Die erste Impfung gegen Krebs ....
... ist das Serum gegen die Gebärmutterhalskrebs entgegen aller Veröffentlichung wohl nicht. Doch es ist wohl eine spektakulärsten Entwicklungen der letzten Jahre. Experten hoffen, die häufig tödlich verlaufende Krankheit damit völlig auszurotten.
- Edda Grabar
Harald zur Hausen hat es geschafft. Entspannt sitzt der nun 70-jährige Forscher und ehemalige Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) während der Pressekonferenz seines einstigen Instituts im Stuhl, um der Erklärung des Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (STIKO) Heinz-Josef Schmitt zu lauschen. „Die Impfkommission“, sagt dieser, „wird empfehlen, alle minderjährigen Mädchen und junge Frauen gegen Papillomaviren zu impfen.“
Der Satz beschreibt nicht weniger als den Höhepunkt eines Forscherlebens. Zur Hausen ist gelungen, was ein Heer von Wissenschaftler täglich versuchen: Er erkannte die Ursache einer Krankheit, konnte seine These beweisen und lieferte schließlich die Grundlagen für die Entwicklung gleich zweier Wirkstoffe, die, nach derzeitiger Datenlage, zu nahezu hundert Prozent vor dieser Krankheit schützen. Eine Krankheit, an der weltweit heute noch jährlich noch fast eine halbe Millionen Frauen (6500 in Deutschland) erkranken – acht von zehn in Entwicklungsländern – und zwischen 30 und 50 Prozent (2700 in Deutschland) sterben: Gebärmutterhalskrebs.
Die Tumoren im Unterleib gehen auf die Zerstörungskraft eines Stückchens Erbgutinformation zurück, das in einer scheinbar schlichten Eiweißhülle eingepackt ist. Die Papillomaviren dringen in die Schleimhautzellen ein, vermehren sich und verhindern mit zwei Eiweißen, dass die Zellen natürlich sterben. Sie entarten. Nahezu alle Fälle von Gebärmutterhalskrebs gehen auf Papillomaviren (HPV) zurück. Dazu etwa die Hälfte aller Krebserkrankungen der Mandeln, ein Viertel des Mundhöhlenkrebs sowie auch seltene Krebsarten im Analbereich, der Scheide und des Penis, so zur Hausen. Für etwa 70 Prozent der bösartigen Wucherungen sind lediglich zwei Typen der so genannten HPV-Hochrisikogruppe verantwortlich. Der Rest verteilt sich auf weitere rund 30 von über 100 Erregern.
Vor 32 Jahren aber wollte das noch niemand glauben. Damals, noch Leiter des Lehrstuhls für Klinische Virologie an der Universität Erlangen, trug Harald zur Hausen zum ersten Mal seine These auf einer internationalen Konferenz in Florida vor. „Ich stieß auf eiserne Ablehnung“, erinnert er sich. Sein Vortrag wurde schweigend zur Kenntnis genommen. Kursierte doch damals unter der Hautevolee der Krebsexperten, Herpesviren verursachten Gebärmutterhalskrebs. Doch das Infant terrible blieb seiner Überzeugung treu. Zehn Jahre später konnte er den Beweis erbringen. Seine Arbeitsgruppe isolierte HPV 16, einen der beiden gefährlichen Virustypen, aus den Karzinomen und kurz darauf auch den anderen, HPV 18.
Nun haben gleich zwei amerikanische Pharmakonzerne zeitgleich je einen Impfstoff gegen diese beiden schlimmsten Vertreter entwickelt. Beide Seren enthalten die leeren Eiweißhüllen des Virus aus dem Protein L1. Für das Immunssytem sehen sie damit dem Virus zum Verwechseln ähnlich. Und so schützen auch beide Vakzienen nahezu vollständig vor der Infektion – und damit vor dem immer noch viel zu häufig tödlich endenden Krebs.
Etwa 80 Prozent aller Frauen infizieren sich mindestens einmal in ihrem Leben mit den Papillomaviren. In den meisten Fällen bekämpft das eigene Abwehrsystem den Erreger erfolgreich und verbannt ihn aus dem Körper. Manchmal entstehen Läsionen, manchmal nicht einmal die. Wenn die Immunabwehr jedoch nicht stark genug ist, kommt es je nach Typ des Erregers zur unangenehmen jedoch ungefährlichen Warzenbildung im Genitalbereich – oder eben zu Krebs.
„Für Frauenärzte ist die Impfung ein Segen“, sagt Achim Schneider, Leiter der Klinik für Gynäkologie der Charitee am Benjamin Franklin Campus in Berlin. Für die Krebsforschung im Allgemeinen bedeute er jedoch keinen Durchbruch. Denn behandeln lässt sich der Krebs mit dem Impfstoff ebenso wenig wie sich andere Krebsformen bislang durch Vakzine therapieren lassen. Obwohl weltweit mit Hochdruck an solchen Ansätzen geforscht wird. Dabei suchen Forscher nach Strukturen auf Krebszellen, die das eigene Abwehrsystem dazu anregen, die entarteten Zellen zu bekämpfen. Erst kürzlich fanden Forscher der Uniklinik Tübingen solche Signale auf Nierenkrebszellen. Inzwischen werden sie klinisch erprobt. „Allerdings zunächst um mögliche Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen“, sagt Stefan Stevanovic vom Interfakultären Institut für Zellbiologie der Uniklinik Tübingen. Von einem Durchbruch möchte er nicht sprechen. Zu oft schon sind verheißungsvolle Ansätze ins Leere gelaufen. Erst vor wenigen Jahren artete die angeblich erste Impfung gegen das Nierenzellkarzinom an der Uniklinik Göttingen in einen skandalträchtigen Fälschungsfall aus.
In Tübingen ist es den Forschern gelungen neben unspezifischen Abwehrreaktion gegen die Krebszellen, auch die „Dirigenten des Immunsystems“, wie es Stevanovic ausdrückt, zu aktivieren. Diese so genannten T-Helferzellen regulieren die Stärke und Dauer der Abwehr. „Bisher zeigt sich, dass der Cocktail tatsächlich einen die Immunantwort steigernden Effekt hat“, sagt der Krebsforscher.
Auch am Krebsforschungszentrum in Heidelberg forscht man an Impfungen, die den Krebs möglichst heilen sollen. „Krebszellen der Gebärmutter enthalten kein vollständiges Virus mehr und werden deswegen vom Immunsystem auch nicht angegriffen“, sagt Lutz Gissmann, Leiter der Abteilung Genomveränderungen und Carcinogenese am DKFZ. In seinen Laboren versuchen Wissenschaftler die Eiweiße, die der Virus auch in der Zelle noch bildet, in den Impfstoff einzubinden. „Wir untersuchen derzeit im Tierversuch, ob ein derartiger Impfstoff sowohl die Virusvermehrung hemmt, als auch die Krebszellen abtötet“, sagt Gissmann.
Da nicht der Krebs, sondern in erster Linie eine Infektion mit der Impfung verhindert wird, richtet sich die Impfung zunächst vor allem an Mädchen und Frauen, die noch nicht infiziert sind. „Das sind vor allem Jugendliche, die noch vor ihrem ersten Sex stehen“, so Schneider. So gut wie alle Frauen infizieren sich beim Sex mit Papillomaviren. Überträger sind Männer, denen die Mikrobe nur in den wenigsten Fällen etwas anhaben kann.
So wird die Empfehlung der Impfkommission wohl auch lauten, alle Mädchen zwischen neun und 16 Jahren verbeugend zu schützen. Ob dieser Ratschlag bei den Jugendlichen ankommen wird, daran zweifelt der STIKO Vorsitzende Schmitt jedoch. Erfahrungen konnten die Experten etwa beim Hepatits-Schutz sammeln. „Obwohl eine Impfung gegen den Hepatits-B-Virus chronische Leberentzündungen und Leberkrebs verhindert, liegen die Impfraten unter den Jugendlichen nur zwischen 30 und 50 Prozent“, so Schmitt und macht mit diesem Satz klar, dass die HPV-Impfung dann doch nicht die erste Impfung gegen Krebs ist, wie überall verlautbart wird. Die Erreichbarkeit der Mädchen wird wohl auch darüber bestimmen, ob auch Jungen in das Impfprogramm aufgenommen werden. „Je geringer die Impfrate bei Mädchen, umso sinnvoller ist der Einschluss von Jungen;“ sagt Schneider.
Dass US-Pharmakonzerne nun den Erfolg ernten, haben sich die einmal mehr Deutschen selbst zuzuschreiben. „Ich bin damals regelrecht Klinken putzen gegangen. Keiner konnte sich dafür erwärmen“, erzählt zur Hausen heute. (wst)