Genstudie unter Afroamerikanern
Wissenschaftler untersuchen erstmals breit das Erbgut von Amerikanern afrikanischer Herkunft. Ziel ist es, genetische Gründe für häufig vorkommende Krankheiten in dieser Bevölkerungsgruppe aufzufinden. Soziologen warnen vor Missverständnissen.
- Jennifer Chu
In Amerika läuft derzeit die erste genomweite Untersuchung des Erbgutes afroamerikanischer Bürger. Ziel ist es, genetische Hinweise auf Erkrankungen wie Fettsucht, Bluthochdruck und Diabetes in dieser Bevölkerungsgruppe zu finden. Diese Krankheiten, erklärt der Epidemiologe Charles Rotimi von der Howard University, kämen unter Amerikanern afrikanischer Herkunft häufiger vor als bei denjenigen mit europäischen Wurzeln.
Rotimi arbeitet bei seiner Studie mit Michael Christman zusammen, einem Genetiker an der Boston University School of Medicine. Das Team der beiden will die DNS von insgesamt 1500 Afroamerikanern aus der Region um die US-Hauptstadt Washington untersuchen. Dabei sollen die wichtigsten genetischen Unterschiede zwischen Personen erfasst werden, die beispielsweise übergewichtig oder nicht übergewichtig sind. Kleine Veränderungen in der Genausstattung, die bei einer signifikanten Anzahl übergewichtiger Personen vorkommen, könnten dann beispielsweise als genetische Marker für Fettsucht dienen.
Ein Ziel der Untersuchung sei es, die komplexen Zusammenhänge zwischen Genausstattung und Umweltfaktoren besser zu verstehen, die zur Entwicklung bestimmter Krankheitsbilder beitragen, so die Forscher. In einer früheren Arbeit zeigte Rotimi bereits, dass sich etwa die Verbreitung von Bluthochdruck bei Menschen afrikanischer Herkunft sehr stark unterscheidet – je nachdem, wo die Menschen heute leben. Der Direktor des National Human Genome Center an der Howard University fand beispielsweise heraus, dass Menschen in ländlichen Gegenden Westafrikas nur zu 7 Prozent an Bluthochdruck leiden, während der Wert bei Personen aus der Karibik mit 28 Prozent deutlich höher liegt. Bei Afroamerikanern erreicht der Wert gar 34 Prozent. Der Unterschied ergebe sich wohl aus einer Kombination der Lebensbedingungen einer Person und ihrer Genausstattung, vermutet Rotimi. Die erste genomweite Untersuchung werde nun hoffentlich wichtige Hinweise über die Verteilung beider Faktoren geben.
Genau hier setzt die Arbeit von Rotimis Kollegen Michael Christman ein. Der Leiter des Genetik-Instituts an der Boston University konnte kĂĽrzlich eine spezifische Region im Erbgut aus Europa stammender Amerikaner finden, die mit Fettleibigkeit zu tun hat. Unter den 1320 Versuchspersonen, die in einer Langzeitstudie ĂĽber mehrere Generationen untersucht wurden ("Framingham Heart Study") ergab sich, dass diejenigen, die ĂĽbergewichtig waren, bestimmte DNS-Variationen gemeinsam hatten.
Christman und Rotimi wollen nun ähnliche DNS-Variationen bei Afroamerikanern finden, die eine Fettsuchtneigung ausdrücken und für Bluthochdruck und Diabetes verantwortlich sein könnten. Die Forscher wollten dazu entsprechende Blutproben mit den neuesten Genchips von Affymetrix analysieren, einem führenden Unternehmen auf dem Gebiet. Die Genchip-Technologie kartografiert besonders dichte und komplexe Regionen der DNS. Forscher können dadurch spezifische Bereiche des Erbgutes genauer untersuchen, um interessante Variationen zu entdecken.
"Auch wenn die Zunahme des Übergewichtsproblems an den Lebensumständen liegt, etwa mit zu hoher Kalorienaufnahme und zu wenig Sport zu tun hat, bleibt die Genausstattung ein wichtiger Faktor. Mindestens die Hälfte der Neigung zum Übergewicht hat damit zu tun", meint Christman. Es sei ein definierter Bereich, in dem sich dies abspiele.
Um die genetische Komponente des Übergewichtes herauszufinden, setzten Christman und Rotimi auf die Entdeckung so genannter einzelner Nukleotid-Polymorphismen, kurz SNPs. Das ist eine große Herausforderung: Es gibt mehr als 10 Millionen häufig vorkommender SNPs, und deren einzelner Abgleich mit denen aller anderen Versuchspersonen wäre ein computertechnischer Albtraum. Deshalb setzt das Team auf die Studie von 20 spezifischen Genen, die mit den untersuchten Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Dort werden die SNPs dann konkret kartografiert. Anschließend sollen die Ergebnisse mit denen der Framingham-Untersuchung verglichen werden. Vergleiche mit anderen ethnischen und geografischen Bevölkerungsgruppen sind ebenfalls angedacht.
"Bei der Genetik geht es nicht darum, Leute zu testen, um dann vorherzusagen, ob sie übergewichtig werden", meint Christman. Es gehe vielmehr um die genetischen Vorgänge, die dies beeinflussten. Diese wolle man verstehen, um dann eines Tages passende Medikamente entwickeln zu können.
Troy Duster, Soziologe an der New York University, warnt allerdings davor, dass eine solche Studie einer bestimmten Rasse leicht missverstanden werden könne. Der Autor des kritischen Buches "Hintertür zur Rassenhygiene" glaubt, dass die Öffentlichkeit die Arbeit der Howard University als "Jagd nach dem schwarzen Übergewichtsgen" interpretieren könnte, dabei gehe es nur darum, Gründe zu finden, warum die Fettleibigkeit in dieser Bevölkerungsgruppe so häufig vorkomme.
Christman und Rotimi geben sich demgegenüber unbeeindruckt – sie planen, genetische Untersuchungen auch bei anderen Bevölkerungsgruppen durchzuführen. Die Patienten sollten eines Tages spezifisch nach ihrem Genprofil behandelt werden können: "Mit unserer Arbeit wollen wir dieses Ziel erreichbarer machen."
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)