Daten-Austausch gegen Vogelgrippe

70 Grippeforscher und Verantwortliche des Gesundheitswesen haben sich jetzt darauf geeinigt, bislang unter Verschluss gehaltene Daten ĂĽber den derzeit riskantesten Erreger, den Virus der Vogelgrippe, rasch untereinander auszutauschen.

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Von
  • Edda Grabar

Den Anstoß gab Iliara Capua. Die Direktorin des Instituts für Virology an der Universität von Padua hatte bereits vor Monaten öffentlich gesagt, wenn sie den Vogelgrippe-Erreger an ihr Institut bekäme, dann würde sie die Daten unverzüglich veröffentlichen. Eine Frau, ein Wort. H5N1 machte auch vor Italien nicht halt, und im März tat Capua das, was sie gesagt hatte: Anstatt die genetischen Daten über den Virusstamm, den sie in den Händen hielt, in eine passwortgeschützte und nur für Mitglieder zugängliche Datenbank der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu stellen, platzierte sie ihre Resultate in der Genbank – einer Genbibliothek, die für jeden Wissenschaftler zugänglich ist.

Peter Bogner, Chef einer Beratungsfirma in Santa Monica, fand diese Idee einfach großartig – gemeinsam mit Capua ging er auf Überzeugungstour: Die beiden kontaktierten Kollegen weltweit, besuchten die Nationalen Institute für Tiergesundheit und Verantwortlichen der Politik und trugen Wünsche und Ratschläge zusammen. Das Ergebnis dieser aufwändigen Arbeit ist jetzt auf der Homepage des Fachmagazins Nature zu besichtigen: Etwa 70 hochrangige Grippeforscher und Gesundheitsbehörden, darunter auch sechs Nobelpreisträger, schlossen sich zusammen und gründet GISAID, die Global Initiative on Sharing Avian Influenza Data. In dieser Plattform sollen künftig alle genetischen Daten gesammelt und kurzfristig in einer für alle beteiligten Wissenschaftler zugänglichen Datenbank zusammengetragen werden, um besser gegen die weitere Ausbreitung der Vogelgrippe und eine mögliche Gefährdung des Menschen gewappnet zu sein.

Denn die Zeit für die nächste Grippewelle ist längst überfällig. Rund alle 30 Jahre, schätzen Experten, führt ein neuer hoch aggressiver Influenzavirus zu hunderttausenden Toten. Das letzte Mal schlug 1968 die Honkong-Grippe zu. Seit rund zehn Jahren warten – und fürchten – die Experten somit die nächste Pandemie. H5N1, der Erreger der Vogelgrippe, hätte das Zeug dazu, auch unter Menschen zu wüten.

Die GISAID-Gründer hoffen, dass der Zugang zu sämtlichen genetischen Informationen die Forschung schneller vorantreibt. Wissenschaftler haben die Möglichkeit, neue Stämme rasch zu identifizieren und deren Ausbreitung zu verfolgen. Und sollte der Virus jemals für den Menschen gefährlich werden, können sie nur durch eine internationale Zusammenarbeit rasch erkennen, ob sich resistente Viren entwickeln. "Angesichts einer neuen Pandemie muss man Prioritäten setzen", so Capua in Nature. Dann sei Offenheit gefragt.

Bislang geben Forscher ihre Daten jedoch in der Regel erst nach einer Veröffentlichung in einem Fachmagazin frei. Manchmal horten sie ihre Erkentnisse gar über Jahre, damit kein anderer ihnen zuvorkommen kann. So weigerten sich einige Regierungen in Asien und deren wissenschaftliche Institute beharrlich, Informationen preiszugeben. Zugang zu diesen genetischen Informationen hatten lediglich die 15 Labore, die dem Netzwerk der WHO angehören und nutzten diese für zum Beispiel Empfehlungen für H5N1-Impfstoffe. Für breitere Nutzung der Viren gaben aber die Regierungen kein grünes Licht. Andere Länder verheimlichten aus wirtschaftlichen Gründen die Verbreitung der Vogelgrippe – für die infizierten Tiere gelten strengste Exportverbote. Umso wichtiger sei es, alle Beteiligten an Board zu bekommen, so Peter Palese, Grippeexperte von der Mount Sinai School of Medicine in New York, in Nature.

Das meint auch Klaus Stöhr, Influenza-Impfstoff Beauftragter bei der WHO. Die neue gegründete Initiative sei keine Konkurrenz, meint Stöhr. "Wir begrüßen sie ausdrücklich. Wir müssen uns bei der Veröffentlichung der Daten eng an die Vorgaben unserer Mitgliedsstaaten halten. Einige Länder erlegten uns auf, die Viren nicht an andere wissenschaftliche Institutionen weiterzugeben." Das sei kein Idealzustand. Zudem käme die WHO nur sporadisch in Besitz tierpathologischer Erreger. "Daher ist GISAID eine sehr vernünftige Sache"; sagt Stöhr. Allerdings befürchtet Stöhr ähnliche Einschränkungen, wie die, unter denen die Arbeit der WHO leidet.

Dem wollen die GISAID-Gründer vorbeugen. Alle die an der Initiative partizipieren möchten, müssen Zustimmen ihre Informationen in die Datenbank einstellen und bei Veröffentlichungen die Kollaboration erwähnen. Die genauen Details der Vereinbarung müssen noch ausgearbeitet werden. Doch prinzipiell stimmten die Teilnehmer zu, die Erbgutinformationen über Vogelgrippe-Erreger so schnell wie möglich, spätestens aber nach sechs Monaten, in die International Nucleotid Database Collabaration einzustellen, einem Netzwerk, dem die drei wichtigsten öffentlichen Datenbanken angehören.

Das deutsche Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), hat sich der GISAID angeschlossen. Peter Bogner besuchte auch die Insel Riems, um sich mit den Institutsleitern zu beratschlagen. "Wir befürworten und unterstützen die Plattform mit Nachdruck", so Thomas Mettenleitner, Leiter des FLI. Am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, zuständig für Infektionskrankheiten, beeilt man sich ebenfalls, Zustimmung zu bekunden. Man sei noch nicht dabei, so Susanne Glasmacher, Sprecherin vom RKI – aus personellen Gründen. "Die Datenanalysen sind unverzichtbar, um das Risikopotenzial der Vogelgrippe umfassend zu bewerten"; sagt Glasmacher. Sobald die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Influenza wieder am Institut sei, werde auch das RKI beitreten. (wst)