Die RĂĽckkehr zur Einfachheit
Mit dem besonders einfachen "Motofone" will Motorola vor allem in Schwellenländern punkten. Die verwendete Technik ist dennoch innovativ.
- Kevin Bullis
Viele aktuell erhältliche Handys leiden unter Batteriehunger und nerven die Nutzer mit komplizierter Bedienung. Eines der neuesten Modelle des Herstellers Motorola geht jetzt den umgekehrten Weg – es soll besonders leicht zu bedienen sein, bietet deshalb nur grundlegende Funktionen und spart dadurch Strom.
Das neue Modell nennt sich "Motofone" und soll Ende des Jahres erscheinen. Es ist insbesondere für Schwellenländer gedacht und daher im unteren Preissegment angesiedelt. Innovative Technik soll es trotz aller Einfachheit aber enthalten – so soll es das bislang schmalste Handy sein, das Motorola jemals herausbrachte. Zudem orientiert sich das "Motofone" am Hitmodell des US-Herstellers, dem deutlich teureren "Razr". Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Styling des Gerätes zähle, egal wie viel die Kunden verdienten oder welchen sozialen Status sie hätten, erklärt Projektmanager Rafael Colorado, der als Kolumbianer selbst aus einem der Zielmärkte stammt.
Das Motofone ist neben den Ländern der Dritten Welt auch für aufstrebende Volkswirtschaften wie Indien gedacht, wo es derzeit noch kein Stil-prägendes Modell von Motorola wie das Razr gäbe, wie Analyst Ryan Reith vom IT-Marktforschungsinstitut IDC sagt. In diesen Märkten sei Nokia bislang besser aufgestellt. Das Motofone eigne sich aber auch für die Vereinigten Staaten und Westeuropa – etwa für Einsteiger und Menschen, die ein einfaches Handy suchten, das dennoch zuverlässig funktioniere.
Das Hauptunterscheidungsmerkmal des neuen Billig-Handys ist sein Bildschirm. Das Display mit hohem Kontrast verwendet eine Technologie, die am MIT entstanden ist, und heute vom Start-up E Ink vermarket wird: Das so genannte "elektronische Papier". Wie echtes Papier benötigt der Bildschirm keine Hintergrundbeleuchtung wie bei der LCD-Technik, auch eine konstante Stromversorgung wie bei OLEDs ist nicht notwendig. Strom wird überhaupt nur dann gebraucht, wenn sich das Bild verändert. Es wird aus kleinen Kügelchen gebildet, die schwarze und weiße Partikel im Nanomaßstab enthalten. E Ink-Chef Russell Wilcox vergleicht dies mit kleinen Tintenstückchen auf Papier: Ob die Kügelchen schwarz oder weiß erschienen, hänge vom Ladungszustand einer darunter liegenden Elektrode ab. Eine negativ geladene Elektrode stößt die negativ geladenen schwarzen Partikel ab, so dass sich diese nach vorne drehen – die positiv geladenen weißen Partikel werden hingegen nach hinten gezogen und damit unsichtbar. Das Ergebnis ist ein schwarzer Bildpunkt. Graustufen lassen sich erzielen, in dem man die Ladung in Intervallen verändert und schwarze und weiße Partikel mischt. Das Display biete auch im starken Sonnenlicht eine gute Ablesbarkeit und verbrauche insgesamt wesentlich weniger Energie als die LCD-Technik, sagt Wilcox.
Der technische Ansatz der elektronischen Tinte wird bereits seit zehn Jahren verfolgt – erste Produkte wie E-Book-Lesegeräte oder eine besonders dünne Uhr von Seiko erschienen erst in diesem Jahr. Motorola-Technologiechefin Padmasree Warrior findet, dass sich die Technik aus verschiedenen Gründen gut für Schwellenländer eigne. So sei der geringe Stromverbrauch attraktiv - etwa in den ländlichen Gebieten von Indien, wo die Energieversorgung ein Problem darstelle. Der eingesparte Strom erlaubt es Motorola, eine wesentlich kleinere, billigere Batterie zu verwenden – trotz acht Stunden Sprechzeit und zwölf Tagen Standby. Laut Colorado ließe sich das Handy sogar beim Fahrradfahren laden – noch immer ein Haupttransportmittel in vielen Ländern der dritten Welt. Motorola arbeitet daher an einem kostengünstigen, Dynamo-basierten System, das man dann an sein Fahrrad anstecken kann. Damit ließe sich das Motofone innerhalb von zwei Stunden laden, ohne sich beim Fahren anstrengen zu müssen.
Das neue Display erlaubt außerdem eine neue Flexibilität beim Design. "Es ist grundsätzlich wie ein Aufkleber, den man auf eine Platine aufbringt", meint Colorado. So ist es möglich, das Handy mit einer Dicke von gerade einmal neun Millimetern zu bauen. Daraus ergibt sich das gleiche Verkaufsargument wie beim Razr: Das Handy sei "slim and sleek", wie Motorola wirbt. Das E Ink-Display lässt sich außerdem beliebig formen, so dass die Designer eine interessante Einschnittsoptik am oberen Rand gestalten konnten.
Obwohl E Ink bereits Displays im Megapixel-Bereich liefern kann, kaufte Motorola eine günstigere Variante – sie verwendet eher einfache Elektronik, die Zahlen und Icons mit festen Formen darstellen kann, wie man dies von einer Armbanduhr kennt. Das ergibt ein sehr simples Display – womöglich zu einfach für Regionen wie die USA oder Europa, wo die Leute Farbbildschirme erwarten. Allerdings sitzt das Display nicht hinter einer Glasoberfläche und muss nicht rechteckig sein. Auch das macht das Gerät haltbarer.
Motorola baute außerdem weitere Funktionen ein, um das Handy leicht bedienbar zu machen. Die dargestellte Schrift auf dem Bildschirm ist beispielsweise besonders groß. Um das Motofone auch für Menschen bedienbar zu machen, die nicht lesen können, gibt es keine Text-basierten Menüs – nur Icons in Verbindung mit Ansagen in der Sprache des Zielmarktes. Das Handy besitzt außerdem zwei getrennte Antennen, die das Telefonieren auf zwei Arten verbessern: Erstens wird nicht eine der Antennen vom Nutzer blockiert und zweitens kann das Handy so auch Signale auffangen, die relativ schwach sind oder von Gebäuden gedämpft werden.
Und das Motofone soll nicht das einzige Handy seiner Art von Motorola bleiben: Die Firma arbeitet bereits an einem Nachfolger, der unter anderem eine LED-basierte Taschenlampe eingebaut haben könnte. Kameras, Handy-Internet-Zugriff oder Video-Downloads sind hingegen nicht vorgesehen.
Obwohl das Motofone ein interessantes Design besitzt, wird es für Motorola aber nicht einfach werden, sich gegen Nokia durchzusetzen – das finnische Unternehmen bringt regelmäßig neue, kostengünstige Modelle heraus. Ob das Motofone im Heimatmarkt USA erscheinen wird, ist bis dato noch unklar – dazu müsste Motorola erst einmal einen Netzbetreiber finden, der es verkaufen will, wie IDC-Mann Reith meint. Eine andere Möglichkeit: Der Direktverkauf durch Motorola etwa in Supermärkten und Drogerien, wo bereits No-Name-Billighandys stehen.
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)