Schiffbau
Besonders gut läuft zurzeit der Handel mit Luxus- und Megayachten. Im Jahr 2005 standen in den Auftragsbüchern der Yachtbauer 21 Prozent mehr Bestellungen als im Vorjahr, rund zwei Drittel davon bei europäischen Werften.
- Karsten Schäfer
Der Schiffbau boomt weltweit, dank der Globalisierung. Denn der weit überwiegende Anteil des Welthandels wird per Schiff abgewickelt, die Gesamtmenge aller per Schiff transportierten Güter hat sich seit Anfang der achtziger Jahre fast verdoppelt. Allein 3.500 Containerschiffe, 16.000 Stückgutfrachter und über 11.000 Tanker sind dafür weltweit im Einsatz. Und sie werden immer größer: Die im Sommer getaufte „Emma Maersk“ der dänischen Reederei Maersk kann bis zu 13.000 Standardcontainer von 20 Fuß Länge aufnehmen und ist damit das bislang größte Containerschiff.
Vor allem das enorme Wirtschaftswachstum in China und anderen fernöstlichen Ländern und der damit verbundene Bedarf an neuen Handelskapazitäten sorgen dafür, dass die Orderbücher der Schiffbau-Branche auf der ganzen Welt gut gefüllt sind. Mitte dieses Jahres standen darin 6100 Bestellungen – nicht weniger als das Vierfache der gesamten Jahresproduktion von 2005. Südkorea ist dabei die führende Schiffbaunation mit einem Marktanteil von 37 Prozent, gefolgt von Japan mit 24 Prozent und China mit 17 Prozent. Mit etwas über drei Prozent steht Deutschland an vierter Position.
„Bei diesen Vergleichen werden aber nicht einfach die Schiffe gezählt“, erklärt Werner Lundt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Man betrachtet vielmehr den umbauten Raum eines Schiffes – grob gesprochen das Volumen – und multipliziert diesen je nach Schiffstyp mit einem unterschiedlichen Gewichtungsfaktor. Auf diese Weise wird zum Beispiel ein riesiges, aber einfach zu bauendes Containerschiff in die rechte Relation gesetzt zu einem Kreuzfahrtschiff, das einen ungleich größeren Aufwand bei Innenausbau und Technik erfordert. Das Ergebnis ist die „Gewichtete Bruttoraumzahl“, für die meist die englische Abkürzung CGT (Compensated Gross Tons) verwendet wird
Ohne die Rechnung in CGT-Einheiten sähe die Statistik für die europäische Schiffbau-Industrie ziemlich schlecht aus. Denn die großen Werften in Asien – die größte der Welt ist die südkoreanische Hyundai Heavy Industries – bauen vor allem Container- und Tankschiffe in großer Stückzahl und zu günstigen Preisen. Die meist mittelständischen Unternehmen bei uns fertigen vor allem technisch anspruchsvolle und daher wesentlich teurere Einzelstücke oder kleine Serien: Fähren und Kreuzfahrtschiffe, Spezial- und Marine-Schiffe, Yachten sowie kleinere Frachtschiffe.
Doch friedliche Koexistenz ist nicht angesagt: China hat sich durch Parteitagsbeschluss das Ziel gesetzt, Nummer eins im Weltschiffbau zu werden, Länder wie Vietnam und Indien errichten mit staatlicher Hilfe neue Werften. „Durch diesen Verdrängungswettbewerb steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich zum Beispiel die koreanischen Werften in den klassischen Marktsegmenten der Europäer probieren“, sagt Werner Lundt. Eine weitere Gefahr sieht er in der Produktpiraterie – denn inzwischen werde von den ausländischen Auftraggebern oft eine Zusammenarbeit mit Firmen vor Ort eingefordert. „Dies bedeutet dann häufig einen Wissenstransfer bis zu 100 Prozent“, meint Lundt diplomatisch. Für den europäischen Schiffbau käme es deshalb darauf an, schneller zu „innovieren“, als andere kopieren können.
Welche Innovationen bei der Herstellung und dem Bau von neuen Schiffen bereitstehen stellt TR-Autor Sönke Gäthke vor. Da erobern modernste Laser die Hallen der Werften und für künftiges Planen und Konstruieren setzen die Ingenieure auf virtuelle Realität, die die Schiffskonstruktion quasi begehbar macht. Auch die übernächste Stufe, die „Erweiterte Realität“ kündigt sich schon an. Mit einer speziellen Brille können Ingenieure und Mechaniker sich dann weitere Informationen über Maschinen und Teile, die sie in der Realität sehen, anzeigen lassen.
Sönke Gäthke stellt zu guter Letzt noch völlig neue Schiffstypen vor, die sich bald entscheidende Nischen im Markt sichern könnten. Unter ihnen neuartige Binnenfrachtschiffe, Schiffe nach dem SWATH-Konzept – die wie ein Katamaran auf schmalen Stützen stehen, die aber nicht in zwei Rümpfen, sondern in zwei torpedoförmigen Schwimmkörpern unterhalb der Wasserlinie enden – und die Flugboote. Diese Vehikel nutzen den so genannten Bodeneffekt und fliegen in geringer Höhe über das Wasser.
62 WERFTEN Masse aus Asien, Hightech aus Europa
67 ANTRIEBE Zweitakter, Turbinen und neue Windkraft
68 GRAFIK Das größte Passagierschiff der Welt von innen
70 PRODUKTION Wie der Bau von Schiffen effizienter wird
73 ROST Der schwierige Kampf gegen den Verfall
74 DESIGN Neue Schiffstypen fĂĽr jede Nische (wst)