Im Handy flackert der Lesestoff
Verlage versuchen mit allen Mitteln, junge Zielgruppen zu erreichen. Die neueste Idee: BĂĽcher werden auf Handys geschickt, wo sie dann Wort fĂĽr Wort angezeigt werden.
- Kate Baggott
Ist das die Zukunft der Unterwegs-Lektüre? Mit einer neuen Software ist es möglich, Bücher auf Mobiltelefone zu senden, um sie dort dann leserfreundlich anzeigen zu lassen – und zwar auch auf kleinen Bildschirm. Die Technik namens ICUE stammt aus England und ist nicht ganz ein Jahr alt. Statt die Handy-Besitzer dazu zu zwingen, ständig große Textblöcke zu herunter zu scrollen, werden Inhalte dabei ganz einfach Wort für Wort oder Teilsatz für Teilsatz angezeigt.
Die einfache Java-Anwendung basiert auf dem so genannten "Tachistoskop", einem Gerät zur schnellen Bilderkennung. Es wurde ursprünglich von der amerikanischen Luftwaffe erfunden, um Piloten zu trainieren, Feindflugzeuge auch aus einiger Entfernung wahrnehmen zu können. Das Gerät wurde später auch beim Vermitteln von Techniken zum schnellen Lesen verwendet.
Tachistokop-inspirierte Leseprogramme gibt es im Internet schon länger. Andrew Stephens, ein Software-Entwickler aus Neuseeland, brachte sein Tool namens "Word Up" bereits vor drei Jahren heraus. Obwohl Stephens immer glaubte, dass sich die Technik auch für tragbare Geräte eignen könnte, kam ihm die dortige Verwendung ein wenig "wie unter Drogen" vor.
Die bislang 10.000 Kunden, die ICUE einsammeln konnte, sehen das jedoch anders: Diese sind es offenbar gewohnt, lange Zeit auf ein Display mit sich schnell verändernden Bildern zu schauen – Videospiele lassen grüßen. "Unsere Kunden sind in mehrere Segmente unterteilt – geschäftliche Anwender, High-Tech-orientierte Nutzer und natürlich auch Teenager", meint ICUE-Managing Director Jane Tappuni. "16jährige benutzen unsere Technik am häufigsten, weil sie auch ihre Handys am stärksten nutzen. Sie lesen einerseits das, was sie in der Schule lesen, aber auch das, was gerade modern ist."
Cally Poplak, Direktorin beim britischen Verlag Egmont Press, stört vor allem, dass sie auch qualitativ hochwertige Bücher nur kurz verkaufen kann, weil der Absatz zurückgeht, sobald die ersten Händler sie aus den Regalen nehmen: "Ich habe langsam genug davon, sensationell gute Teenager-Romane abzulehnen, weil es immer so ein Kampf ist, Auflagen zu erreichen, die groß genug sind." Dieser Frust habe sie dazu gebracht, die Industrie einmal "ganz anders zu betrachten".
Egmont Press gehört daher neben anderen Verlagsgrößen wie HarperCollins, Pan Macmillan, Pearson und Simon & Schuster zu den Lizenzgebern von ICUE. Dort werden aus den großen Katalogen an Teenager- und Bildungs-Literatur Bücher fürs Handy gemacht. Das britische Unternehmen will seine Technik demnächst auch in den USA verkaufen - allerdings erst, wenn der technisch fortschrittlichere Heimatmarkt geknackt ist: "Das Vereinigte Königreich ist bis zu zwei Jahre vor den USA, was den Handy-Markt anbetrifft", so ICUE-Frau Tappuni. So nutzten beispielsweise nur 35 Prozent der Amerikaner SMS, während die Technik in Großbritannien von nahezu 100 Prozent der Nutzer verwendet würde.
Das Marktforschungsunternehmen "Childwise Monitor" fand kürzlich heraus, dass inzwischen 90 Prozent aller britischen 13- bis 16jährigen Handys nutzen. Und ICUE scheint bei ihnen anzukommen: 80 Prozent der Nutzer, die die Software herunterladen und sich Demonstrationstexte ansehen, kaufen auch E-Books, sagt die Firma. Der Trend wird auch im Bildungswesen gesehen. Laut Tappuni rufen sie immer öfter Lehrer an, die nachfragen, ob Lehrbücher im ICUE-Format vorliegen.
Leseexperten glauben durchaus, dass die Technik Lehrer interessieren sollte. "Die steigende Verwendung von Handys könnte die Schüler mit verschiedenen Texten in Kontakt bringen", meint der Bildungspsychologe Richard Thurlow, der das Buch "Linking Literacy and Technology" verfasst hat. "Allerdings hängt der Erfolg dieser Technik bei Zielgruppen, die wenig lesen oder gerade damit anfangen, stark mit der Lesbarkeit und dem Interesse an dem verfügbaren Material ab."
Sollte sich das Lesen langer Texte auf dem Handy tatsächlich breiter durchsetzen, würde dies den lange vorhergesagten Siegeszug von speziellen E-Book-Readern bremsen. Dazu gehört etwa der kürzlich vorgestellte "Sony Reader", dessen Display auf so genannter "E Ink", elektronsicher Tinte, basiert.
Michael Hart, Mitbegründer des "Projekt Gutenberg", das freie Texte aus allen Epochen in E-Book-Form verfügbar macht, hält das Sony-Gerät bereits für einen Flop. "Das ist der völlig falsche Ansatz für das Internet-Zeitalter - wie alle anderen Hardware-Reader übrigens auch.“ Es würden eine Milliarde neue Handys jedes Jahr hergestellt: "Da kann man einfach nicht mithalten." Das "Projekt Gutenberg" hat daher bereits 20.000 Texte online gestellt, die sich auch auf dem Handy lesen lassen.
Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)