Modellflug-Automatik anno 1917

Die bisherige Geschichtschreibung des Modellflugwesens datiert die Entwicklung der Selbststeuerung auf die 1930er Jahre. Wie der Make-Autor Burkhard Fleischer jetzt wiederentdeckt hat, setzte diese Entwicklung aber schon fast zwei Jahrzehnte früher ein, mitten im ersten Weltkrieg. Er stieß auf die Patentschrift "Lenkvorrichtung für Flugmodelle" von Otto Dahlhelm aus dem Jahr 1917, die zwischenzeitlich völlig in Vergessenheit geraten war.

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Von
  • Burkhard Fleischer
Inhaltsverzeichnis

Mit Otto Lilienthals theoretischen Untersuchungen und seinen praktischen Gleitflügen war die Frage des Fliegens nach dem Prinzip "Schwerer als Luft" prinzipiell beantwortet. Die Frage aber, wie Flugapparate sicher gesteuert werden können, beschäftigte weiterhin noch Dutzende von Flugpionieren. Ein Blick in das Archiv des Patentamtes für das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zeigt eine Fülle von Vorschlägen zu diesem Thema. Unter anderem ist bekannt, dass selbst die Gebrüder Wright noch nach ihrem erfolgreichen Motorflug von 1903 Versuchsreihen mit motorlosen Gleitflugzeugen unternahmen, um die Steuerung von Luftfahrzeugen zu erforschen und weiterzuentwickeln.

Abb. 1: Käufliches Gummimotormodell mit eingebautem Multiplikator. Vorbild ist ein Euler-Doppeldecker von 1912 (Bigenwald a.a.O., S. 35)

Bei Steuerungsvorrichtungen ist zwischen nichtselbsttätigen und selbsttätigen Steuerungen zu unterscheiden (siehe Klaus/Liebscher, Wörterbuch der Kybernetik, Bd. 2, Reinbek 1979, S. 769 ff). Bei der nichtselbsttätigen Steuerung löst der Mensch durch körperliche Betätigung bestimmte Funktionen einer komplexen Maschinerie aus. Bei einem Flugzeug werden so zum Beispiel die Grundfunktionen der Lageveränderung im Raum um die Längs-, Höhen- und Querachse durch Betätigung des Quer-, Seiten- und Höhenruders durch den Piloten ausgeführt. Beim motorisierten Flugzeug kommt die Leistungsveränderung des Antriebs (der Gashebel) als weitere Grundfunktion hinzu.

In einem Flugmodell fehlt der Pilot an Bord. Das Modell muss sich deshalb selbst steuern. In Abgrenzung zur nichtselbsttätigen Steuerung wird hier von einer selbsttätigen Steuerung gesprochen, die wiederum zwei Seiten haben kann. Zwingend ist für ein Flugmodell, dass es flugstabil konstruiert ist, das heißt das Modell muss in dem dynamischen Medium Luft die eigene Fluglage autonom so anpassen, dass keine Störung es zum Absturz bringt. Vorkehrungen hierfür sind etwa die V-Form der Tragflächen sowie Höhen- und Seitenleitwerk.

Ein in die Luft entlassenes Modell ist ein Spielball der Elemente. Moderne Fernsteuerungen sind heute ein Werkzeug in der Hand des Modellpiloten, dem Modell seinen Willen aufzuzwingen. Dies wäre wie bei den großen Flugzeugen eine nichtselbsttätige Steuerung. In den Anfängen der Modellfliegerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine derartige Anlage undenkbar. Vorstellbar war jedoch eine technische Apparatur, die vor dem Flug so programmiert wurde, dass das Modell während des Fluges selbsttätig das Programm entsprechend den Wünschen des Piloten abarbeitete. Dem Piloten kam es dann nur zu, die Steuerung am Start auszulösen.

Die groĂźe Zeit der Selbststeuerung von Flugmodellen waren die 1930er Jahre, in denen mehrere Publikationen zu unterschiedlichen Systemen der Selbststeuerung erschienen, etwa zur Kompasssteuerung. Doch erste Konzepte gab es schon fast zwei Jahrzehnte vorher. Sie sind nur in Vergessenheit geraten.