Die Grenzen moderner KriegsfĂĽhrung (Teil 2)

Die Kampfhandlungen im Libanon zeigen, dass fortschrittliche Raketentechnologie inzwischen in die Hand von jedermann gelangen kann. Das wirkt sich auf die gesamte Militärtaktik aus.

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Von
  • Mark Williams

Teil 1 dieses Artikels ist am 24. August auf Technology Review Online gelaufen.

Experten auf dem Gebiet der Waffen-Proliferation halten den aktuellen Trend zum Einsatz von Marschflugkörpern auf der ganzen Welt für eine große Gefahr. Der Abschuss der iranischen Variante einer radargesteuerten Anti-Schiffs-Rakete vom Typ "Silkworm C-802" durch die Hisbollah sei, so heißt es, daher kein absolutes Novum, sondern Teil einer längerfristigen Entwicklung.

Nach dem Ende der Sowjetunion zeugte der erste Golfkrieg noch davon, wie viel globale Stärke Amerika besaß. Mit nahezu chirurgischer Genauigkeit wurden neuartige Waffen verwendet, um den Feind auf große Distanzen zu attackieren. 15 Jahre später kommt es jedoch zu einer erneuten Veränderung im Gleichgewicht der globalen Militärmächte: Der Marschflugkörper, einst Kennzeichen der amerikanischen Übermacht, gelangt in die Hände vieler.

Marschflugkörper können sehr ausgefeilt sein – beispielsweise das amerikanische Modell AMG-129 mit seinem nuklearen Gefechtskopf W80, das Ziele in einer Entfernung von 3000 Kilometern erreicht, die mit Lenksystemen auf Satelliten-Basis angesteuert werden. Doch es gibt auch wesentlich einfachere Vertreter der Waffengattung, beispielsweise einfache unbemannte Fluggeräte ("Unmanned Air Vehicles", UAV), die man sich aus im Laden erhältlichen Kits zusammenbauen kann.

Bereits die deutsche "V1"-Flugbombe aus dem zweiten Weltkrieg konnte als Marschflugkörper gelten: Ein unbemanntes Flugobjekt mit eigenem Antrieb, das die aerodynamischen Auftrieb verwendet, um seine Nutzlast, den Sprengkopf, ins Ziel zu bringen. Anti-Schiffs-Raketen benötigen zum erfolgreichen Einsatz allerdings nur ein relativ einfaches Trägheitsnavigationssystem und eine Radarantwort von ihrem Ziel, das sich zumeist in der Nähe der Abschussbasis befindet. Deshalb, meint Owen Cote vom Security Studies Program am MIT, sind diese reichweitenschwächeren und einfacheren Waffen oftmals die erste Marschflugkörper-Art, die von Staaten und Organisationen wie der Hisbollah erworben werden.

Das "Missile Technology Control Regime", kurz "MTCR", ist ein freiwilliger Sperrvertrag, den 34 Länder unterzeichnet haben. Er soll eigentlich den Export von unbemannten Systemen, die Massenvernichtungswaffen ins Ziel bringen können, verhindern. Laut MTCR darf ein Anti-Schiffs-Marschflugkörper eine Waffe mit einer Reichweite von weniger als 300 Kilometern sein. Dann gehört er in die so genannte Kategorie II – dies bedeutet, dass solche Waffen von jeder Firma, die sie herstellt, auch exportiert werden dürfen. Die Einteilung in die so genannte Kategorie I schränkt den Export hingegen stark ein – etwa bei ballistischen Raketensystemen, Waffen mit Weltraumabschuss oder Marschflugkörpern, die für Land-Angriffe gedacht sind. Dummerweise lassen sich aus Anti-Schiffs-Marschflugkörpern aber recht einfach landbasierte Systeme aufbauen. Das macht aus dem Sperrvertrag MTCR ein Werk mit vielen Löchern.

Doch Amerika ist an der Verbreitung der Technologie nicht gerade unschuldig. 1998 ließ die Clinton-Regierung 75 "Tomahawk"- Marschflugkörper auf Lager von Osama Bin Laden abschießen – in Reaktion auf die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Sechs dieser Waffen wurden fehlgeleitet und gingen in Pakistan nieder. So gibt es schon seit Langem den Verdacht, dass diese Militärtechnik von chinesischen und pakistanischen Wissenschaftlern untersucht werden konnte. Ted Postol, MIT-Professor für Wissenschaft, Technologie und Internationale Sicherheit, bestätigt dies: "Ein pakistanischer Kollege sagte mir, dass eine nicht gerade geringe Anzahl der auf Afghanistan abgeschossenen Marschflugkörper in Pakistan landeten. Die sind dort dann auseinander genommen worden. Da wurde Reverse Engineering betrieben."

So ähnelt beispielsweise das Antriebssystem der pakistanischen "Babur"-Waffe dem "Tomahawk"-Vorbild (BGM-109) sehr. Nach dem Start mit einem Feststoffbooster kommt eine Turbo-Fan-Maschine zum Einsatz, die den Marschflugkörper auf eine Geschwindigkeit von 880 Kilometern pro Stunde mit einer Reichweite von 500 Kilometern bringt. China half den Pakistanis offensichtlich bei ihrer Arbeit: Die Mischung aus Trägheitsnavigation und GPS-Satelliten-Steuerung, die bei der "Babur" zum Einsatz kommt, erinnert stark an die chinesische YJ-62, einen Anti-Schiffs-Marschflugkörper. Beide Waffen, die YJ-62 und die "Babur", ähneln wiederum stark der US-amerikanischen "Tomahawk"-Linie.

Die "Babur" war eine vorhersehbare Antwort auf die indische "BrahMos" (PJ-10), die 2001 erstmals getestet wurde. Das Staustrahltriebwerk (Ramjet) des Marschflugkörpers wurde von der russischen Firma Mashinostreyenia und der indischen Brahmos Corporation entwickelt. Er erreicht Geschwindigkeiten von Mach 2,5 bis 2,8 und ist damit drei Mal schneller als US-"Tomahawks". Die "BrahMos" basiert auf der russischen Anti-Schiffs-Waffe "Yakhont". Russland und Indien versichern jedoch, den Sperrvertrag MTCR bei Ihrer Zusammenarbeit nicht gebrochen zu haben: Die Anti-Schiffs-"BrahMos" bleibe im Bereich unter 300 Kilometern.

Doch wie viele Marschflugkörper-Typen existieren heute überhaupt auf der Welt — und welche Länder besitzen sie? Berechnet man mit ein, dass Reverse Engineering und Modifikationen verschiedene Varianten wichtiger Raketen-Typen hervorbrachten, kommen Experten auf rund 130 Gattungen, wobei 75 Länder sie besitzen sollen. Der bei Anti-Schiffs-Marschflugkörpern löchrige Sperrvertrag MTCR brachte die Verbreitung weiter voran. Außerdem halten sich selbst Unterzeichner nicht immer an die Verbote und lassen ihre Firmen beim Export gewähren. So behauptet etwa der russische Verteidigungsminister Ivanov, dass das MTCR-Mitglied Ukraine atomwaffenfähige X-55-Marschflugkörper 2001 und 2002 an den Iran und an China verkauft habe. John Pike, Direktor der Militäranalyse-Organisation GlobalSecurity.org, glaubt, dass viele europäische Länder regelmäßig gegen den MTCR verstoßen: "Sie sind offen für Geschäfte und wollen Geld verdienen." Sorgen bereiten dem Experten auch die drei Nicht-MTCR-Nationen Iran, Nordkorea und Pakistan — ihre enge Zusammenarbeit bei der Raketen- und Lenkwaffentechnik käme bereits einem gemeinsamen Entwicklungsprogramm an drei Standorten gleich.

Die weite Verbreitung der Marschflugkörper-Technik dürfte bald noch größer in die Schlagzeilen geraten. So verweigerte vor Kurzem der Iran, bekanntlich Waffenlieferant der Hisbollah, UN-Kontrolleuren den Zugang zum Komplex von Natanz, in dem das Land Uran-Anreichungsbemühungen betreibt. Die Anstrengungen der USA und Europa, das iranische Nuklearprogramm zu stoppen, schlugen bislang fehlt. Am 31. August wollen Amerika und seine Partner im UN-Sicherheitsrat nun wirtschaftliche Sanktionen durchdrücken, sollten sie eine Mehrheit finden.

Die Chancen stehen nicht besonders gut. Erstens sind Russland und China, ausgestattet mit einem Vetorecht, bislang deutlich gegen Sanktionen. Zweitens: Selbst wenn die USA und ihre europäischen Partner Russland und China überzeugen könnten, ist völlig unklar, ob sich Sanktionen effektiv durchsetzen ließen. In den letzten 25 Jahren gelang das nämlich so gut wie nie.

Die Bush-Regierung versucht es also weiter diplomatisch, während ihre Vertreter nach wie vor betonen, dass die militärische Option "auf dem Tisch" bleibe, um Teheran am Bau einer Atombombe zu hindern. Viele Insider in Washington glauben, dass die US-Luftwaffe bereits auskömmliche Pläne zur Bombardierung iranischer Atomanlagen in der Schublade hat.

John Pike von GlobalSecurity.org hält die Lage im Nahen Osten jedoch auch ohne einen solchen Militärschlag für instabil genug, um die iranische Regierung zur Blockade der Straße von Hormuz zu bringen. Über diesen Seeweg, der an seiner engsten Stelle gerade einmal 60 Kilometer breit ist, werden 90 Prozent der Ölexporte aus dem persischen Golf abgewickelt. Nach einem Expertenszenario könnte sich der Irak in drei getrennte Teile entwickeln – ein "Kurdistan" im Norden, ein mit wenig Ölreichtum ausgestattetes "Sunnistan" in der Mitte und eine von den Schiiten dominierte Südregion mit viel Öl. Sollte es dazu kommen, ist es gut möglich, dass Saudi-Arabien, schon jetzt der größte Unterstützer sunnitischer Rebellen, den Bürgerkrieg noch stärker finanziell fördert – schließlich hätten die Sunniten dann keinen Zugang mehr zum Öl, das sie traditionell für sich beanspruchen. Der Iran könnte dann im Gegenzug die Unterstützung für die irakischen Schiiten erhöhen – das Ergebnis wäre ein "Tankerkrieg", wie ihn Irak und Iran bereits 1980 bis 1988 betrieben. Dabei wurden zahlreiche Öl- und Handelsschiffe zerstört – auch die neutraler Nationen. Das Ziel damals: Dem Gegner sollte die ökonomische Basis entzogen werden. Wie bereits in den Achtzigerjahren würden auch die US-Seestreitkräfte in einen solchen Krieg hineingezogen, der dann inoffiziell zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ablaufen könnte.

Allerdings gibt es heute einen entscheidenden Unterschied: Der Iran besitzt inzwischen mindestens 300 Anti-Schiffs-Raketen vom Typ "Exocet" und eine bislang unbekannte Anzahl an russischen "Moskit"-Marschflugkörpern, die sich schneller als der Schall bewegen. Möglicherweise ist auch deren verbesserter Nachfolger, die bereits erwähnte "Yakhont"-Waffe, in iranischem Besitz.

Die jüngste Seeschlacht-Geschichte zeigt, was die relativ primitiven "Exocet"-Raketen anrichten könnte. Im Falkland-Krieg 1982 zwischen Großbritannien und Argentinien rüsteten die Argentinier Flugzeuge mit den in Frankreich hergestellten "Exocets" aus. Damit trafen sie das Kriegsschiff HMS Sheffield, dessen Aufbau aus Aluminium-Leichtmetall bestand. Dieses schmolz, die Fregatte brannte aus und sank. Auch im Krieg zwischen dem Iran und dem Irak 1987 kam es zu ähnlichen Vorfällen: Damals trafen zwei irakische "Exocet"-Raketen die amerikanische Fregatte U.S.S. Stark, die ebenfalls in Brand geriet.

Noch gefährlicher als die "Exocets" sind die russischen "Moskits". Diese Ramjet-angetriebenen Marschflugkörper erreichen eine zweieinhalb- bis dreifache Schallgeschwindigkeit und fliegen nur 1,50 Meter über dem Wasser. Sie wurden explizit von den Russen entworfen, um das "Aegis"-Verteidigungssystem und die Abwehrraketen SM-2 und SM-3 überwinden können, die von US-Flugzeugträgergruppen verwendet werden. Die maximale theoretische Antwortzeit, die nach dem Abschuss einer "Moskit" bleibt, liegt bei nur 25 bis 30 Sekunden. Für Gegenmaßnahmen wie Abwehrraketen oder Artillerie bleibt da wenig Zeit. Zwar werden US-Kriegsschiffe inzwischen mit einem Aufbau aus Stahl gebaut (Alu war bis zu 35 bis 45 Prozent leichter und erhöhte die Wendigkeit). Doch ein Angriff der Terrororganisation Al Quaida auf den Zerstörer U.S.S. Cole zeigte im Jahr 2000, was ins Ziel gebrachter Sprengstoff anrichten kann. Eine bis zu 270 Kilogramm schwere Bombe riss damals ein 6 mal 12 Meter großes Loch in die Außenhaut des US-Schiffes. Eine russische "Moskit" trägt jedoch einen Sprengkopf von bis zu 340 Kilogramm – ein potenzieller Schiffskiller.

Schon der Falkland-Krieg wurde von den Militärstrategien als Beispiel heutiger Konflikte haarklein auseinander genommen, wie John Arquilla, Professor an der U.S. Naval Postgraduate School, sagt: "Die "Exocets" haben ganz klar bewiesen, wie gefährdet große, sich langsam bewegende Schiffe sind." Dass die Briten den Krieg dann doch gewannen, hatte laut Arquilla auch damit zu tun, dass sie berechnet hatten, wie weit ihre beiden Flugzeugträger von den Falklands weg platziert werden mussten, damit sie nicht mehr erreicht werden konnten. Diese Lektion muss wohl auch die US-Marine in einem eventuellen Konflikt im persischen Golf beachten. So gehört die Nordküste des Golfs dem Iran, von wo aus er Marschflugkörper abschießen könnte. Erreichbar ist nahezu jedes Schiff im Golf, selbst die, die an der Basis der fünften US-Flotte in Bahrain liegen. Die Iraner könnten auch Helikopter und schnelle Boote einsetzen, die sie zu mobilen Raketenplattformen ausgebaut haben. In der Praxis dürfte das US-Militär aber seine Luftdominanz behalten.

Platziert Amerika seine Marine-Aktivposten also außerhalb der direkten Sicht, haben die Iraner drei Optionen: Sie können ihre Raketen auf Ziele im sichtbaren Bereich abschießen, radar-elenkte Raketen für weiter entfernt liegende Bereiche einsetzen oder auf seebasierte Plattformen setzen, um Raketen abzuschießen. In allen drei Fällen droht sofort eine US-Vergeltung aus der Luft. Den Iranern bliebe womöglich nur eine einzige Chance, ihre Marschflugkörper abzuschießen, bevor die Plattformen zerstört worden wären.

Doch was wäre, wenn der Iran auf die Idee käme, einen Schwarm hunderter Raketen gleichzeitig abzuschießen? Das ist nicht abzusehen. In einem solchen Szenario könnten die Iraner der amerikanischen Marine schweren Schaden zufügen. Besitzen Teheran genug Raketen, um das zu tun? Die Antwort darauf ist: Wir wissen es nicht. Zu diesem Schluss kommt auch ein Bericht des US-Kongresses vom 24. August: Wie groß die Gefahr ist, lässt sich nicht abschätzen. Analyst John Pike drückt es so aus: "Der Iran ist ein Rätsel, das in einem Mysterium steckt."

Auf lange Sicht scheint der Trend jedoch nur eine Richtung zu kennen. Der Iran entwickelte im vergangenen Monat seinen ersten, eigenen 32-Bit-Mikroprozessor. So ähnlich wie die Kavallerie 1914 von Maschinengewehren niedergemäht wurde und Kriegsschiffe 1941 in Pearl Harbor einem gigantischen Luftangriff zum Opfer fielen, wirken US-Flugzeugträgergruppen inzwischen wie sich langsam bewegende, gigantische Zielmarkierungen, auf die ein Feind ganze Schwärme sich selbst lenkender Marschflugkörper abschießen könnte, die hunderte Kilometer entfernt stationiert sind. "Der deutsche U-Boot-Admiral Dönitz besaß vor 60 Jahren ein Bild in seinem Büro, auf dem ein Ozean mit ein paar Möwen und ein paar von der Sonne beschienene Wellen zu sehen war", erzählt MIT-Mann Arquilla. Dönitz habe dieses Bild dann immer vorgeführt, wenn seine U-Boot-Kapitäne ihn besuchen kamen, und gesagt, dies sei die Zukunft des Seekrieges: "Es wird keine großen Schiffe mehr geben, sondern nur noch U-Boote und Flugzeuge." Im 21. Jahrhundert, so Arquilla, sei damit zu rechnen, dass es künftig "Seemächte ohne Marine" gäbe.

Der MIT-Mann wird noch düsterer, wenn er an die Verbreitung von Marschflugkörpern denkt: "Wenn die so verbreitet sind wie das Maschinengewehr von Kalaschnikow, wird es einen Krieg geben, in dem jeder gegen jeden kämpft." Die strategischen Aussichten seien schlecht: "Ich erinnere die Leute immer an Jean de Blochs Buch "Die Zukunft des Krieges"." Der polnische Banker und Eisenbahnfinanzier hatte in seinem Werk aus dem Jahre 1898, also noch vor dem Ersten Weltkrieg, vorhergesagt, dass der technische Fortschritt derart zerstörerische Waffen hervorbringen werde, mit denen der Krieg nicht mehr aufhöre, weil alle über die gleiche Schlagkraft verfügten. "Wir sind heute in einer ähnlichen Situation. Die Eintrittshürden sind so gering, dass jeder, der nur kämpfen will, auch unendlich lange kämpfen kann", sagt Arquilla. Dieses strategische Bild sei das, was heute am besten passe.

Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)