Das Geschäft mit der Infowolke
Neuartige Web-Dienste setzen auf das Internet als Festplatte: Sie sichern nicht nur die Daten eines Rechners im Netz, sondern synchronisieren sie auch mit den verschiedensten Geräten wie Laptop, Desktop-PC und Smartphone.
- Wade Roush
Wie sieht die Zukunft des klassischen Desktop-PCs aus? Wenn es nach den neuen Online Storage-Anbietern geht, dann eher schlecht. Dienste, mit denen sich Daten von allen Rechnern inklusive Laptop und Smartphone via Web automatisch synchronisieren lassen, sind endlich verfügbar. Branchenexperte Thomas Van der Wal nennt diese neuen Technologien "persönliche Informationswolken" ("personal infoclouds") - Datengebilde, die alle wichtigen Daten verteilt im Internet erfassen und dann auf den gewünschten Geräten wieder zusammensetzen.
Bearbeitet man dann beispielsweise ein Foto (oder Dokument) und speichert es dann auf dem Büro-PC, wird sofort eine Online-Kopie angelegt. Im Anschluss wird die Datei dann automatisch mit anderen Rechnern im Besitz des Nutzers sowie dem Handy abgeglichen. Im Juli stellte Sharpcast einen entsprechenden Dienst vor - das Unternehmen konzentriert sich derzeit auf digitale Fotos. Firmen wie Streamload wollen ähnliches noch in diesem Sommer für andere Dateitypen anbieten, darunter Musik, die von kommerziellen Diensten wie iTunes erworben wurde.
Wenn man davon ausgeht, dass Breitbandverbindungen ins Internet immer schneller werden und fast überall verfügbar sind, könnte es eines Tages gar unnötig werden, überhaupt lokale Kopien seiner Daten abzulegen. Alle wichtigen Files könnten dann im Internet liegen - das Netz und entsprechende entfernte Server würden zur Festplatte. Von heute auf morgen wird sich dieser Trend allerdings nicht durchsetzen, meinen Beobachter. Doch schrittweise bewegen wir uns bereits in diese Richtung - und sie bedroht die Domäne der klassischen PCs. "Je mehr Geräte wir besitzen, mit denen wir auf Netzdienste zugreifen und über die wir Daten mit anderen austauschen und abgleichen können, desto unwichtiger wird der einzelne Rechner", meint Alex Soojung-Kim Pang, Forschungsdirektor am Institute of the Future in Palo Alto.
Der Synchronisationsdienst von Streamload, der vor wenigen Wochen zum Multimedia-Speicherservice MediaMax hinzugeschaltet wurde, kann als typisches solches Angebot gelten. Mit Hilfe eines speziellen MediaMax-Clients können die Nutzer entweder ihren Gesamtbestand oder einzelne Dateien auf der Festplatte über verschiedene Geräte synchronisieren. "Sobald man MediaMax für einen Ordner auf der Festplatte einrichtet, wird dieser automatisch abgeglichen. Das läuft völlig im Hintergrund ab", sagt Michael Corrales, Marketingdirektor bei Streamload. "Ich habe außerdem die Option, andere einzuladen, ihren Rechner mit meinem Ordner abzugleichen. Jedes Mal, wenn ich einen neuen Film hochlade, erhält dann beispielsweise meine Mutter eine Notiz, dass er verfügbar ist. Sie kann das Video dann laden, ansehen oder löschen." Hat sie den MediaMax-Client installiert, gehe das alles automatisch.
Kostenlos gibt's bei Streamload 25 Gigabyte Festplattenplatz bei 1 Gigabyte Download-Beschränkung, für 5 Dollar im Monat erhält man 100 GB Speicher und 10 GB Downloads. Ähnliche Dienste werden von der israelischen Firma BeInSync und der Microsoft-Tochter FolderShare angeboten, deren Synchronisationssoftware im Redmonder Web-Dienst "Windows Live" steckt.
Sharpcast ist sogar noch einfacher. Hat man die Software der Firma einmal auf PC und Handy installiert, werden Änderungen an Fotos auf einem Gerät sofort an die anderen und den Sharpcast-Server weitergereicht. Nimmt man dann beispielsweise ein Bild mit dem Handy auf, wird es sofort an Sharpcast und die persönliche Rechnersammlung geschickt. Sind die PCs offline, wird die Datei geliefert, wenn sie wieder am Netz sind. Sharpcast-Chef Gibu Thomas nennt das Prinzip "Syncing Without Thinking" - synchronisen ohne nachzudenken. Einen Knopf müsse man nicht drücken, händische Up- und Downloads seien vergessen. Sharpcast will neben Fotos später auch andere Daten abgleichen, etwa Kalendereinträge und Kontakte.
Aber auch im Bereich simpler Online-Backup-Lösungen ohne Auto-Abgleich boomt das Geschäft. Einer der Gründe ist der E-Commerce-Gigant Amazon, der mit "S3" seit März einen eigenen Storage-Dienst anbietet, den Software-Entwickler und Start-ups für sich verwenden und weiterverkaufen können. Amazon nutzt dazu sein stabiles globales Servernetz. S3 ist recht günstig: 15 US-Cent pro abgelegtem Gigabyte im Monat plus 20 US-Cent für das Gigabyte Datentransfer (ebenfalls monatlich). Amazon wolle mit dem Dienst auch erreichen, dass ganz neue Storage-Dienste entstehen, heißt es aus der Firma. "Wir bieten die Bausteine, mit denen innovative Firmen dann kreativ arbeiten können. Was wir bisher sehen, hat uns sehr positiv überrascht und in vielen Fällen begeistert", meint Web Service-Produktmanagement-Chef Adam Selipsky, der auch für die Verbindungen zur Entwicklerszene zuständig ist.
SmugMug, ein Fotodienst, gilt als einer der Vorreiter bei der Nutzung von Amazon S3. Die Firma will dadurch bis zu 500.000 Dollar an Hardwarekosten im Jahr eingespart haben - fĂĽr kleine Unternehmen eine ordentliche Summe. Dadurch kann SmugMug auch recht gĂĽnstige Preise anbieten: 40 Dollar zahlt man pro Jahr, um beliebig viele Fotos abzulegen und 6 Gigabyte im Monat herunter zu laden.
Ab wann werden solche Netzdienste aber Festplatten und USB-Sticks ersetzen? Zukunftsforscher Pang glaubt nicht daran, dass das sehr bald passiert: "Viele von uns werden aber Online Storage-Anbieter für Backups verwenden", meint er. USB-Sticks, freier Platz auf MP3-Spielern und andere tragbare Speichermedien dürften aber weiterhin persönliches und beruflich kritisches Material enthalten: "Das ist dann der Roman, an dem wir arbeiten, alte Liebesbriefe oder die wichtige Präsentation, die man morgen halten soll."
Auch technische Faktoren könnten die Verbreitung solcher "Informationswolken" beschränken. Problem eins ist die Internet-Anbindung. So besitzen noch immer mehr als die Hälfte der amerikanischen Netznutzer keine Breitbandanbindung und WLAN-Hotspots sind besonders in weniger urbanen Gegenden eher dünn gesät. Gleichzeitig enthalten die mobilen Datensichtgeräte, sprich Handys und Smartphones, noch immer zu wenig Speicher und recht schlechte Displays. "Was hilft ein Datenabgleichdienst, wenn man nicht an ihn herankommt, weil man entweder kein Internet hat oder sein Gerät auf dem Schreibtisch liegt?", fragt Pang. So dürfte die Technik erst richtig von besseren Mobilgeräten und verstärkter Drahtlosabdeckung profitieren.
Problem zwei ist die Sicherheit. Die Nutzer wollen wissen, ob ihre Daten in der "Wolke" gut aufgehoben sind. Bei Amazon S3 wurde diese Schwierigkeit mit Hilfe von sicheren Authentifizierungsverfahren und Fehlerkorrektursystemen angegangen - bei beiden Ansätzen konnte man von seiner E-Commerce-Erfahrung profitieren. Amazon betont, dass man seine eigenen Daten im gleichen Netz speichere - dies würde man wohl kaum tun, wenn die nicht sicher wären, heißt es.
Und trotzdem: Hacker und Datendiebe passen ihre Techniken ständig an. Und spektakuläre Fälle verunsichern die User - beispielsweise wenn Daten in großem Stil von Kreditkartenunternehmen oder aus Konsumentendateien entwendet werden. "Ein, zwei, drei dieser Skandale würden dem gesamten Storage- und Datenabgleichsmarkt schaden", meint Zukunftsforscher Pang.
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (nbo)