Intels Viiv mit Startproblemen
Auf Asiens größter Konsumelektronikmesse Ceatec macht Intels Vizepräsident Eric Kim klar, dass der Weg zur erträumten Konvergenz der elektronischen Geräte steinig ist.
- Martin Kölling
Die Verbreitung von Intels vor einem Jahr vorgestellten Viiv-Chip für vernetzte Home-Entertainment-Systeme hinkt hinter den Erwartungen des führenden Chipherstellers hinterher. „Wir waren vielleicht letztes Jahr etwas optimistisch“, gestand Intels Chef der Digital Home Group Eric Kim am Mittwoch in Japan auf der Ceatec, der größten asiatischen Konsumelektronikmesse.
Verantwortlich für den langsamen Start sei die verzögerte Produktentwicklung der Contents-, Soft- und Hardwarehersteller, deutete Kim an. „Das Gerät ist nicht die ganze Geschichte, wir müssen ein ganzes Biotop zum Kunden bringen.“ Beispiele gibt es zuhauf. Bis zum letzten Jahr wollten die Filmstudios und Fernsehkanäle ihren Premium-Content nicht online stellen, sagt Kim: „Der Damm ist nun gebrochen, ich bin optimistisch, dass das Tempo sich nun beschleunigen wird.“
Auch Microsofts multimediafreundlicheres Betriebssystems Vista, das erst wirklich den Viiv-Chip mit zwei bis vier Kernen voll auszunutzen verspricht, wurde mehrfach auf inzwischen 2007 verschoben. Zudem kommt die neue DVD-Generation mit ihren riesigen Speicherkapazitäten für High-Definition-Spielfilme erst jetzt auf den Markt, die die hohe Rechenleistung der Viiv-Prozessoren dankbar nutzen. Der auch auf der Ceatec mit hohem Aufwand geführte Krieg der Formate zwischen Toshibas High Definition DVD und dem Blu-Ray-Lager von Sony respektive Panasonic droht den Vorstoß des neuen Silberlings zusätzlich zu bremsen.
Die Verzögerungen sind verständlich, denn die Vernetzung ist komplex. Zwar gibt es den entsprechenden Chip, und die Hersteller einigten sich voriges Jahr auf den dlna-Standard (Digital Living Network Alliance) für die Verbindung elektronischer Geräte, damit sie frisch aus dem Karton reibungslos miteinander kommunizieren können. Doch damit sind erst zwei von Kims vier Bedingungen für genannte Konvergenz, die Annäherung so verschiedener Geräte wie des Computers, des Fernsehers, des Handys, der Klimaanlage und so weiter erfüllt. Dazu muss noch eine Software kommen, die robust und einfach wie Konsumelektronik zu bedienen ist. Bisher jedoch werde die Software für jedes Gerät neu entwickelt, beklagt Kim. Letztlich muss auch der Preis noch stimmen.
Ab 2007 soll der Durchbruch der Media-PCs dennoch kommen. Kim demonstrierte, wie man dann von einem taschenbuchgroßen Sony-Minicomputer des Typs „U“ ein eben gemachtes Foto flugs durch ein sicheres „virtual private Network“ über das Internet an den Homeserver übertragen und sofort zu Hause auf dem PC-Monitor oder dem Fernseher anschauen kann. Die softwaregestützte Lösung soll im kommenden Jahr eingeführt werden. Ein Sony-Vertreter kündete sogar in einem live zugeschalteten Video-Internet-Telefonat an, dass der Konzern eine breite Palette seiner Vaio-PCs mit Viiv-Chips auf den Markt bringen wolle.
Ob allerdings der Fernseher oder der PC das Rennen als Zentrum des neuen allseits vernetzten Hauses machen werden, sei die „falsche Frage“, glaubt Kim. „Die Menschen lieben beides, Fernsehen und PC, und sie wollen sie besser kombinieren.“ Im Internet gäbe es zwei „Erfahrungsinseln“. Im PC-Internet bilden sich aktiver Gemeinschaften, wird nach persönlichen Informationen gejagt. Vor dem digitalen TV entspannen sich die Menschen und teilen Bilder oder Musik mit Freunden oder Familie.
Um das Potenzial der Vernetzung am wirkungsvollsten entfalten zu können, fördert Intel offene Plattformen wie den dlna-Standard. Doch gleichzeitig mischt der Chiphersteller unternehmerisch pragmatisch auch bei geschlossenen Systemen mit und beliefert auch Apple mit Chips. „Fakt ist, beide Ansätze werden nebeneinander bestehen“, sagt Kim. Apple habe zum Beispiel mit dem Musik-Download-Dienst iTunes, bei dem die Songs nicht im weit verbreiteten MP3-Standard daherkommen, das Unvermögen der Industrie genutzt, das zu liefern, was die Nutzer wollen. „Wenn offene Plattformen nicht bessere Lösungen anbieten, kommen geschlossene Lösungen infrage“, stellt Kim nüchtern fest.
Offenbar drängt Intel Apple auch nicht die eigenen Philosophie auf. Intern handelt Intel vielmehr nach der Devise: „Lass Apple Apple sein“, verrät Kim. Denn sein Konzern ziehe großen Nutzen aus den Ideen des Vordenkers Steve Jobs, dem Geschäftsführer Apples, und seinen Jüngern. „Sie sind es, die bis an die Grenzen des Machbaren gehen. Wir erhalten von ihnen viel Input, welche Leistung für neue Dienste erforderlich ist.“
Gleichzeitig hofft Kim auf den Siegeszug von Intels offenen Standards. „Es steht noch nicht fest, dass bei Video das Gleiche wie bei Musik passieren wird“, sagt Kim mit Anspielung auf Apples neuen Dienst iTV. Dann treiben die Viiv-Prozessoren nicht mehr nur in den Maschinen der Computerhersteller, sondern auch der Nicht-PC-Kunden an. (wst)