Biowaffen I: Tödliches Wissen

Der Fortschritt in der Biotechnologie ermöglicht es Terroristen, neuartige Krankheitserreger selbst zu erschaffen. Diese biologischen Waffen könnten in grundlegende Körperfunktionen eingreifen – und menschliches Verhalten beeinflussen

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Von
  • Mark Williams
Inhaltsverzeichnis

Im vergangenen Jahr reiste ein hochqualifizierter Wissenschaftler von angenehmem Wesen in die Hauptstadt seines ehemaligen Feindeslands: Serguei Popov, einst Spitzenforscher der Sowjetunion im Bereich biologischer Waffen und heute Professor am National Center for Biodefense and Infectious Diseases an der George Mason University, sprach auf einer Konferenz in Washington über Bioterrorismus – und gab einen tiefen Einblick in die Biowaffen-Forschung der ehemaligen UdSSR. Sehr zum Verdruss der anwesenden Kollegen. Sie waren eher gelangweilt von den Ausführungen des Top-Wissenschaftlers, der sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs in den Westen abgesetzt hatte. Popov sprach über längst vergangene Zeiten, über das Können der russischen Wissenschaftler und über die weitreichenden Versuche, in der Prä-Genom-Zeit Biowaffen auf gentechnischem Weg herzustellen.

Popov konnte seine Zuhörer nicht fesseln. Die anwesenden Wissenschaftler waren vor allem auf „Biodefense“-Forschung fixiert, die Erforschung der Abwehr biologischer Angriffe seit dem 11. September 2001, und auf den Umgang mit der Angst vor Anthrax im gleichen Jahr. So erregte sich der Bakteriologe Richard Ebright, Professor für Chemie und Biochemie an der Rutgers University, über die massive Erforschung von drei der bakteriologischen Erreger aus der Kategorie A (Anthrax, Pest und Hasenpest). Dieser Bereich nehme eine so immens anwachsende Förderung in Anspruch, dass Gelder für die Erforschung existierender Epidemien fehlten.

Und Milton Leitenberg, der als einer der großen alten Männer der Rüstungskontrolle vorgestellt wurde, schimpfte über die derzeitige Bioterrorismus-Besessenheit. Die panische Angst vor möglichen Anschlägen, so beharrte der etwas zerknitterte und großväterliche Leitenberg, sei Unsinn. Die Erfahrung zeige, dass fast alle biologischen Waffen von Regierungen und Militär erschaffen worden seien.

Warum also sollten Popovs Ausführungen ausgerechnet jetzt interessieren? Stehen sie nicht weit abseits der aktuellen Debatte um biologische Kriegsführung? Die Antwort ist einfach: Popovs Aussagen über die sowjetischen Forschungen sind brisant und hochaktuell. Sie offenbaren etwas darüber, was heute überhaupt möglich ist. Etliches von dem, was den sowjetischen Biowaffen-Forschern unter großen Schwierigkeiten und mit hohen Kosten gelang, kann mittlerweile leicht und billig nachgemacht werden. Und alles, was sie erreicht haben, lässt sich mit etwas Zeit und genügend Geld nachvollziehen. Wir leben in einer Welt, in der wir die Ausrüstung zum Gensequenzieren bei Ebay kaufen und in der wir uns biologisches Material, den Grundstoff für Biowaffen, per Paketpost bestellen können.

ANGST VOR BIO-HACKERN

Zunehmend stimmen Wissenschaftler in einer Einschätzung überein: Die Biotechnologie – insbesondere die Technologie zur Synthese längerer DNA-Sequenzen – ist auf einem Stand angelangt, der Terroristen und Schurkenstaaten in die Lage versetzt, neuartige Krankheitserreger zu konstruieren. Im Februar dieses Jahres veröffentlichten das Institute of Medicine und der National Research Council der National Academies einen Bericht mit dem Titel „Globalization, Biosecurity, and the Future of Life Sciences“. Dieser kam zu dem Schluss, dass „die Gentechnologie in Zukunft zur Entwicklung von Krankheitserregern mit einzigartigen, unvorhersagbaren Eigenschaften führen könnte“.

Weiter schreiben die Autoren: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass zunehmend auch weniger gut ausgebildete und ausgestattete Einzelpersonen, Gruppen oder Nationen versuchen werden, derartige Biowaffen im Krieg, bei Terrorakten oder für kriminelle Zwecke zu nutzen.“ Der Bericht folgert: „Früher oder später müssen wir mit Bio-Hackern rechnen.“ Verbrecher hätten dabei weitaus größere Schwierigkeiten, die klassischen Zutaten der biologischen Kriegsführung zu stehlen, als einfach neue zu synthetisieren. Immerhin gelang es 2002 einer Forschergruppe, ein funktionsfähiges Polio-Virus zu synthetisieren – als Vorlage diente ihnen die ins Internet gestellte Gensequenz, als Bausteine bestellten sie per Post Oligonucleotide (maschinell synthetisierte DNA-Moleküle mit einer Länge von unter 140 Basenpaaren) von kommerziellen Anbietern.

Damals warnte der Leiter der Gruppe, Eckard Wimmer von der staatlichen Universität in Stony Brook in New York, dass der technologische Fortschritt es binnen 15 Jahren möglich machen würde, auch das tödliche Pockenvirus zu synthetisieren. Diese Prognose wurde von der Wirklichkeit überholt: Im Dezember 2004 wurden DNA-Synthese-Maschinen vorgestellt, mit denen man die etwa 186 000 Basen der Pockenviren in 13 Durchläufen herstellen könnte. Die Vorstellung, dass derartige High-End-Technologie womöglich Terroristen in die Hände fällt, ist für sich genommen schon besorgniserregend. Aber kaum jemand hat bislang öffentlich eingestanden, dass sich manche rekombinante Mikroorganismen auch heute schon mit älterer Ausrüstung, die bei Ebay oder speziellen Online-Verkaufsplattformen wie LabX erhältlich ist, herstellen lassen. Die biomedizinische Forschungsgemeinde ist diesem brisanten Thema bislang in erster Linie ausgewichen. Vorsicht, Verleugnung und mangelndes Wissen über biologische Kriegsführung scheinen dafür zu gleichen Teilen verantwortlich zu sein. Jens Kuhn, Virologe an der Harvard Medical School, sagt: „Die Russen hatten ein umfangreiches Programm zur Entwicklung von Biowaffen. Aber das meiste davon wurde nie veröffentlicht, also wissen wir nicht, was sie getan haben.“