Schwein gehabt

Bis 2013 muss die Kosmetikbranche Tierversuche komplett abschaffen – manche Ersatzmethoden sind ohnehin besser.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Susanne Donner
Inhaltsverzeichnis

Manfred Liebsch wechselte quasi über Nacht die Seiten. Bis 1988 untersuchte der Toxikologe neue Chemikalien an Mäusen, Ratten, Kaninchen und Hunden. Aus seinen Experimenten sollte er ableiten, wie die Stoffe auf den Menschen wirken. „Die Versuche dienten der Sicherheit des Menschen. Aber ich fand es zusehends schlimmer mit anzusehen, wie ein Kaninchen erblindete, weil die Substanz, die ich ihm ins Auge geträufelt hatte, das Organ reizte“, sagt Liebsch. Nach acht Jahren war Schluss mit den Tierversuchen. Liebsch kündigte und heuerte am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin an. Dort entwickelt er alternative Testmethoden, die ohne Tierversuche auskommen.

Der Test auf Augenreizung am Kaninchen ist zum Symbol für die grausame Seite mancher Tierversuche geworden. Eine schier endlose Debatte über die Notwendigkeit der Experimente kam in den 70er-Jahren in Schwung. Deutschland setzte in der Diskussion als erstes ein Zeichen. 1986 wurden Tierversuche für dekorative Kosmetika vom Lippenstift bis zur Wimperntusche verboten. Mehr als ein Jahrzehnt später, 1998, wurde das Verbot hierzulande auf alle Kosmetika ausgeweitet. Die EU zog nach. Seit 2005 ist europaweit Tierexperimenten mit Kosmetika ein Ende gesetzt.

Was die Inhaltsstoffe anbelangt, besteht derzeit jedoch lediglich die Vorgabe, tierversuchsfreie Alternativmethoden vorzuziehen, wenn die Behörden solche anerkennen. Problem dabei: Für viele Nebenwirkungen existiert bis heute kein anerkannter tierloser Test. Ob ein Stoff über mehrere Generationen hinweg Schaden bei den Nachkommen anrichtet, erfahren die Toxikologen nach wie vor nur aus einer Studie an Ratten. Neue kosmetische Wirkstoffe werden auf ihrem Weg aus dem Labor in den Einkaufswagen deshalb nach wie vor auch an Tieren getestet. Ein endgültiges Verbot will die Europäische Kommission in zwei Etappen durchbringen. Tierversuchsmethoden für kurzzeitige Gesundheitseffekte wie Haut- und Augenreizung müssen bis 2009 gestoppt sein. Die übrigen Prüfungen, die in erster Linie die langfristigen Nebenwirkungen auf die Gesundheit abklären, sollen bis 2013 umgestellt werden.

„Es dauert etwa ein Jahrzehnt, bis eine Methode entwickelt und dann rechtlich verbindlich ist“, sagt Liebsch. Erst 2004 hangelten sich vier tierversuchsfreie Methoden für die kosmetische Wirkstoffprüfung in die Bücher der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie werden bei der Zulassung von Chemikalien, Kosmetika oder Arzneimitteln nahezu weltweit verwendet und akzeptiert. Ein kritischer Punkt für viele Innovationen in der Kosmetik ist ihre Wirkung auf die menschliche Hautbarriere. „Ein Wirkstoff, der bis in die Blutbahn durchschießt, hat von vornherein verloren. Deshalb ist die Prüfung der Hautpenetration auch die erste wichtige Hürde für jede neue interessante Substanz“, erklärt Walter Diembeck, Leiter der Abteilung Bioverträglichkeit, Forschung & Entwicklung der Beiersdorf AG in Hamburg.

Er und Liebsch haben einen tierfreien Test für die Hautdurchdringung maßgeblich mit entwickelt. Nach zwölf Jahren des Feilens und Prüfens wurde die herkömmliche Methode mit Ratten oder Schweinen von einem Experiment an isolierter Schweinehaut abgelöst. Dafür werden Tiere nicht eigens getötet, sondern lediglich die Abfälle genommen, die beim Schlachten übrig bleiben. „Die Schweinehaut ist der menschlichen Haut viel ähnlicher als etwa die einer Ratte“, sagt Diembeck. Die Rückenhaut des Schweins wird gereinigt, rasiert und auf Briefmarkengröße zugeschnitten.

An diesem Flecken Tierhaut wird getestet, wie weit ein neuer kosmetischer Wirkstoff eindringt. Ein neuer UV-Filter beispielsweise wird darauf verteilt, einmassiert und wirkt dann 24 Stunden ein. Zwischendurch nimmt Diembeck Proben aus verschiedenen Hautschichten und sieht nach, bis wohin der Stoff gewandert ist. Nach Möglichkeit sollte der Filter auf der Oberfläche bleiben und nicht in die Haut einziehen. Dagegen beantworten Gewebestücke aus gezüchteten menschlichen Hautzellen, so genannte Hautmodelle, die Frage, ob neue Schaumbildner oder Anti- Aging-Substanzen möglicherweise die Haut verätzen. Büßen die Zellen binnen drei Minuten an Vitalität ein, ist der Stoff sofort aus dem Rennen. Dem Menschen würde er sonst hässliche Narben zufügen.