues Rechenzentrum mit ein paar hundert zusätzlichen Servern in Europa einrichten – entweder in Deutschland, England oder Frankreich.

Um nicht die Urheberrechts-Falle wie andere P2P-Netze zu tappen, kann man bei Pando nicht nach von anderen Nutzern versandten oder empfangenen Dateien suchen – der Transfer ist so privat wie elektronische Post. „Nur wenn wir einen Hinweis auf eine Urheberechtsverletzung etwa von einem Studio bekommen, können wir den Seed entfernen oder schlimmstenfalls ein Konto sperren“, sagt Levitan. „Aber bisher ist keines dieser Probleme aufgetreten.“ Dazu müsste Hollywood in den privaten Mail-Konten der Nutzer spionieren – und zwar innerhalb jener 14 Tage, in denen ein Link aktiv ist.

Geld will Pando neben Sponsoren-Links im Fenster seines Klienten mit zwei Angeboten verdienen: größere Datenpakete jenseits der 1-Gigabyte-Schwelle und längerem Haltbarkeitsdatum als 14 Tage, sowie als privates Vertriebsnetz für TV-Networks, Studios oder andere Untenehmen zu dienen, die große Dateien für möglichst wenig Geld versenden wollen. „Wie das geht, machen wir selber vor“, sagt Levitan. „Die jüngste Version unserer Software war zwei Megabytes groß und sollte an zuerst 100.000 Nutzer gehen. Wir haben die Datei aber nur an zehn Nutzer verschickt, die restlichen 99.990 Kopien liefen nicht mehr über unsere Server sondern per BitTorrent.“ (wst)