Balsam gegen schwächelnde Innovationen

Vergangene Woche traf sich die Biotech-Gemeinde zur Verleihung der europäischen „Biotechnica Awards“ in Zürich. Das Rennen machte Intercell, ein aufstrebendes Wiener Unternehmen, das Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten entwickelt.

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Von
  • Edda Grabar

„Noch nie sei die Entscheidung so schwer gefallen“, seufzte Karsten Henco, einer der Juroren und Gründer der Evotec AG, ins Mikrofon, als er den Gewinner des vierten „European Biotechnica Award“ bekannt gab – des selbsternannten wichtigsten Preises der Biotech-Gemeinde. Von Verlierern wollte er gar nicht sprechen, denn die gäbe es eigentlich nicht. „Alle sind Gewinner“, sprach er euphemistisch. Auch Zweit- und Drittplazierte und all jene, die schon zuvor aus dem Rennen geschieden waren, hätten sich schließlich auf dem harten Markt der Pharma- und Biotechnologie etablieren können.

Den Triumph konnte die Intercell AG aus Wien für sich verbuchen – und das in zweifacher Hinsicht. Geschäftsführer Gerd Zettlmeissl konnte nicht nur einen Scheck über 20.000 Euro nebst Ovationen von Big Pharma in Empfang nehmen. Am selben Tag erhielt er auch die Bestätigung der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, dass das erste Produkt seines Hauses in das Genehmigungsverfahren für Medikamente aufgenommen wurde.

Intercell hat sich auf die Entwicklung von Impfstoffen gegen bakterielle Infektionen spezialisiert. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten auf dem Vakzin-Markt, sollen die Impfungen von Intercell in erster Linie nicht vorbeugend wirken, sondern die Erkrankung bekämpfen, wenn sie bereits ausgebrochen ist. Mit einem speziellen Verfahren filtern die Forscher Antigene – also die Stoffe aus dem menschlichen Körper, die das Abwehrsystem in Alarmbereitschaft versetzen – heraus, bilden sie nach und versetzen sie mit einem so genannten Immunizer, der die Killerzellen im Körper aktiviert. Mit diesem Cocktail soll dann das menschliche Immunsystem auf Trab gebracht werden, stärker gegen den Infektionskeim anzugehen.

Gegen die Japanische Enzephalitis hat die Firmenrezeptur bereits gewirkt. In Partnerschaft mit Novartis entwickelte Intercell einen Impfstoff gegen diese besonders schwere Form der Gehirnhautentzündung. Sie wird in Asien, aber auch in Australien und Indien von Mücken übertragen. Etwa 50.000 Fälle werden jährlich registriert, ein Viertel endet tödlich.

„Die Weltgesundheitsorganisation hält die Angaben für dramatisch untertrieben“, so Zettlmeissl. Die Dunkelziffer dürfe ein Vielfaches betragen. Derzeitige Impfstoffe wirken nur schlecht und sind ihrerseits mit Problemen behaftet. „Nächstes Jahr soll unser Serum auf den Markt kommen“, prognostizierte der Biotechnica-Award-Empfänger lächelnd.

Der Preis lockte die gesamte Szene nach Zürich: die Boehringers, Hoffmann-La Roches, Mercks, ein paar kleinere wie größeren Biotechs sowie die Berater- und Investmentvertreter – eine Heerschar grau, blau bis schwarz gekleideter, vornehmlich männlicher Manager. Sogar Bundesforschungsministerin Annette Schavan wurde zur Preisverleihung eingeflogen. Von ihm würde man heute keine Klagen hören, gab sich der Leiter für Pharma-Partnerschaften Peter Hug vom Schweizer Pharmakonzern Roche gut gelaunt und lobte ein ums andere Mal die produktiven Zusammenarbeiten mit den zumeist anwesenden Biotech-Unternehmen.

Etwas anderes bleibt den großen Pharmakonzernen auch kaum übrig. Aus eigener Kraft bringen sie immer weniger neue Medikamente auf den Markt. Seit Jahren nimmt die Zahl neuer Wirkstoffe ab, gleichzeitig aber steigen die Forschungs- und Entwicklungskosten. Daran haben auch die Übernahmen von Sanofi durch Aventis, von Pharmacia durch den Pharmariesen Pfizer oder von Schering durch Bayer nicht geändert. „Die Größe hat mit erfolgreicher Forschung nichts zu tun“, stellte Hug fest. Und die Übernahme fremder Unternehmen habe die Marktanteile nicht wesentlich beeinflusst.

Umso wichtiger ist es für die Industrie, neue innovative Ideen einzukaufen – in der Branche spricht man von „einlizensieren“. Damit erwerben die großen Player das Recht, die Entwicklungen anderer zumeist junger Biotech-Unternehmen zu produzieren und womöglich auch zu vertreiben. Denn obwohl der Pharmamarkt 2005 insgesamt nach den Angaben der Unternehmensberatung IMS Health um gut sieben Prozent auf 518 Milliarden US-Dollar stieg, wuchs der vergleichbare Umsatz mit Biotech-Medikamenten um 17 Prozent mehr als doppelt so stark. Laut IMS Health machen Biotech-Wirkstoffe bereits 27 Prozent der weltweiten Medikamentenforschung und zehn Prozent der weltweiten Medikamentenumsätze aus.

Das ist Wasser auf die Mühlen der Biotechnologen. Und so wurde Jörn Aldag, Vorstandsvorsitzender der Evotec AG in Hamburg, nicht müde, die erfolgreichen Kooperationen zwischen den Kleinen und Großen anzupreisen. „Die Biotech-Unternehmen hätten einen größeren Zugang zu den Universitäten und können daraus ihre Innovationen speisen. „Dort wachsen Ideen und Produkte, die Medikamentenhersteller noch nicht beachten“, sagte er. In nachhaltigen Netzwerken sieht er dank der Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten der Pharmaindustrie die besten Chancen für beide. Denn kaum ein kleines Unternehmen kann die Kosten für aufwändige klinische Studien und den Vertrieb allein bewältigen. Man balzte folglich auf beiden Seiten.

Und so ist es wohl auch kein Wunder, dass Intercell den Biotechnica Award gewann. An den Resultaten der Wiener Impfstoff-Firma sind die Pharmagrößen sehr interessiert. Nach der Kooperation mit Novartis gegen die Japanische Enzephalitis könnten bald auch Merck, Weyth oder Sanofi zum Zuge kommen. Und die Verlierer, die laut Karsten Henco keine seien? Auch ihnen stehen Roche, Serono, Amgen oder Schering als Partner zu Seite. So ist der selbsternannte wichtigste Preis für kleine und mittlere Biotech-Unternehmen wohl auch ein Kuschelfaktor. Denn seien wir ehrlich: 20.000 Euro sind nicht viel Geld in einem Markt, der 518 Milliarden Dollar umsetzt. (nbo)