"Die Gesellschaft muss sich überlegen, was sie will"
Gereon Fink, Direktor der Neurologie an der Uniklinik Köln und Direktor des Instituts für Neuroforschung und Biophysik am Forschungszentrum Jülich über die Notwendigkeit und die Moral von Neurodoping.
- Edda Grabar
Seit klar ist, dass Gedächtnispillen nicht nur dem dementen Gehirn helfen, sondern auch den überarbeiteten Manager wieder auf Zack bringen, dass Ritalin nicht nur dem Zappelphilipp, sondern auch dem lernbehinderten Kind bessere Noten beschert, ist eine rege Diskussion über die Moral des Neurodopings entfacht. Gereon Fink, Direktor der Neurologie an der Uniklinik Köln und Direktor des Instituts für Neuroforschung und Biophysik am Forschungszentrum Jülich behandelt nicht nur Alzheimer- oder Schlaganfallpatienten mit den Leistungsförderern. Er sieht auch schon mal einen Universitätsprofessor vor sich, der schlicht seinem altersschwachen Gedächtnis noch einmal auf die Sprünge helfen möchte. Technology Review sprach mit dem Neurologen über die Notwendigkeit und die Moral solcher Therapien.
Technology Review: Herr Fink, Sie haben sich kürzlich von dem Begriff Neurodoping distanziert. Warum?
Gereon Fink: Nein, distanziert habe ich mich nicht. Dem Begriff Neurodoping hängt vielmehr durch den Sport – nehmen Sie Jan Ullrich – ein sehr negatives Stigma an. Das möchte ich nicht so stehen lassen. Gedächtnisfördernde Mittel sind nicht per se zu verdammen. Oder möchten Sie auf Ihren Kaffee am Morgen verzichten?
TR: Nein, sicher nicht. Aber sind Kaffee und Mittel, die gezielt auf das Gehirn einwirken, wirklich vergleichbar?
Fink: Also erstens wirkt Ihr Kaffee auch gezielt im Gehirn, in dem das Koffein an die dort geeigneten Rezeptoren bindet und eine Reaktion auslöst, die Sie aufmerksamer und munterer macht. Dasselbe gilt im Übrigen für Nikotin, womit ich nun aber nicht jeden zum Rauchen auffordern möchte. Weder der Kaffeegenuss noch die Zigarette stellt die Gesellschaft vor ethische Probleme – wenigstens nicht wegen ihrer konzentrationssteigernden Wirkung. Deswegen muss man erst einmal festhalten: Leistung zu optimieren, ist in unserer Gesellschaft ein alltäglicher Prozess, zum Teil würde ich sogar sagen, er ist durchaus verständlich und gewünscht.
TR: Auch mit Pillen?
Fink: Das muss man differenziert beantworten. Junge und gesunde Menschen beantworten diese Frage mehrheitlich mit Nein. Mit zunehmenden Alter, Krankheit oder nur Vergesslichkeit nimmt auch die ablehnende Haltung ab. Das Fazit lautet also: Je mehr man von dem Nutzen solcher Medikamente profitieren könnte, desto weniger spielen ethische Gesichtspunkte eine Rolle.
TR: Die Argumentation ähnelt derjenigen, die über starke Schmerzmittel oder Antidepressiva geführt wurde. Ist das vergleichbar?
Fink: Im Prinzip ja. Über Jahrzehnte wurden Patienten mit schlimmsten Schmerzen, etwa bei Tumoren, nicht ausreichend mit Schmerzmitteln wie Morphium versorgt, weil man eine mögliche Abhängigkeit mehr fürchtete, als die Menschen von ihren Leiden zu befreien. Heute weiß man, dass nur wenige Patienten abhängig werden und setzt schmerzlindernde Medikamente in ausreichenden Dosierungen und schnell ein. Wozu Qualen bereiten, die eigentlich unnötig sind. Ähnlich liegt der Fall bei Depressionen. Sie sind inzwischen sehr gut zu behandeln, doch noch immer hegen einige Menschen, darunter auch Ärzte, Zweifel an Antidepressiva.
TR: Also bedarf es nur Zeit und ein wenig Anpassung?
Fink: Die Gesellschaft muss sich überlegen, was sie will. Es ist unumstritten Demenzkranken mit Acetylcholinesteras-Hemmern zu helfen. Sie verhindern, dass ein bestimmter Botenstoffe, der eine wichtige Rolle für das Gedächtnis spielt, zu schnell abgebaut wird. Ich sehe aber zunehmend ältere Menschen, die einfach an einer altersbedingten Vergesslichkeit oder Schusseligkeit leiden, die ihr Gehirn ein wenig auffrischen wollen – bevorzugt Leute aus einer gehobenen intellektuellen Schicht. Für diese Leute sind die Mittel aber primär gar nicht vorgesehen gewesen.
TR: Damit sprechen Sie aber genau das Problem an, das Skeptiker der Gedächtnispillen befürchten: Wer kann sich einen munteren Geist leisten und wer nicht? Die Leute von denen Sie sprechen, gehören sicherlich nicht zur sozialen Unterschicht.
Fink: Ich kann nur wiederholen: Die Gesellschaft muss wissen, wohin sie sich orientiert – langfristig. Im Moment orientiert sie sich tatsächlich nach der Leistung eines Einzelnen – egal aus welcher sozialen Schicht. Ich kenne Leute, die völlig überarbeitet sind, denen eine mehrwöchige Kur ebenso helfen würde, die aber ihren Job nicht aufgeben können. Sowohl die demografischen als auch die sozialen Entwicklungen sind allen bekannt – auch den gesetzlichen Krankenversicherungen, den Arbeitnehmern und den Arbeitgebern. Wir müssen wissen, wie viel wir für unsere „Leistung“ ausgeben wollen.
TR: Wir stehen also vor dem Konflikt: Krankenkassenkosten versus volkswirtschaftlichen Nutzen?
Fink: Genau. Oder: Wie viel Gesundheit und wie viel Leistungsoptimierung wollen wir uns leisten. Plastisch: Stecken wir das Geld in die Muckibude zum Bodybuilding oder in Sudoku zum Gehirnjogging, oder in Pharmaka, die Hirnfunktionen verbessern?
TR: Die Pharmaindustrie würde sich freuen. Eine Gedächtnispille würde Milliarden einbringen ...
Fink: Der Nobelpreisträger Eric Kandel hat bereits die Zulassung für das erste gedächtnisfördernde Präparat in den Vereingten Staaten erhalten. Die Studien verliefen vielversprechend. Ob die Substanz wirklich gut ist, welche langfristigen Nebenwirkungen sie hat, wird sich erst in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten zeigen. Bei allen Erfolgen der Pharmaindustrie ist jedoch daran zu erinnern, dass Training und Inanspruchnahme von kognitiven Ressourcen ein mindestens ebenso erfolgversprechender Weg ist. (nbo)