Durchbruch bei Vogelgrippe- Impfstoff

Weltweit arbeiten etwa 20 Unternehmen fieberhaft an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen eine Vogelgrippe-Pandemie bei Menschen. Bestätigen sich die jüngsten Erfolgsmeldungen von GlaxoSmithKline, könnte das erste Vakzin schon 2007 auf dem Markt sein.

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Von
  • Veronika Szentpetery

Auf der fieberhaften Suche nach einem erfolgreichen Pandemie-Impfstoff gegen die Vogelgrippe beim Menschen konnte der Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) jüngst einen wichtigen Forschungserfolg melden. Erste Daten aus einer klinischen Studie haben gezeigt, dass der H5N1-Impfstoff, der neben inaktiven Viren auch einen neuen, patentgeschützten Hilfsstoff enthält, nicht nur zu einer sehr guten Immunantwort führt, sondern dieses Ergebnis auch noch mit einer rekordverdächtig niedrigen Antigendosis erreicht.

Damit übertrifft der Impfstoffkandidat sogar die Vorgaben der Weltgesundheitsheitsbehörde WHO. „Sollte die Arbeit an dem Impfstoff weiterhin so erfolgreich verlaufen, werden wir die Zulassung voraussichtlich in den kommenden Monaten beantragen“, frohlockte Jean-Pierre Garnier, Vorstandsvorsitzender des Pharmaunternehmens. Der Impfstoffkandidat von GSK muss nicht die gleichen langjährigen klinischen Tests durchlaufen wie andere Medikamentenkandidaten. Wegen der Brisanz einer zu erwartenden Pandemie erhielt er vielmehr den so genannten Fast-Track-Status, also eine bevorzugte Behandlung bei der Prüfung und – im Falle des Erfolges – auch eine rasche Marktzulassung.

Impfstoffe funktionieren anders als Medikamente, denn sie vernichten die Erreger nicht. Sie regen aber das Immunsystem dazu an, sich zur Wehr zu setzen, indem sie ihm sozusagen einen Steckbrief der Krankmacher liefern. So enthält der H5N1-Impfstoff von GSK inaktivierte H5N1-Viren, die keine Krankheit mehr auslösen können, aber dem Körper quasi als Fahnungsfoto dienen. Grippeviren werden nach bestimmten Oberflächenproteinen in Subtypen eingeteilt. Bisher wurden 16 H-Untertypen und 9 N-Untertypen ausgewiesen. Bei der Bezeichnung H5N1 für den Vogelgrippevirus steht H5 für die fünfte Variante von Hämagglutinin und N1 für die erste Variante von Neuraminidase.

Derzeit forschen weltweit etwa 20 Unternehmen an einem Vogelgrippe-Impfstoff, darunter auch große Pharmaunternehmen wie Sanofi-Aventis. Doch offenbar ist es GSK als Erstem gelungen, mit einer so niedrigen Antigenmenge wie 3,8 Mikrogramm pro Impfdosis einen Impfschutz bei mehr als 80 Prozent der Probanden zu erreichen. Als Antigen bezeichnen Wissenschaftler körperfremde Stoffe, die das Immunsystem zur Produktion von schützenden Antikörpern anregen.

Die Wirksamkeit bei solch niedrigen Antigenmengen verdankt der GSK-Impfstoffkandidat offenbar einem neuen Hilfsstoff. Dieser hat keine eigene pharmakologische Wirkung, verstärkt aber die Wirkung des Vakzins. Die Identität der Substanz hütet GSK wie seinen Augapfel, bedeutet er doch einen Vorsprung vor der Konkurrenz. Die Beimischung solcher Hilfsstoffe ist bei der Impfstoffentwicklung keineswegs neu. So werden bereits seit den 50er-Jahren Hilfsstoffe wie Aluminiumsalze (Alaun) beigemischt. Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse stammen aus einer klinischen Studie, an der 400 gesunde, erwachsene Testpersonen in Belgien im Alter von 16 bis 80 teilgenommen haben. An ihnen wurden vier Dosierungen getestet, die niedrigste Antigendosis betrug 3,8 Mikrogramm. Während bei der klassischen saisonalen Grippe eine Impfung reicht, weil unser Immunsystem meist mindestens einer Virusvariante schon einmal begegnet ist, mussten die Probanden im Verlauf der Studie zweimal geimpft werden, denn ihr Körper musste diesen Erreger noch nicht bekämpfen.

Im Herbst plant GSK eine weitere Studie in Deutschland mit ebenfalls 400 Testpersonen. Diese Tests sollen unter anderem zeigen, ob der Impfstoff auch einen Teilschutz gegen weitere H5N1-Viren-Unterstämme bietet. Verlaufen auch diese Studien positiv, will der Pharmariese noch in diesem Jahr die Zulassung bei der europäischen sowie der US-Medikamentenzulassungsbehörden EMEA sowie FDA beantragen. Bei positivem Bescheid könnte der Impfstoff bereits im kommenden Jahr einsetzbar sein.

Allerdings liefert der Impfstoff, der prophylaktisch verabreicht sein muss, noch keinen endgültigen Schutz. Denn wenn eine Mutation im Erbgut des H5N1-Virus irgendwann eine hoch ansteckende Variante hervorbringt, die auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, wird dieser neue Typus nicht mehr der sein, der in inaktivierter Form im Impfstoff steckt. Dann muss – genauso wie jedes Jahr bei der klassischen Grippe – ein neuer Impfstoff für den aktuellen Virustyp entwickelt werden. Der GSK-Impfstoff könnte dann aber gemeinsam mit Neuraminidase-Hemmern wie Relenza und Tamiflu, mit denen die Symptome von Virusgrippen gemildert werden, dazu beitragen, dass es weniger Todesfälle gibt.

Der neue Impfstoff könnte aufgrund seiner besseren Wirksamkeit bei niedrigerer Dosierung größere Produktionsmengen ermöglichen. Impfstoffe werden in Hühnereiern produziert, indem man die Viren in die Eier injiziert. Dort vermehren sie sich und werden anschließend geerntet und weiter verarbeitet. Derzeit ergibt ein Hühnerei etwa eine Impfdosis des klassischen Grippeimpfstoffs. GSK erwartet, dass sie mit dem neuen Vakzin mehr Impfdosen aus einem Hühnerei herausholen können. Während derzeit alle Hersteller weltweit jährlich etwa 300 bis 350 Millionen Impfdosen des Grippeimpfstoffes produzieren können, käme man mit der besseren Ausbeute in den Milliardenbereich, sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber Technology Review. GlaxoSmithKline erwirtschaftet derzeit etwa 12 Prozent seiner Umsätze mit Impfstoffen. (vsz)