Wundermittel Resveratrol?
Ein Stoff, der im Rotwein steckt, hält übergewichtige Mäuse im Tierversuch gesund - und lässt sie sogar länger leben.
- Katherine Bourzac
Wenn Mäuse unter einer fett- und kalorienreichen Diät leben müssen, entwickeln sie im Alter ähnliche Krankheitsbilder wie Menschen, die sich falsch ernähren. Einer der Bestandteile von Rotwein, das so genannte Resveratrol, ändert dies erstaunlicherweise – zumindest ergab das nun eine neue Studie, der vorläufiges Ergebnis jetzt vorliegt. Forscher am US-National Institute on Aging und der Harvard Medical School konnten beobachten, dass die fehlernährten Mäuse bei Gabe des Rotwein-Bestandteils genauso gesund wie ihre Brüder und Schwestern mit richtigem Fressverhalten blieben. Das Resveratrol verbesserte zudem die Überlebenschancen – so erreichten die fettleibigen Mäuse das gleiche Alter wie die Kontrollgruppe mit korrekter Ernährung.
Der Grund dafür ist noch nicht gänzlich erforscht: Der Stoff scheint aber einen molekularen Signalweg zu aktivieren, der eine wichtige Rolle beim Alterungsprozess der Tiere spielt. Laut der Forscher ist die Studie gar die erste ihrer Art, die nachweisen konnte, dass sich mit Hilfe von Resveratrol mit der Lebensdauer zusammenhängende Gene aktivieren ließen. Das ist ein gutes Zeichen für Forscher und Pharmafirmen, die an Behandlungsformen gegen Alterserkrankungen arbeiten und diese Gene immer als wichtig ansahen.
Fettleibige Menschen haben ein höheres Risiko, an Diabetes oder Herzleiden zu erkranken. Gleichzeitig steigt die Gefahr, sich altersbedingte Krebsarten zuzuziehen. Mäuse, die viel Fett und viele Kalorien zu sich nehmen, haben ähnliche Probleme: In der Studie zeigte die Kontrollgruppe ohne Gabe von Resveratrol unter anderem erhöhte Zucker- und Insulin-Werte, die erste Anzeichen von Diabetes sind. Ebenfalls nachweisbar waren Herzerkrankungen, Fettleber, Einschränkungen bei der Motorik und Veränderungen in den Genen, die mit ungesunden Diäten zusammenhängen.
Gab man den Mäusen mittleren Alters nun Resveratrol, linderte dies die negativen Gesundheitsauswirkungen ihrer Fettleibigkeit – Gewicht verloren sie allerdings nicht. Sie behielten jedoch gesunde Lebern und Herzen und zeigten eine Insulin-Empfindlichkeit, die der von Mäusen mit richtiger Ernährung entsprach. Gleichgutes galt für die Motorik. Besonders erstaunlich sei zudem gewesen, dass das Resveratrol offenbar fast alle der durch die falsche Ernährung hervorgerufene Veränderungen in den Genen zurücknahm, wie Rafael de Cabo, einer der beiden Forschungsleiter und als Gerontologie-Experte am National Institute on Aging tätig, sagt. Und genau diese Veränderungen könnten mit Erkrankungen des Herzen, Krebs und anderen Leiden im Alter zusammenhängen.
Resveratrol wurde bislang erfolgreich nur bei Hefen, Spulwürmern, Fruchtfliegen und Fischen getestet – dies ist die erste breitere Untersuchung bei Mäusen. Die Versuchstiere sind derzeit 27 bis 28 Monate alt – ihre normale Lebenserwartung liegt bei 32 bis 36 Monaten. Derzeit ist noch unklar, ob das Resveratrol auch die Gesamtlebenserwartung der schlecht ernährten Mäuse erhöht – sie sind schlicht noch nicht alt genug. Laut der Studie, die in "Nature" veröffentlicht wurde, dürfte sie aber der von Mäusen mit einer gesunden Ernährung entsprechen – nach 114 Wochen waren jeweils 42 Prozent der Mäuse aus beiden Gruppen verstorben, während in der Kontrollgruppe mit fettleibigen Mäusen, die nicht mit Resveratrol behandelt wurden, nach diesem Zeitraum 58 Prozent gestorben waren.
"Insgesamt sind diese Ergebnisse wirklich beachtlich", meint Richard Weindruch, Professor für Medizin an der University of Wisconsin-Madison, der die Auswirkungen von Diäten mit geringer Kalorienzufuhr auf Lebenserwartung und Gesundheit untersucht. Die Studie zeige, dass das Resveratrol erstaunliche Auswirkungen darauf habe, einer für den Körper enorm schlechten Ernährung zu widerstehen.
Es gab bereits zuvor wissenschaftliche Berichte über die positiven Gesundheitseffekte von rotem Wein oder der Nahrungsmittelzugabe von Resveratrol beim Menschen. "Dieses Molekül haben wir nicht einfach aus dem Regal gezogen", erklärt David Sinclair, außerordentlicher Professor an der Harvard Medical School, der die Untersuchung zusammen mit de Cabo leitete. Frühere Arbeiten des Forschers zeigten bereits bei Hefe, dass ein Gen namens "Sir2" aktiviert wird, das als wichtiger Regulator des Alterns dieser Organismen wirkt. Die Mäusestudie sei nun der nächste Schritt, die Frage zu klären, ob Resveratrol auch die Gesundheit von Säugetieren positiv beeinflusst.
Die Untersuchungen im Bereich der übergewichtigen Mäuse waren allerdings nur ein Teil der Studie. De Cabo und Sinclair untersuchten außerdem die Auswirkungen von Resveratrol auf Mäuse mit normalem Fressverhalten und Mäuse, denen eine kalorienreduzierte Diät vorgesetzt wurde – 40 Prozent weniger Kalorien, um genau zu sein. Eine solche Diät kann in Verbindung mit der Gabe von lebensnotwendigen Nährstoffen die Lebenserwartung von Mäusen und anderen Tieren wie Fruchtfliegen deutlich verlängern und ihrer Gesundheit gleichzeitig Gutes tun. Bei Hefe kommt hier ebenfalls das Gen "Sir2" ins Spiel, doch die Wichtigkeit äquivalenter Gene bei Säugetieren wurde noch nicht demonstriert.
Sinclairs Hypothese: Gibt man den Mäusen Resveratrol, verbessert sich die Gesundheit von Mäusen mit normaler Diät so wie bei Mäusen mit kalorienreduzierter Kost – ähnlich wie sich bei fettleibigen Tieren die Gesundheit der von normal ernährten Tieren annähert. Die Wirkung von Resveratrol erinnert nämlich an die Kalorienreduktion, selbst wenn noch unklar ist, was da auf molekularer Ebene passiert.
Weindruch, der selbst eine Studie durchführt, bei der Affen eine kalorienreduzierte Diät vorgesetzt wird, sieht in den Ergebnissen von Sinclair und De Cabo noch keine 100-prozentige Deckungsgleichheit von Resveratrol-Gabe und Kalorienreduktion. Es gäbe allerdings deutliche Überschneidungen bei der Beeinflussung der Gene.
Als nächstes will das National Institute on Aging Resveratrol nun an Rhesus-Affen mittleren Alters testen, die ebenfalls mit zu fetter Kost versorgt werden. Die Lebensdauer wird hierbei allerdings nicht untersucht, weil die Affen in Gefangenschaft 25 Jahre alt werden. Gesundheitliche Auswirkungen wie die Insulin-Empfindlichkeit will man aber prüfen. Rhesus-Affen sind deutlich näher am menschlichen Organismus als Mäuse – sollte sich das positive Ergebnis hier also bestätigen, dürfte Resveratrol tatsächlich auch gut für den Menschen sein.
In der Mäusestudie erhielten die Tiere jeweils hohe Dosen, die laut Sinclair hunderten Gläsern Rotwein entsprachen. Die Menge wäre aber auch für Menschen geeignet, wie er meint. Reveratrol ist derzeit als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich – mangels entsprechender Forschung am Menschen lässt sich allerdings nicht klar sagen, ob es wirklich positive Auswirkungen hat. Zudem ist die richtige Dosis unklar – Sinclair geht aber von eher sehr hohen notwendigen Dosen aus.
Sinclair ist auch Mitbegründer des Unternehmens Sirtris Pharmaceuticals, bei dem derzeit verschiedene klinische Tests laufen, bei denen der Effekt Resveratrol-ähnlicher Wirkstoffe auf Krankheiten wie Typ 2-Diabetes untersucht wird. (Sirtris war an der Mäusestudie nicht beteiligt.) Sirtris-Chef Christoph Westphal glaubt, dass die Forschungsarbeiten von Sinclair und anderen nun weit genug fortgeschritten seien, um in klinische Tests überzugehen. Vor fünf Jahren sah das noch anders aus.
"In meiner kurzen Zeit als Gerontologe habe ich viele Wirkstoffe gesehen, die interessant aussahen, aber alle fielen letztlich durch", meint de Cabo. Wie viele andere Forscher auch sei er skeptisch, dass es tatsächlich ein einziges Wundermittel geben kann – dementsprechend wenig begeistert war er anfangs, als Sinclair ihn ansprach, bei seiner Resveratol-Forschung mitzumachen. Es habe sich nun aber herausgestellt, dass das Präparat wirklich potent sei: "Ich war positiv überrascht über unsere Ergebnisse."
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)