Ein Online-Atlas der Umweltzerstörung

Das UN-Umweltprogramm UNEP macht mit Hilfe von Google Earth und älteren Satellitenbildern die weltweiten Umweltveränderungen für Millionen von Webnutzern sichtbar - und dokumentiert damit die nach wie vor nicht nachhaltige Entwicklung auf der Erde.

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Von
  • Niels Boeing

Ein Geotagging der interessanteren Art haben das UN-Umweltprogramm UNEP und Google gestartet: die Online-Version des "Atlas unserer sich wandelnden Umwelt". Der baut auf dem Satellitenbilddienst Google Earth auf: Etwa 100 "Hotspots" fortschreitender Umweltzerstörung sind auf einer Weltkarte markiert. Klickt man auf einen der Hotspots, öffnet sich ein Tag mit zwei Satellitenaufnahmen der Region, einer älteren und einer aktuellen. So lässt sich auf einen Blick feststellen, wie etwa Metropolen expandiert und Seen ausgetrocknet sind. Von den Tags führt ein Link dann zu Großansichten mit Informationen über den Hotspot.

"Diese Satellitenaufnahmen sind ein Weckruf an uns alle, um uns die schrecklichen Bilder der Zerstörung vor Augen zu führen", sagt UNEP-Direktor Achim Steiner. "Mehr als 100 Millionen Google-Earth-User sollen damit einen Einblick in die Umweltsituation der Welt bekommen und mobilisiert werden, etwas dagegen zu tun." So dürfte die UNEP in der Tat deutlich mehr Leser erreichen als mit der bereits im Juni 2005 veröffentlichten Buchausgabe "One Planet, Many People: Atlas of Our Changing Environment".

Die meisten Regionen der Erde, die in dem virtuellen Atlas eingetragen sind, wurden bereits vor 35 Jahren erstmals datenmäßig erfasst. Die Bildvergleiche zeigen drastisch die fortschreitende Urbanisierung rund um die Welt: So ist die einstige Kleinstadt Shenzhen zu einer fünf Millionen Einwohner zählenden Industriemetropole des chinesischen Wirtschaftswunders gewachsen, und die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur hat sich in umliegende Waldgebiete hineingefressen. Manaus, die Hauptstadt des brasilianischen Staates Amazonia, ist zwischen 1993 und 2003 um 65 Prozent gewachsen. Für die Urbanisierung sind große Rodungen vorgenommen worden - so wie auch in der Gegend um Santa Cruz in Bolivien. Weitere Beispiele, die der Atlas dokumentiert, sind die Ausdehnung von Peking, Teheran, Mexiko-Stadt oder Sidney.

Lagen noch 1950 zehn der 15 größten Städte der Welt in Industrieländern, befanden sich im Jahr 2000 bereits 11 der 15 globalen Megacities in Schwellen- und Entwicklungsländern. Derzeit leben etwa 280 Millionen Menschen in solchen Ballungsräumen. Diese Zahl wird sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis 2015 auf 350 Millionen erhöhen.

Aber auch eine nicht nach nachhaltige Landwirtschaft und die Gewinnung von Rohstoffen haben drastische Folgen. So sind die letzten Mangrovenwälder in der Küstenregion östlich von Bangkok Mangrovenwälder Aquakulturen für die Fischzucht ebenso zum Opfer gefallen wie Reisfelder. Die Landschaft um Almería in Andalusien ist nach ihrer Verwandlung zum Obst- und Gemüsegarten der EU kaum wieder zu erkennen. Die Kupfermine von Ok Tedi in Papua-Neuguinea hat die Wasserläufe in einer einst unberührten Landschaft in Abraumkanäle verwandelt.

Wie natürlich Süßwasserreservoire in trockeneren Weltgegenden verschwinden, zeigt der Rückgang vor allem von zwei großen Binnenseen, dem Tschad-See in Westafrika und dem Aral-See in Zentralasien. Eine der Ursachen für das Schrumpfen der Wasserflächen ist auch hier eine Landwirtschaft, deren Wasserbedarf nicht an lokale Gegebenheiten angepasst ist.

Von den Gletschergebieten liegen bislang noch kaum Bildvergleiche vor, obwohl hier seit Jahrzehnten ernste Veränderungen stattfinden: In Grönland etwa hat sich die im Sommer abtauende Eismasse in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. In Tibet geht das Gletschervolumen jährlich derzeit um sieben Prozent zurück. Die drei afrikanischen Gletscher auf dem Kilimandscharo, dem Mount Kenya und dem Ruwenzori-Massiv werden in 20 Jahren ganz verschwunden sein. Und von den einst 200 Kubikkilometern Eis, die die Alpengletscher Mitte des 19. Jahrhunderts hatten, ist nur noch ein Drittel übrig. Eine Satellitenaufnahme des Kilimandscharo lässt immerhin ahnen, wie sich Eismassen rund um den Globus allmählich verringern.

Technology Review zeigt einige der wichtigsten Umweltveränderungen in dieser Bilderstrecke. Der Online-Atlas selbst steht unter na.unep.net/digital_atlas2/. Das komplette Verzeichnis der Satellitenaufnahmen befindet sich hier. (nbo)