Schlagabtausch zwischen Old und New Economy
Zu einer lebhaften Diskussion entwickelte sich heute eine Sachverständigen-Anhörung des Bundestags-Wirtschaftsausschusses.
Zu einer Diskussion zwischen den Vertretern der Neuen und der Alten Ökonomie entwickelte sich heute die Sachverständigen-Anhörung des Bundestags-Wirtschaftsausschusses zum Thema Internet-Ökonomie/E-Commerce im Berliner Reichstag. Paulus Neef, Gründer der Pixelpark AG, beklagte vor den Ausschussabgeordneten rechtliche Unsicherheiten beim Internet-Handel, die Diskriminierung von Mitarbeiterbeteiligungen durch die Besteuerung von Aktienoptionen (Stock Options), bürokratische Hürden bei der Unternehmensgründung und den Mangel an qualifiziertem Personal.
Karsten Schneider von der Jenaer Intershop Communications forderte die Anpassung des rechtlichen und steuerlichen Ordnungsrahmens an amerikanische Verhältnisse: "Es gibt nur eine Leitkultur", provozierte er ungewollt die Unionsvertreter im Ausschuss, "und das ist die Angelsächsische." Eine Kontroverse – nicht mit den Abgeordneten, aber unter den geladenen Gästen – löste Sylvius Bardt aus. Er ist Chef der erst sieben Monate alten Questico AG, die im Internet ein Experten-Portal betreibt. "Aus meiner Sicht ist es nicht die New Economy, die Probleme macht", erklärte Bardt, "es ist die Old Economy, die mit dem Strukturwandel nicht zurechtkommt."
Diesen kecken Auffassungen trat Albert Jugl vom Vorstand der 111 Jahre alten Drägerwerke AG, dem in Lübeck ansässigen Konzern für Medizin-, Sicherheits- und Luftfahrttechnik, entgegen. Man schäme sich ja fast schon, ein gestandenes und – mit zehn Prozent Umsatzsteigerungen jährlich – erfolgreiches Unternehmen zu vertreten, spottete er und warnte vor der Überzeichnung, dass in zehn oder zwanzig Jahren lediglich noch Software und Computer gehandelt würden. "Nur mit Tools, Software und Computern sind die Probleme nicht zu lösen", erklärte Jugl. "Man darf bei alldem nicht vergessen, dass wir die Kunden und das Kapital haben." Sein Unternehmen investiere jährlich zwischen zehn und zwölf Millionen Mark, um die Informationstechnik auf dem neuesten Stand zu halten. "In diesem Bereich haben Mittelständler Finanzierungsprobleme."
Unterstützung erhielt Jugl von Professor Herbert Weber, dem Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik. "Die Gründer-Unternehmen sind nicht die einzigen Träger der Entwicklung", meinte Weber und verwies auf die erste Gründungswelle von Software-Firmen in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Weil diese Unternehmen jetzt den Vorteil haben, fest in der Old Economy verankert zu sein, hätten sie "im Moment eine wichtigere Funktion für den E-Commerce als die Startups der Neunzigerjahre". Auch die gerühmte angelsächsische Wirtschaft stoße jetzt an Grenzen, die auf einem Mangel an informationstechnischer Durchdringung der Old Economy beruhen.
Albert Jugl, der in der Anhörung zugleich die Bundesvereinigung Logistik vertrat, erwartet von der Politik verstärkte Anstrengungen in der realen Wirtschaft, so etwa bei der Flexibilisierung des Arbeitsrechts oder angesichts der Verschmelzung von Logistik und Informationstechnik im Bereich der Verkehrsinfrastruktur. Es sei ein Unding, dass beispielsweise Volkswagen bei der Zulieferung von Teilen aus Wolfsburg nach Barcelona es mit drei verschiedenen Eisenbahnverwaltungen in Deutschland, Frankreich und Spanien zu tun habe: "Wir brauchen grenzüberschreitende Logistik-Konzepte." Als ersten Schritt regte er, nach dem Vorbild des japanischen Industrieministeriums MITI, die Gründung eines deutschen MITI (Ministerium für Informationstechnologie und Internet) an.
Es war das erste Mal, dass der Wirtschaftsausschuss mit der Anhörung eine ganze Sitzung dem E-Commerce gewidmet hatte. In den Worten Ausschussvorsitzenden Matthias Wissmann soll dies "keine Eintagsfliege" sein; das Thema werde weiterhin auf der Tagungsordnung bleiben. (Richard Sietmann) / (ad)