Die Zeitungszerleger

Jahrelang litt die Musikindustrie unter dem Internet – bis Apples iTunes kam. Heute geht es dem Journalismus wie den Musiklabels damals. Das niederländische Start-up Blendle verspricht, dass nun alles anders wird.

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Von
  • Hans Dorsch

Jahrelang litt die Musikindustrie unter dem Internet – bis Apples iTunes kam. Heute geht es dem Journalismus wie den Musiklabels damals. Das niederländische Start-up Blendle verspricht, dass nun alles anders wird.

Die beiden jungen holländischen Journalisten Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping haben in nur einem Jahr zwei kleine Wunder vollbracht: 2013 gründeten sie ihr Start-up Blendle, 2014 hatten sie praktisch alle Zeitungen der Niederlande auf ihrer Plattform versammelt. Zweitens haben sie 300.000 überwiegend junge Nutzer dazu gebracht, sich bei einem Dienst anzumelden, bei dem es nichts umsonst gibt.

Die Geschichte erinnert nicht von ungefähr an iTunes. Tatsächlich diente der Apple-Dienst den Gründern als Vorbild. So wie iTunes die Musikalben in einzelne Songs filetiert, zerfallen auch bei Blendle die herkömmlichen Mediengrenzen. Nutzer können Zeitschriften zwar auch komplett im Original-Layout lesen. Aber die eigentliche Idee besteht darin, einzelne Artikel zu kaufen. Sie erscheinen dann im Blendle-Layout. Eine weitere Parallele zu iTunes: Mit 30 Prozent erhält Blendle einen erklecklichen Teil der Einnahmen.

Doch reichen diese Ähnlichkeiten schon aus, um den Journalismus so zu revolutionieren, wie es Apple mit der Musikindustrie getan hat? Schließlich sind 300000 Nutzer nicht viel im Vergleich zu den 800 Millionen iTunes-Kunden, und Holland ist nicht die Welt. Tatsache ist aber auch: Seit 20 Jahren suchen die Verlage vergeblich nach einem Rezept, mit Online-Journalismus Geld zu verdienen. Die Finanzierung über Werbung rechnet sich selten. Altehrwürdige Zeitungen wie die "Süddeutsche" oder die "Hannoversche Allgemeine" machen nun Teile ihres Online-Inhalts kostenpflichtig. Aber einen guten Weg, das Angebot ihren Lesern schmackhaft zu machen, haben die Verlage noch nicht gefunden. Die meisten Nutzer dürfte dabei weniger der reine Preis abschrecken als vielmehr die umständliche Handhabung: Sie müssen sich für jedes Medium neu anmelden und sich oft auf Monatsabos einlassen – unabhängig davon, wie viel sie diese nutzen.

Wenn Blendle es tatsächlich schafft, ausreichend viele Titel unter seinem Dach zu versammeln, wäre damit eine entscheidende Hürde für kostenpflichtige Inhalte gefallen. Und die Niederländer scheinen auf dem richtigen Weg: Anfang dieses Jahres kamen das "Wall Street Journal", die "New York Times" und der "Economist" dazu. "New York Times" und der Springer-Verlag stiegen mit drei Millionen Euro als Investoren ein. Nun beginnt der Beta-Test in Deutschland mit 38 Zeitungen und Magazinen, von der "Zeit" über "Spiegel", "Stern", "Brigitte", "Süddeutsche", "Frankfurter Allgemeine" und "Bild" bis hin zu verschiedenen Special-Interest- und Regionalblättern.

Ende Juli soll das Angebot dann offen verfügbar sein. Blendle ist eine Web-Anwendung, die auf allen Geräten läuft. Zur Anmeldung genügen E-Mail-Adresse und Passwort. Danach füllt Blendle die Online-Geldbörse mit einem Guthaben von 2,50 Euro auf, damit Nutzer sofort loslegen können. Ist sie leer, lässt sie sich per Kreditkarte, PayPal oder der in den Niederlanden beliebten iDEAL-Onlineüberweisung wieder füllen. Die Artikel kosten je nach Länge 29 bis 99 Cent.

Die Artikel öffnen sich in einem ungewohnten mehrspaltigen Layout. "Es ist wichtig, dass unsere Anwendung einzigartig aussieht", sagt Marten Blankesteijn. "Die Leute müssen sehen und spüren, dass dieses Angebot etwas anderes ist als das, was sie im kostenlosen Web bekommen." Das kommt bei den Nutzern offenbar gut an. 20 Prozent füllen ihre Geldbörse nach der Gratisphase mit Beträgen von 5 bis 50 Euro auf. In absoluten Zahlen ist das wenig, aber der Prozentsatz ist sehr hoch. Zum Vergleich: Bevor die "New York Times" ihr Online-Angebot kostenpflichtig machte, hatte sie knapp 62 Millionen einzelne Nutzer im Monat. Zwei Jahre später blieben davon nur 668000 zahlende Abonnenten übrig – etwas mehr als ein Prozent.

Alle Vorarbeiten und laufenden Dienste sind für die Verlage kostenlos. Sie müssen nur irgendwie ihre Daten liefern, alles andere macht Blendle. "Wir passen unser System an das der Verlage an", berichtet Blankesteijn. "Manchmal sind die Daten in unserem System am Ende besser strukturiert als die des Verlags." So lassen sich die Inhalte auf alle Endgeräte anpassen. "Wir lizenzieren sogar die Schriften, die einzelne Zeitschriften verwenden, damit jede Publikation ihr eigenes Gesicht behält." Dafür bekommt Blendle anschließend einen Teil der Einnahmen.

Gefällt ein Artikel nicht, kann der Nutzer ihn innerhalb von 24 Stunden zurückgeben. In einem Blog schreibt Alexander Klöpping, dass bei Klatschzeitschriften über 50 Prozent der Artikel reklamiert werden. Mit überzogenen Überschriften à la Buzzfeed ist bei diesem System kein Geld zu machen. Dafür sind lange Interviews und Analysen den Lesern echtes Geld wert. Die Gründer sagen, die Verlage seien mit den Einnahmen zufrieden. Wie viel sie verdienen, wollen aber weder sie noch ihre Partner verraten.

Ein kurzer Vergleich mit werbefinanzierten Seiten zeigt, dass sich so ein Modell für Anbieter rechnen kann: Für 5000 Aufrufe einer Seite mit vier Werbebannern erhalten sie aktuell ungefähr 140 Euro. Wenn dieselben 5000 Leute nur zehn Cent für den Artikel bei Blendle bezahlen, kommen 500 Euro zusammen. Auch wenn davon 30 Prozent an Blendle gehen, bleibt beim Verlag immer noch mehr hängen als durch Werbung. Außerdem erreichen sie eine Zielgruppe, die Papier kaum noch anfasst.

Die Konkurrenten für Blendle stehen schon bereit. Die meisten locken mit Flatrates: Für 9,99 Euro im Monat gibt es bei Readly über 1000 internationale Zeitschriften als PDF zum Download, zum großen Teil allerdings Special-Interest-Ma- gazine. Die Hälfte der hundert deutschsprachigen Titel sind Frauen- und Adelsmagazine wie "Das neue Blatt". Newscase (früher unter dem Namen niiu bekannt) bietet für den gleichen Preis nur hundert Quellen an, darunter aber immerhin tagesaktuelle Artikel aus der "NZZ" oder der "Welt". Die sind lesefreundlich aufbereitet, aber wie bei Readly nur mit entsprechender App zu lesen.

Ein mit Blendle am ehesten vergleichbares Konzept verfolgt das Hamburger Start-up Pocketstory. Auch hier werden die Artikel einzeln verkauft, zu Preisen ab 39 Cent. 30 Prozent davon gehen an die Plattform. Bezahlt wird am Ende des Monats per Bankeinzug oder sofort mit PayPal, wobei allerdings jedes Mal zusätzliche Gebühren anfallen. Auf dem deutschen Markt ist Pocketstory dem niederländischen Konkurrenten bereits zuvorgekommen: Es gibt schon seit Mitte Mai eine funktionierende Beta-Version. Inhalte liefern unter anderem "Zeit", "Spiegel", "Mare" und "Technology Review".

Bis die Start-ups wirklich den Journalismus umgekrempelt haben, dĂĽrfte es noch ein langer Weg sein. Aber immerhin hat auf diesem Weg schon ein spannender Wettlauf begonnen. (bsc)