Die vernetzte Kuh

Ein israelisches Start-up will Wiederkäuer-Herden in Echtzeit medizinisch überwachen. Per Funk aus dem Magen direkt auf Farmers Laptop.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Jens Frantzen

Als Bauern noch Herden mit 30 oder 50 Kühen hatten, waren die Dinge einfach. Abends ging es von der Weide heim in den Stall und es gab frisches Heu. Und fiel dem Besitzer ein Tier mit mäßigem Appetit und glasigen Augen auf, dann war es krank und der Landarzt kam. Heute ist das anders. Die Herden der Farmer in Brasilien, den USA, aber auch in Europa sind oft riesig, Hunderte oder sogar mehrere tausend Tiere keine Seltenheit. Huf an Huf und Horn an Horn drängen sie sich um Tränken und Tröge, oder ziehen über endlose Weidegründe, die im Extremfall nur mit dem Hubschrauber erschlossen werden. Außerdem gibt es nicht nur alte verheerende Krankheiten wie Maul- und Klauenseuche, sondern auch noch relativ neue wie etwa BSE. Wer heute den Überblick über den Gesundheitszustand seiner Milch- und Fleischproduzenten behalten will, braucht technologische Hilfe.

Sie kommt aus Israel, genauer: von einem Start-up aus dem staatlichen Newe-Ya'ar Research Center, der Firma Veterix. Die Forscher um Firmengründer Eliav Tahar entwickelten ein sogenanntes Cattle Health Diagnostic System (CHDS). Sein zentraler Bestandteil ist eine Kapsel, die verschiedene Biodaten der Tiere aufnimmt. Sie misst Körpertemperatur, Herzschlag, Magenaktivität und Atemfrequenz und überträgt sie per Funk.

„Ursprünglich hatten wir an ein Halsband gedacht,“ erklärt Tahar, „doch bei Kühen ist das Fettgewebe am Hals so dick, dass keine Messungen möglich sind.“ So kamen die Forscher auf die Idee, die Messungen im Körperinnern der Wiederkäuer vorzunehmen. Die Kuh schluckt die rund elf Zentimeter große Kapsel aus einem Spezialkunststoff, die dann in ihrem zweiten Magen, dem Netzmagen, verbleibt.

Das ist für das Tier weniger unbequem als es sich anhört. Kerstin Müller, Professorin für Veterinärmedizin an der Klinik für Klauentiere der FU Berlin, relativiert: „Kühe sind unselektive Fresser mit einem robusten Verdauungssystem. Es passiert oft, dass in ihren Mägen Fremdkörper wie Nägel oder Teile von Weidezaundraht gefunden werden. Darum ist es übrigens eine gängige Methode, den Tieren einen Magneten zu füttern, der im Netzmagen die Metallteile an sich bindet, damit sie nicht durch die Magenwände stechen.“

Der also durchaus stabile Magen und sein Besitzer werden durch die lebenslang darin befindliche Veterix-Kapsel nicht gestört. Einzige Sorge der Veterinärmedizinerin: das Material. Der Pansen einer Kuh ist eine hoch effektive Zersetzungsmaschine, sein Magensaft ziemlich aggressiv. „Wenn der Kunststoff diese Korrosion aushält, sehe ich keine Probleme“, so Müller.

Die gewonnenen Daten aus dem Verdauungstrakt werden an ein zentrales Kontrollsystem übermittelt, das sie sammelt, auswertet und im Notfall den Farmer informiert. Bei heißem Wetter warnt es vor Überhitzung, bei Unregelmäßigkeiten der Magenaktivität oder der Atmung gibt es eine Krankheitsmeldung, die entweder am Bildschirm angezeigt, oder auch dem Besitzer per Mail oder SMS weitergeleitet werden kann. Neben der gesundheitlichen Überwachung dient die Erfassung der Herztöne auch für die Zucht.

Denn allein anhand der Herzschlagrate lässt sich der Eisprung der potenziellen Muttertiere akkurat feststellen. Außer der Erfassung aktueller Befindlichkeit erlaubt die Software auch eine Langzeitdiagnose, die dem Landwirt eine Optimierung seiner Pflege oder der Fütterintervalle ermöglicht.

Eine israelische Herde testet derzeit die Kapsel, mit einer Marktreife rechnen die Entwickler 2008. Jedoch will man sich zuerst auf den US-amerikanischen Markt konzentrieren – nicht nur dank der mehr als 100 Millionen Rinder dort eine veritable Zielgruppe, auch macht der hohe Technisierungsgrad in der Agrarwirtschaft das Land attraktiv.

Und noch ein weiteres Argument spricht dort für Veterix: Die Kapseln ermöglichen die Vergabe einer individuellen ID-Nummer pro Tier. Damit erfüllt das System etwa die Vorgaben des United States Animal Identification Program (USAIP), dessen Ziel die eindeutige Identifizierung von Tieren ist, die etwa mit einer (absichtlich) importierten Tierkrankheit in Berührung gekommen sein könnten.

Nicht zuletzt soll die Kapsel auch dem Nutzvieh selbst helfen. „Oft werden Tieren heute rein präventiv kontinuierlich Antibiotika verabreicht, um Krankheiten zu vermeiden“, sagt Veterix-Gründer Tahar, „aber gesund ist das natürlich nicht für die Kuh. Auch werden dadurch ihre Milch und das Fleisch unnötig belastet.“ Im Zeitalter immer beliebter werdender ökologisch bewusster Ernährung werden das die Verbraucher zunehmend weniger tolerieren, so der Forscher.

Mit seinem System sparen die Besitzer nicht nur die Kosten für Medikamente und ihre Verabreichung, sondern sie können gezielter auf einzelne Krankheitsfälle reagieren, während das Gros der Herde einfach gesünder bleibt. Ein Prototyp einer kleineren Kapsel für Ziegen und Schafe ist übrigens auch schon in der Entwicklung. (nbo)